Darf man mit Geiselnehmern verhandeln, um ihre Opfer freizubekommen? Die Antwort auf diese Frage findet man weniger in prinzipiellen Erwägungen als in der Betrachtung der einzelnen Fälle. Wie haben sich Regierungen konkret verhalten, wenn Bürger ihres Staates entführt worden sind?

Fakt ist: Selbst solche Regierungen, die eine harte Linie vertreten, haben fast immer verhandelt. Manchmal haben die "Hardliner" sogar bei jenen Amtskollegen in anderen Ländern um Rat gefragt, die in der Regel eine "weiche" Linie vertreten. "Wir werden den Erpressungsversuchen von Terroristen nicht nachgeben", hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel zum wiederholten Male erklärt, nachdem vor Kurzem ein neues Video aufgetaucht ist, in dem die beiden im Irak entführten deutschen Geiseln, Hannelore Krause und ihr Sohn Sinan, um ihr Leben flehen. (In Italien ist dieses Video übrigens gesendet worden, in Deutschland entschieden sich die Verantwortlichen der Fernsehsender dazu, nur Standbilder auszustrahlen.) Genauso hatte sich Merkel auch Ende 2005 im Fall der im Irak entführten Archäologin Susanne Osthoff geäußert. Osthoff kam allerdings frei, weil man Lösegeld bezahlte. Das ist ein offenes Geheimnis.

Wie Regierungen mit einer Geiselnahme umgehen, hat nichts mit ihren ideologischen Positionen zu tun, auch ist ihr Verhalten nicht bestimmt durch ihre Position zum Irakkrieg. So hat zum Beispiel Silvio Berlusconi, ein Befürworter des Krieges, mit den Geiselnehmern italienischer Staatsbürger im Irak verhandeln lassen. Tony Blair hingegen verweigerte dies im Fall des im Oktober 2004 entführten Ingenieurs Ken Bigley. Bigley wurde ermordet.

Die Grundfrage in allen diesen Fällen lautet: Darf man menschliches Leben (vor allem Zivilisten) im Namen der Staatsräson opfern? Und: Worin besteht die Staatsräson?

In Italien wie auch in Deutschland denkt man bei Entführungen eigener Staatsbürger im Irak oder auch in Afghanistan schnell an die Zeit der Roten Brigaden und der Rote-Armee-Fraktion. Dabei ist ein solcher Vergleich völlig unpassend. Die Roten Brigaden und die Rote-Armee-Fraktion agierten in demokratischen Staaten, die das Gewaltmonopol innehatten und die Rechte ihrer Bürger schützen konnten. Im Irak und in Afghanistan herrscht de facto Krieg, diese Länder sind besetzt, und es gibt keinen Rechtsstaat. Außerdem "entführen" auch die Besatzer Menschen gegen jedes internationale Gesetz. Der Kontext also ist ein völlig anderer: Es ist der eines Krieges. In einem Krieg aber verhandelt man mit dem Feind, das hat man immer so gemacht.

Al-Qaida-Gruppen interessiert nur die Verbreitung ihrer Terrorbotschaft

Worüber verhandelt man eigentlich? Man kann nur verhandeln, wenn es eine Bereitschaft gibt, auf die Forderungen der Entführer einzugehen. Dabei muss man feststellen, dass Entführer noch nie das bekommen haben, was sie in der Öffentlichkeit in demagogischer Weise verlangten.