Seine Ahnenreihe war wenig glanzvoll: nichts als ehrbare Bürger mit schmalem Einkommen, ansässig in der Vorstadt am minderen Ufer des Flusses. Die ersten 28 Jahren seines Lebens entsprachen dieser Vorgabe. Sein Vater hatte für eine gute Bildung gesorgt, die Karriere im Staatsdienst fiel jedoch mittelmäßig aus. Erst nach dem Tod eines beherrschenden Tugendtyrannen gelang ihm der große Sprung: Er stieg zum Staatssekretär auf und formte die Außenpolitik des prosperierenden, aber für Turbulenzen anfälligen Gemeinwesens.

14 aufreibende Jahre lang reiste er in schwierigen Missionen zu Potentaten jeglicher Couleur, warb um Beistand und Bündnisse, handelte Schuldenerlasse aus und kümmerte sich nebenbei um die Ausbildung von Truppen, um Studienbeihilfen, die Regulierung des Brotpreises, selbst um die Jagd auf Falschmünzer. Rastlos tätig und immer tiefer in das politische Spiel seiner chaotischen Zeit verwickelt, wurde er zum Realisten ohne Illusionen, aber nicht ohne Ideale.

Der hellsichtige und kühl urteilende Mann verfasste Berichte für Vorgesetzte und Freunde über Mächtige anderswo und ihre Handlanger, über diplomatische Winkelzüge, die Landplage der Kriegsherren und über einen skrupellosen Usurpator, den er als meisterlichen Strategen bewunderte.

Nur wenig Zeit blieb ihm für seine Familie und die geliebten »kleinen Trinkereien« mit Freunden, die seine saftigen Geschichten und scharfen Witze schätzten. Immer stärker litt er unter Kabalen, die seine Initiativen hintertrieben: »Der Neid der anderen zerfrisst mich und vergiftet mir das Leben… Wie nichtig sind doch die im Dienst verbrachten Jahre, wie vieles sät man da auf Sand und in die Flut.«

Nach einem Machtwechsel versuchte er zwar mit den neuen Herren anzubandeln, die enthoben den freien Geist jedoch aller Ämter, beschuldigten ihn sogar, an einer Verschwörung teilgenommen zu haben. Die Folter ertrug er zu seinem eigenen Erstaunen mannhaft. Wieder in Freiheit, suchte er Trost in der Bewirtschaftung seines kümmerlichen Landgutes, beaufsichtigte die Holzfäller, jagte Vögel für den häuslichen Speisezettel und spielte im Dorfgasthaus lärmend um kleine Geldsummen. Hin und wieder stand er an der Straße und befragte Durchreisende nach Klatsch, Tratsch und politischen Neuigkeiten. Literarische Gelegenheitsarbeiten und ernsthafte historische Studien verschafften ihm in den Jahren des erzwungenen Rückzugs Ansehen als Autor. Bei einem Spaziergang gab ihm die Hoffnung auf Rehabilitation den Plan für eine Schrift von 80 Seiten ein. Seine Absicht erreichte er freilich nicht, postum rief er jedoch illustre Gegner und prominente Verteidiger auf den Plan.

In den Jahren darauf löste sich der Bann, er erhielt kleine private Aufträge, zuletzt sogar wieder ein Amt. Auch Fortuna lächelte ihm zu: Im Lotto gewann er eine stattliche Summe, die etwa zwanzig seiner Jahresgehälter entsprach. Kurz vor seinem plötzlichen Tod erlebte er die Wiederherstellung der Regierungsform, die er immer verteidigt hatte.

Der Mann, der auf einem Porträt so sarkastisch lächelt, stieg in seinem Heimatland zum Schutzpatron der Schlaumeier auf, anderswo freilich stand sein Name für den Gottseibeiuns. Wer wars?

Wolfgang Müller

Auflösung aus Nr. 15:

Mohammed (571-632) wurde in Mekka geboren. Um 612 wurde in einer Vision das heilige Buch des Koran in sein Herz gesenkt, dessen Suren er in tranceartigen Offenbarungen empfing. 622 floh er nach Jathrib, das in Medina umbenannt zur Keimzelle des Islam wurde. Mit der »Hidschra« beginnt die islamische Zeitrechung. 630 zog er in Mekka ein, wo er die Götzenbilder an der Kaaba zerschlug. Er starb nach einer Abschiedswallfahrt in den Armen Aischas, die gegen den von ihm bestimmten Nachfolger Ali, den Mann seiner Tochter Fatima aus erster Ehe mit Chadidscha, kämpfte

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