Wir Erwachsenen sorgen uns sehr um die Generation, die soeben ihre Geschlechtsreife erlangt. Die Zeitungen empören sich über den Sex der 14-Jährigen: Oralverkehr als Mutprobe vor versammelter Mannschaft, der Darkroom als Partykeller, die Orgie als Wochenendvergnügen. Die Alten fürchten und beneiden ihre Nachkommen: Wie man so hört, begreift diese Jugend Sex nur als eine Methode unter anderen, um auf Touren zu kommen. Wie man so hört, lebt sie nach dem Motto: Die besten Drogen lagern in unseren eigenen Drüsen. Was für eine frivole Generation!

Wenn wir uns aber selbst ansehen, probehalber, mit dem Blick eines 14-Jährigen, so muss es uns vor uns selbst bang werden. Wirken die Menschen ab Mitte dreißig nicht wie Versehrte? Wie Veteranen, die nur noch aus ihrem persönlichen dreißigjährigen Krieg, dem Krieg der Geschlechter, heimkehren wollen? Wo die Jungen angeblich die Schwere der Liebe scheuen und sich ins Offene, Unverbindliche retten, da sind die Alten schon zusammengebrochen unter all der Last. Die Liebe ist ihre, unsere Kirche. Sie allein weckt in uns noch den Unsterblichkeitsschauder, der uns angeblich von den Tieren unterscheidet. Sie ist alles, was wir haben. Und so wirken viele Erwachsene, als seien sie im Lauf ihrer Jahre verzweifelt an der Lebensaufgabe, ein liebender und geliebter Mensch zu werden.

Navid Kermani, 40, in Köln wohnender deutschiranischer Islamwissenschaftler und Schriftsteller, hat im Jahr 2005 im Ammann-Verlag einen Band mit Erzählungen veröffentlicht, die von der unaufhörlichen Prüfungssituation handeln, in welche uns dieser Liebesbegriff versetzt. Der Band heißt Du sollst und spielt auf der Basis der zehn biblischen Gebote Situationen des alltäglichen Liebeslebens durch. Kermani wuchtet gleichsam die Gesetzestafeln Gottes in die Schlafzimmer von heute. Er zeigt, wie das Gesetz in unseren Liebesbeziehungen überlebt und unter uns wütet. Das erste Kapitel – Ich bin dein Gott – bietet den Dialog eines Liebespaares. Ein Mann macht sich zum Gott seiner Partnerin: "Sag, dass ich dich ficken soll." – "Fick mich." – "Sag, dass ich dein Mann bin." – "Du bist mein Mann." – "Sag, dass niemand so gut fickt wie ich." – "Niemand fickt so gut wie du."

Das zweite Kapitel – Habe keine fremden Götter vor Meinem Angesicht. Mache dir keinen Götzen noch ein Bildnis – erzählt davon, wie ein Mann während des Liebesaktes mit seiner Partnerin sich im Kopf eben doch ein Bild macht: das Bild einer anderen Frau, mit der er eine irreale, aber tiefere Liebe erlebt.

Das dritte Kapitel – Erhebe nicht Seinen, deines Gottes Namen zu Nichtigem – belauscht ein Liebespaar dabei, dass der Mann seiner Geliebten verbietet, das Wort "Liebe" zu sagen (denn es ist das höchste Wort, man muss es verschweigen).

Kapitel fünf – Ehre Vater und Mutter – berichtet davon, wie Mann und Frau ein Kind zeugen – vorgeblich aus Liebe zu den Eltern, die in ihrem Enkelkind weiterleben sollen.

Es kommt zu Verstümmelungen, symbolischen Morden, Folterungen. So untersucht Kermani die Kriegskunst und die Mimikry der Liebe. Nichts ist, wie es scheint; hinter jedem glücklichen Paar tut sich ein grausiges Hinterland aus Wahnsinn, Verrat, Missverständnissen und Einsamkeit auf. In der Liebe geschieht nichts ohne Eigennutz ("dass er sie begehre, hatte er wiederholt, damit sie es ihm endlich sagen würde"), die Umarmung ist eine Falle, und selbst der Orgasmus kann eine Lüge sein, ein Moment der Flucht und verzweifelten Notwehr.