Es gibt kulinarische Sensationen, deren Zusammensetzung uns aus gutem Grund nur wenig interessiert. Der Leberkäse gehört dazu, das Kebab oder die eine oder andere Köstlichkeit an unseren Würstelständen. Nur besonders ekelfeste Zeitgenossen könnten mit diesem Wissen eine Eitrige oder eine Burenhaut weiterhin bedenkenlos genießen. Bei Süßspeisen, die aus unerfindlichen Gründen als weniger gesundheitsgefährdend gelten, liegt die Sache anders. Der Zuckerjunkie kennt gerne die Ingredienzien seines Suchtmittels, und so wundert es nicht, dass einige spezielle Rezepte Staatsgeheimnissen ähneln, etwa jenes der Sacher-Torte. Diese – man muss es sagen, selbst wenn man sich damit höchster Blasphemie schuldig macht – eher trockene Angelegenheit, die nur mit einer Überdosis Schlagobers genießbar scheint, existiert in verschiedenen Varianten. Das Originalrezept aber wurde nun von einem Enthüllungsjournalisten des Kuriers preisgegeben, was Grande Dame Elisabeth Gürtler nicht erfreute und sie sogar dazu zwang, eine Pressekonferenz zum heißen und entscheidenden Thema "175 Jahre Original Sacher-Torte" früher als geplant anzusetzen. Nun unterscheiden sich die diversen Rezepte nur durch Marginalien und verbessern die Delikatesse aus dem Hause Sacher nicht entscheidend. Doch hier geht es um ein Stück österreichischer Identität. Das sollte nicht unterschätzt werden. Man darf weder Frau Gürtler noch dem Enthüller des Tortengeheimnisses Sensationsgier oder puren Geschäftssinn unterstellen. Während man sich andernorts um Lappalien wie die Erderwärmung sorgt, haben wir hier ein echtes und richtungsweisendes Problem zu meistern.

Dieser Artikel wurde für die wöchentliche Österreich-Ausgabe der ZEIT geschrieben "

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