Wo sonst Schweine-Krakauer und der halbe Liter Kölsch im Maximenü locken, duftet es heute nach Lahmacun und Peynirli Pide. Im Rundgang der Multifunktionshalle Kölnarena mampfen Muslime Popcorn, aber im Übrigen deutet noch nichts darauf hin, dass hier, wo Hansi Hinterseer die Seelen betagter Frauen zu entzücken pflegt und Regina Halmich unlängst Stefan Raab auf die Bretter schickte, an diesem Dienstag die Welt des deutschen Islams neu geordnet werden wird. Die islamischen Gemeinden in Deutschland wie diese Moschee in Essen sind bislang überwiegend in vier Verbänden organisiert BILD

Gerade hebt Murad Hofmann, seines Zeichens deutscher Exdiplomat, zu einer Ode an den Propheten an. »Wer sind denn unsere Leitfiguren?«, fragt er. »Lukas Podolski? Madonna? Die Gebrüder Schumacher hinter ihrem Lenkrad?« Es sei kein Wunder, dass eine Zeit ohne große Männer auch keinen Respekt habe vor dem Religionsstifter Mohammed, ja: Man habe, sagt Hofmann, »die Pressefreiheit absolut gesetzt zum Nachteil religiöser Gefühle«. Klatschen geht durch das weite Rund, wer nicht bis zur Bühne blicken kann, sieht Hofmann oben auf dem Videowürfel unter der leeren Spielstandsanzeige.

Es ist, einerseits, ein guter Tag für die Verkündung großer Neuigkeiten. Zum ersten Mal kommen 15000 Muslime in der Kölnarena zusammen, um die Maulid, den Geburtstag des Propheten, zu feiern. Schon am Nachmittag pilgern Männer in Anzügen und Frauen mit bunten Kopftüchern und Kartons mit süßem Gebäck unterm Arm in die Kölner Multifunktionshalle. In der Backstagelounge hat sich derweil hoher Besuch eingefunden. Zur Feier des Tages hält Ali Bardakoğlu, Präsident des Direktoriums für religiöse Angelegenheiten der Türkei, einen Vortrag über Reli g ion und Frieden. Zwischen protokollarischen Pflichtphrasen wie »Islam will Frieden und Harmonie auf der ganzen Welt« gibt es die erste kleine Überraschung: Türkischstämmige Abiturienten aus Deutschland können nun in der Türkei den Islam studieren, um ihn zurück in die Welt zu tragen.

Freilich ist der Anlass dieser Verkündigung aus orthodoxer Sicht nicht ganz makellos. Den eher fundamentalistischen Glaubensanhängern steht das Haar zu Berge, wenn die Türken zu Maulid ihren Nachbarn das süße Halwa schenken. Für sie ist das Fest eine Bida, eine Neuerung, die man sich im schlimmsten Falle von den Christen abgeschaut haben könnte. Eine solche Imitation wäre äußerst haram, wie diese Muslime sagen, was so viel bedeutet wie »nach islamischem Recht verboten«. Eine Verehrung des Geburtagskindes Mohammed könnte am Ende dazu führen, dass der Gläubige Mohammed mehr verehrt als Allah, und das wiederum habe weitreichende Konsequenzen: Diversen Schriften zufolge führt das Feiern der Maulid auf kürzestem Wege ins »Höllenfeuer«.

Auf derlei Anfechtung reagiert Bekir Alboga, Dialogbeauftragter der türkischen Religionsgemeinschaft Ditib in Deutschland, mit einem Lächeln und den Worten: »So mancher Dichter hat den Propheten auch schon zu Lebzeiten gelobt. Da ist es keine Neuerung.« Auch Ayyub Axel Köhler, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, betont, dass allein die Zusammenkunft zum Fest schon im Sinne Mohammeds sei.

Und dann geschieht es. Auf der mit rotem Licht illuminierten Bühne verkündet Köhler den Gläubigen einen institutionellen Quantensprung. Unter dem Jubel der Menge präsentiert er den Koordinierungsrat der Muslime (KRM), einen gerade formell gegründeten Dachverband, in dem sich die bislang tief zerstrittenen islamischen Verbände Ditib, Islamrat, Verband Islamischer Kulturzentren und Zentralrat der Muslime zusammengefunden haben. »Es ist etwas lang Ersehntes und Erhofftes über Nacht eingetroffen«, frohlockt der konvertierte FDP-Politiker, hier der klare Publikumsliebling. Der KRM repräsentiere die absolute Mehrheit der Moscheengemeinden und der Gläubigen in Deutschland, man habe sich endlich der Verantwortung gestellt, gegenüber Gesellschaft und Politik einheitliche Ansprechpartner zu bieten.

Wie weit es mit der verkündeten Einigkeit her ist, werden wohl erst die kommenden Monate zeigen. Ayyub Axel Köhler hält offensichtlich eine Ermahnung für angezeigt. »Haltet fest am Seile Allahs«, sagt er, »und spaltet euch nicht.«

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