Das kleinere Problem war, dass Erhard Höfler nichts merkte. Plötzlich war die Blase am großen Zeh da, wohl von einem Stein im Schuh, aber der Maschinenbauer hatte keinen Schmerz gespürt. Das große Problem war, dass die Wunde nicht heilte – bis heute nicht, zwei Jahre nach der ersten Blase. Inzwischen musste der Zeh amputiert werden. Die Amputationswunde wanderte unter den Fußballen, der Fuß verformte sich. Bis jetzt konnte niemand Erhard Höfler helfen oder ihm zumindest sagen, woher das Problem rührt. Empfindungs- und Wundheilungsstörungen sind oft ein Zeichen von Diabetes, doch Höfler ist nicht zuckerkrank. Er ließ sich von den verschiedensten Fachärzten durchchecken, ohne Ergebnis. Er versuchte es mit Naturmedizin, ohne Erfolg. Klicken Sie auf das Bild! Wir zeigen, wie der Körper seine Wunden schließen kann BILD

Anke Bültemann, Pflegeexpertin für chronische Wunden an der Asklepios-Klinik in Hamburg-Harburg, greift zum Skalpell. Jeden Dienstag kommt Höfler ins Harburger Wundzentrum. Vorsichtig befreit Bültemann die Wundränder an seinem Fuß von Hornhaut, mit einer Pinzette reinigt sie den Wundgrund. »Die Wunde stagniert vollkommen, da passiert überhaupt nichts«, sagt sie. »Jetzt blutet es wenigstens mal ein bisschen.« Entspannt liegt Höfler im Behandlungsraum, er spürt ja nichts. Im Sommer fährt der 61-Jährige Inlineskates, im Winter Ski. »Das geht ganz gut, die festen Schuhe geben mir Halt«, meint er. Anke Bültemann stopft einen weißen Flicken in die Wunde, legt ein Feuchtigkeit aufsaugendes Säckchen darauf und verpackt das Ganze mit wasserdichter Folie. Höfler zieht seinen Spezialschuh an; den nächsten Termin hat er schon.

Nur jede fünfte chronische Wunde wird richtig behandelt

Viele Hunderttausend Menschen leiden in Deutschland unter chronischen Wunden. Ursache des Übels ist meist eine Durchblutungsstörung, sei es durch eine Thrombose oder Krampfadern (»offenes Bein«), durch Diabetes oder ständige Druckbelastung (Dekubitus). Jährlich werden etwa 28000 diabetische Füße amputiert. Viele der Amputationen wären vermeidbar, ebenso 90 Prozent der Druckgeschwüre, sagt die Initiative Chronische Wunden (ICW). Nur jede fünfte chronische Wunde werde richtig versorgt.

Dabei weiß man schon lange, wie Wunden am schnellsten heilen, und neue Hightechverbände machen die Behandlung besser und einfacher. Die Tücke liegt darin, dass sich allzu viele um die Wunden kümmern: Chirurgen und Gefäßspezialisten, Hautärzte und Internisten, Klinik- und Hausärzte und nicht zuletzt Pfleger. Da sind die Meinungen zahlreich, die Aufgaben oft nicht klar verteilt und Kompetenzen rasch empfindlich infrage gestellt. Abrechnungssystem und Zuweisungsstrategie machen die Sache zusätzlich kompliziert: Spezialisierte Wundzentren wie an der Hamburger Klinik könnten auch ambulante Patienten optimal versorgen, dürfen aber meist nicht. Hausärzte hingegen dürfen, doch ihr Budget reicht häufig nur für veraltete Methoden.

Immerhin, erste Schritte zur Entwirrung des Kompetenzknäuels sind gemacht. Viele große Krankenhäuser haben Wundsprechstunden als zentrale Anlaufstelle für Patienten eingerichtet. Ärzte aller zuständigen Fachrichtungen sind daran beteiligt. Zunächst war es nicht einfach, die Kollegen und Klinikleitung von der Wichtigkeit des Unterfangens zu überzeugen, erinnert sich Gernold Wozniak, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Wundbehandlung und Wundheilung (DGfW): »Als ich hier ans Knappschaftskrankenhaus Bottrop kam und mich als ausgebildeter Gefäßchirurg um Wunden kümmern wollte, fragten sich erst mal alle, ob ich nicht operieren könne.«

Zusammengehalten werden die interdisziplinären Zentren oft von Pflegerinnen oder Pflegern, die sich wie Anke Bültemann in Hamburg-Harburg auf die Behandlung von Wunden spezialisiert haben. Die ICW hat ein Konzept für die Ausbildung zum Wundexperten entwickelt; Ende des Jahres sollen 4300 Pflegekräfte geschult sein. Nicht immer jedoch funktioniert die Zusammenarbeit zwischen den neuen Experten und den Ärzten reibungslos. »Manchmal fühlen sich die Ärzte von den Wundmanagern bevormundet, die teilweise recht forsch auftreten. Einige trauen sich aber auch nicht, die Ärzte anzusprechen, wenn sie etwas besser wissen«, sagt Veronika Gerber, die Vorsitzende der ICW.