Peter Kurzeck ist ein Autor der Zeit und der Bewahrung. In seinem neuesten Buch Oktober und wer wir selbst sind, dem vierten Teil seines umfangreichen (um nicht zu sagen gewaltigen) Erzählzyklus über das Jahr 1984 in Frankfurt am Main, liest man allerorten Sätze, die von Zeit handeln, von Vergehen, vom Festhalten und davon, wie es gehen soll, dieses Festhalten. »Wo geht die Zeit mit uns hin? – Und soll nix verloren gehen.« Früh im Text taucht »das Buch« als Metapher für Bewahrung auf: Da trifft man im ersten Kapitel auf einen Briefträger, der das ganze Jahr als Frankfurter Sportsmann keinen Mantel braucht. Jetzt ist Oktober, der Briefträger befindet sich gerade im Gespräch und steht breitbeinig auf dem Gehsteig. »Steht und spricht und breitet die Arme aus, als käme er in einem Buch vor, in dem ihm und der Welt und den Menschen ganz einfach in Ewigkeit nichts geschehen kann.« Was in einem Buch ist, bleibt. Es ist das »Keiner stirbt«-Motiv. Was außerhalb des Buches ist, ist da und bald nicht mehr da. Die Kindererzaubern uns eine ganze Welt – wie hier in Fritz von Uhdes »Kinderstube« (1889, Hamburger Kunsthalle) BILD

Das erzählte Ich wandert und wandert durch Frankfurt, durch die Straßen Bockenheims, über den Westbahnhof hinaus in Richtung Taunus und will sich alles merken, will alles wieder und wiedersehen, um zu schauen, ob es noch da ist, staunt mit großen Augen wie ein Kind über die Dinge und muss sich ihrer immer erneut versichern, wie in einer einzigen, großen Gegenbewegung gegen dieses Vergehen. Die Dinge erteilen ihm einen Bewahrungsbefehl: »Steine, ein altes Muster auf dem Gehsteig, noch drei andere Steingesimse – du hast sie gesehen und jetzt sollst du sie suchen.« Das erzählte Ich ist ein Süchtiger, ein Bewahrungssüchtiger. Und draußen wird es Herbst.

Vordem war dieser Süchtige Alkoholiker. Jahrzehnte war er nie nüchtern, aber einige Jahre zuvor hat er aufgehört, um seither keinen Schluck mehr zu trinken. Im Buch kommt er öfter an den Pennern an ihren Schnapsbüdchen vorbei. »Siehst dich bei ihnen stehen und trinken und torkeln (die Erde dreht sich) und im Suff räsonieren, weil man im Suff sein Leben lang recht hat.« So wie mit den Fläschchen, die man hintereinander trinkt an den Büdchen, geht es ihm, dem Erzähler, jetzt mit der Zeit: eben noch da und jetzt schon weg. »Schon wieder zwei Minuten mehr, die eilig an mir vorbei sind.« Aber es »soll nix verloren gehen«. Wie bei den Pennern, die sich mit drei, vier Karren über das Trottoir schieben, beladen mit Dutzenden Tüten, die sie aber alle beisammenhalten, auch sie Bewahrer ihrer selbst noch in armseligster Lage. Und auch die Kinder im Kinderladen, in dem Nachmittage noch Ewigkeiten sind (der Erzähler holt jeden Tag seine Tochter Carina dort ab), rebellieren gegen die Zeit, als hätten sie jene Mächtigkeit über sie, die der Erzähler sich wünscht: »Wir werden nicht abgeholt«, sagen sie einmal zu ihm. »Wir bleiben jetzt immer hier! Du kannst auch mit uns immer hier bleiben.«

Zu Hause schreibt er unzählige Zettel voll und arbeitet an einem Buch. Es ist sein drittes. Es handelt vom Dorf seiner Kindheit, Staufenberg im Kreis Gießen. Hier geschieht die erste Dopplung, und hier geraten wir von der Prima-vista-Oberfläche des Erzählten in die Tiefenschicht des Romans (und des gesamten Zyklus): Peter Kurzeck, der Autor des Romans, erzählt uns von einem Ich, das sich in der Vergangenheit bewegt, 1983 und 1984. Dieses Ich (wir wollen es nicht geradewegs mit Peter Kurzeck selbst verwechseln – Carina nennt ihn kindersprachlich Peta), dieses Ich wiederholt auf seiner Zeitebene genau die erzählerische Bewegung, die auch der Autor Kurzeck vollzieht. Es schreibt über seine Vergangenheit, nämlich über seine Kindheit in Staufenberg. Der Erzähler geht auf diese Weise durch mehrere Zeiten. Zum einen erzählt er von heute her: Er kennt das gegenwärtige Frankfurt, und diese Zeitebene dient ihm meist dazu, zu zeigen, was 1983/84 noch da war und jetzt nicht mehr ist und nur noch ist, insofern es im Buch ist, in dem keiner stirbt. Und von der Zeit vor vierundzwanzig Jahren aus schreibt er über seine frühe Heimat Staufenberg und die seit damals verlorene Zeit, als er ein Kind war, ein Kind wie seine Tochter jetzt im Buch. Das Buch selbst ist die Bewahrung einer Bewahrung beziehungsweise die gedoppelte Beschreibung von Verlust und Vergänglichkeit und dem Anstemmen dagegen.

Diese Zeitübersprünge finden sich auch andernorts im Roman. Carina, die Tochter, wird im Eiscafé ihrerseits immer spielerisch von den Kellnern als Erwachsene behandelt (»Die Kellner spielen immer, dass Carina schon groß ist«). Wenn Carinas Mutter hingegen, Sibylle, einen Einkaufsladen aufsucht, dann nimmt sich das so aus: »Wie ein Kind steht sie erst vor den Schaufenstern und dann im Laden und spielt, sie ist ein Kind, das spielt, es ist schon erwachsen.« Noch intensiver wird die ständige Zeitvertauschung und Zeitaufhebung im Roman spürbar, wenn man sich anschaut, wie Peter Kurzecks Sprache funktioniert. Sie hat in gewissen Teilen Kindersprache in sich aufgenommen, und der Akt des Sprechens selbst hat bei Kurzeck etwas von einem Kind. Dazu muss ein wenig weiter ausgeholt werden, es berührt den stilistischen und formalen Kern von Kurzecks Prosa insgesamt.