Das hat stilistisch-formal weitreichende Konsequenzen und hilft vielleicht, die seltsame, einmalige, vorher nie da gewesene, wunderschöne Sprache Peter Kurzecks zu erklären. Notabene, Kurzecks Prosa hat am Anfang leider immer einen bestimmten Effekt auf den Leser (das liegt nicht an ihm, sondern am Leser): Sie schreckt auf den allerersten Blick aufgrund unserer Lesegewohnheiten irgendwie ab. Wer Kurzeck nicht kennt, hört zwar oft von den verschiedensten Seiten, dass er ein sehr guter, sehr aufrichtiger, geradezu zärtlicher, ja liebevoller Autor sei, aber wenn man zum ersten Mal ein Buch von ihm aufschlägt, sagt man sich doch, dass man das jetzt lieber nicht lesen will. Keine Absätze, keine erkennbare Handlung auf den ersten Seiten, keine wirklich beendeten Sätze, also ein Sprachkunstwerk, von dem man ahnt, es würde einem ziemlich viel Arbeit abfordern, um da durchzukommen. Aber jeder, der sich schließlich dazu ermannt, doch einmal Kurzeck zu lesen, wird sehr schnell erkennen, dass der erste Eindruck täuscht.

Peter Kurzeck ist ein zugleich sehr komplexer und sehr einfacher Autor. Es gibt keine Satzkonstruktionen, denen man folgen müsste, denen man nachsinnen müsste, um auf ihre Pointe oder ihren Gehalt zu kommen. Es gibt keinerlei normalen diskursiven Aufwand in diesen Sätzen. Vielmehr ist alles ganz einfach gesagt, in einem bestimmten Licht, in einer bestimmten, stets von Staunen geprägten Melodie, der Kinder besonders gut folgen können, wie in einem Märchen. Als hätten der Erzähler und Kurzeck nie aufgehört, einem, ihrem Kind zu erzählen. (»Wo von Rechts wegen Flügel sein sollten, alle Tage der Ranzen mit seinem Gewicht.«) Ganz folgerichtig ist jedes Werk seines Erzählzyklus mit der Widmung für Carina überschrieben. Peter Kurzeck führt den Befehl weiter aus, den Peta im Jahre 1983 von seiner Tochter bekommt, für die er all das sagt, im Buch wie auch in der Wirklichkeit.

Oft weiß man nicht, redet der gegenwärtige Erzähler? Ist es Peta vor zwanzig Jahren? Oder wiederholt er einen Satz Carinas? Und wann finden all diese Sätze statt? Es gibt in diesem Buch kein »außen«. Es ist dieselbe Konzentration vorhanden, wie wenn man mit seinem Kind zusammen ist. Man muss als Leser diese einmalige, für ein Buch unerwartete Redesituation begreifen. Dann hebt sich auf seltsame Weise die Zeit auf. Daher ist es nur folgerichtig, wenn Kurzeck zugleich ein Autor der Redundanz ist. Viele Dinge werden in seinem Zyklus immer wieder gesagt, immer wieder wiederholt, immer wieder angerufen, fast beschworen, immer in jenem Ton zarter Verwunderung (»Jetzt hast du ein Kind«), einzelne Textflächen werden wie zur ewigen Gegenwart, wie ein unendlicher Kindernachmittag. Es ist der Akt des Sprechens selbst, auf den es in dieser Prosa ankommt. Es ist ihre Zartheit, Unbedrohlichkeit, Friedlichkeit, mit der sie anredet.

Deshalb kann man Kurzecks Bücher nicht lesen wie andere. Man kann sie nicht lesen, um wissen zu wollen, was drinsteht. Man kann sie nicht lesen, um dabei intellektuell stimuliert zu werden. Ungeduld verhindert das Lesen dieser Prosa. Sie verhindert die Verzauberung. Und das alles wird hervorgebracht von einer, wie man in jeder Zeile des Buches weiß, zutiefst gehetzten und getriebenen und verängstigten Person. Nicht zuletzt deshalb sind Kurzecks Bücher das absolute Gegenteil von Beschaulichkeit (sei sie intellektueller oder ästhetischer Natur). Ihnen liegt ein nackter Überlebenswille zugrunde.

Letztlich sind die Bücher Kurzecks auch immer im Ton eines Selbstgesprächs gehalten und erinnern stets daran, wie man als Kind mit sich spricht, um sich die Angst zu nehmen. Fürchte dich nicht, sagt diese Prosa. Freilich ist die Furcht gerade dadurch mitevoziert. Dieser Erzähler hat natürlich Angst vor der Welt. Vor ihren Drohungen und ihrer Zeit. Vor den Menschen und ihren Vernichtungen. Auch hierin ist er ein Kind. »Umso dringlicher muss man dagegen anerzählen.« Einmal erzählt er Sibylle und Carina von den riesigen Bäumen seines Kindheitsdorfs: »Wirklich, überall im Dorf Bäume bis an den Himmel. Und nicht ein einziger Baum ist stehengeblieben. Die Bäume weg. Die Vorgärten abrasiert. Jetzt kann man da überall im vierten Gang durchfahren und ich muss das Buch schreiben.«

Das Buch, in dem keiner stirbt. Geschrieben von einem Autor, der von Rechts wegen Flügel tragen müsste.