Wenn er nun in offizieller Mission seine alte Wahlheimat bereist, schlägt dem Mann, der einst ein Liebling der Stadt war, das Aggressionspotenzial der Wiener Boulevardzeitungen entgegen. Sie schäumen über die "arrogante Abgehobenheit" und "Sturheit" des neuen tschechischen Außenministers, der sich der österreichischen Fundamentalopposition gegen das grenznahe Kernkraftwerk im südböhmischen Temelin, einem Zankapfel seit vielen Jahren, nicht beugen mag.

"Jetzt bin ich in Wien eben der Atomfürst", lacht Karel Schwarzenberg und will den "komischen Beleidigungen" keine sonderliche Bedeutung beimessen. "Einmal habe ich gute Presse, dann habe ich wieder schlechte Presse, verdient habe ich im Grunde beides höchst selten."

Seitdem der aristokratische Freigeist, bislang ein ebenso gefragter wie unterhaltsamer Gesprächspartner, zu Beginn des Jahres seinen Amtssitz im Prager Palais Czernin bezogen hat, sieht er sich zunehmend kritischen Fragen im In- und Ausland ausgesetzt. "Was soll ich tun?", sagt Schwarzenberg mit polyglotter Gelassenheit. "Ich bin der Verkaufsdirektor der Tschechischen Republik, und als solcher muss ich ein nicht ganz einfaches Koalitionsprodukt verkaufen."

Das wird er etwa im April bei einer Reise nach Washington versuchen, wenn die soeben von der Prager Regierung beschlossenen Verhandlungen über das umstrittene amerikanische Raketenabwehrsystem beginnen, für das eine Radarstation von den Marshallinseln auf eine verwüstete, ehemalige Raketenbasis der Sowjets 80 Kilometer südwestlich von Prag verfrachtet werden soll (die eigentlichen Abschussrampen der zehn Abwehrraketen sollen in Polen stationiert werden). Seit Monaten sorgt der Plan für internationale Verstimmung. Russland protestierte heftig, misstraut den Beteuerungen, der Schutzschirm sei gegen potenzielle Geschosse aus Iran oder Nordkorea gedacht, und sieht in dem Projekt vor allem eine Beeinträchtigung seines eigenen militärischen Potenzials. Im Gegenzug warf Schwarzenberg dem Kreml die "Wiederbelebung imperialer Tendenzen" vor. Aber auch europäische Partnerländer in Nato und EU hegen Bedenken, allen voran Deutschland.

Schwarzenberg ist sich durchaus bewusst, wie heikel seine Mission im Verlauf der Debatte geworden ist. "Wenn wir uns auseinanderdividieren lassen", sagt er, "wäre das katastrophal." Zugleich sieht er, der selbst viele Jahre im Kleinkrieg gegen die kommunistischen Regime in Osteuropa verbrachte, im Denken seiner Kontrahenten allenthalben Klischeevorstellungen der Vergangenheit aufscheinen. "Bei uns herrscht nicht dieser virulente Antiamerikanismus wie in Westeuropa", meint er und giftet: "Schließlich sind wir auch nicht mit amerikanischen Marshallplan-Geldern wieder hochgepäppelt worden und haben daher weniger Anlass, unsere Vorurteile zu pflegen."

In Tschechien hingegen eint die Unterstützung für das amerikanische Abwehrsystem sogar politische Intimfeinde wie Präsident Václav Klaus und Václav Havel, der als Dichterpräsident zur moralischen Lichtgestalt des Landes wurde. Sogar die Grünen, die den liberalen Querdenker Schwarzenberg in die schwarz-grüne Regierung entsandt haben und weit weniger friedensbewegt als ihre Gesinnungsfreunde im Westen sind, laufen nicht Sturm gegen den Fußabdruck der Supermacht in der böhmischen Einöde.