Es gab eine Zeit, in der ich ab und zu mit Kim Frank unterwegs war. Bars, Clubs und so weiter. Er war damals der Sänger von Echt, einer der berühmtesten deutschsprachigen Rockbands. Wir hatten uns kennengelernt, da Echt zu der Verfilmung meines Romans Crazy 1999 den Rio-Reiser-Song Junimond beisteuerte. Wir waren beide siebzehn Jahre alt. Kim war ein ungeheuer anziehender junger Mann mit schulterlangen, braunen Haaren und graublauen Augen, hinter denen man eine ganze Welt toben sah. Und man hatte das Gefühl, dass diese innere Welt und die äußere, in die er sich allem Anschein nach übermütig und abenteuerlustig stürzte, einander bedingten. Dass dieses Wechselspiel eine Hitze in ihm erzeugte, die er zum Leben nötig hatte. Einmal erzählte er, sein Lieblingsbuch sei Uns verbrennt die Nacht. Die Geschichte einer Partynacht mit dem jungen Jim Morrison. Das fand ich passend. Er brachte das Kunststück fertig, zugleich draufgängerisch und verträumt zu wirken. Eine feine Kombination.

Ich war eher schüchtern und fürchtete mich vor den meisten tobenden Welten. Inneren wie äußeren. Und verbrachte meine Zeit am liebsten in meiner Wohnung, wo ich mich sicher fühlte. Kim war nicht ganz einverstanden mit dieser Lebensplanung, er sagte: "Benni, das geht nicht so weiter! Ich nehm dich mal mit ins Nachtleben! Auf den Kiez!"

Was soll ich sagen? Ich hatte etwas Derartiges noch nie erlebt. Wir zogen von Bar zu Bar und von Club zu Club, und egal, wo wir uns befanden, sämtliche Augenpaare, und ich meine wirklich alle, waren auf uns, das heißt auf Kim Frank gerichtet. Jedes Mal, wenn wir weiterzogen, war unsere Gefolgschaft um eine atemberaubend schöne Frau angewachsen. Unterwegs riefen irgendwelche Leute Kim ständig etwas zu: "Hey, Freischwimmer!" Das war der Titel des zweiten Echt-Albums. Kim sagte: Ja, danke! Du mich auch! Und immer, wenn wir wieder bei einem Club ankamen, küssten die Türsteher ihm förmlich die Schuhe.

Sein Leben sprühte Funken, es gab mir einen Schubs

Irgendwann in dieser Nacht war er ziemlich bekifft und so weiter, und ich hatte insgesamt genug. Ich verabschiedete mich, marschierte im Nieselregen über die Reeperbahn und fuhr mit dem Taxi zu Kims Wohnung, wo ich übernachten sollte. Es wurde schon wieder hell, als die Wohnungstür aufging und der klatschnasse Kim mit klatschnasser Begleitung hereinpolterte. Die Begleitung hatte nur noch ihre Unterwäsche an. Die beiden kamen zu mir ins Wohnzimmer gelaufen, und Kim sagte im nordischen Slang: "Schönes Hamburger Wedda draußen, nech?"

Was fanden wir aneinander? Waren wir befreundet? Wir trafen uns jedenfalls über einen Zeitraum von anderthalb Jahren immer wieder. Er wohnte in Hamburg. Ich in Berlin. Meistens sahen wir uns bei Veranstaltungen. Vorführungen des Films Crazy. Anderen Filmpremieren.

Preisverleihungen. Celebrity-Partys, zu denen ich ab und zu, weiß der Teufel, warum, gegangen war. Vielleicht, weil er da war. Und die anderen Jungs von Echt. Ich glaube, ich kann sagen, dass ich ihn mochte, ich mochte es, wenn das funkensprühende Leben mir von Zeit zu Zeit einen kleinen Schubs erteilte. Dieser Schubs war Kim Frank.

Und wie stand er zu mir? Einerseits zeigte er sich an mir überaus interessiert, andererseits glaube ich nicht, dass er etwas von mir gelesen hat.

Kim war jemand, der wahrgenommen werden wollte. Günter Grass sagte einmal, dass man Mitgefühl zu einer bestimmten Person zeigen kann, indem man genau hinsieht. Ich habe hingesehen. Ich habe seine verschiedenen Seiten gesehen. Seine Kälte, in gewissen Momenten.

Einmal saß ich mit ihm und zwei Mädchen zusammen in einem Café in Berlin. Er machte sich einen Spaß daraus, eines der Mädchen so lange mit intimen Fragen anzubohren, bis sie heulte. Er sagte nicht zu ihr, tut mir leid. Manchmal konnte er sich auch vor Begeisterung überschlagen. Zum Beispiel für Fotokunst. Er fotografierte selber. Und manchmal setzte er sich zu jemandem hin und strahlte reine Zuwendung aus. Wärme und Herzlichkeit.

Eine Woche nach unserem Reeperbahn-Ausflug wurden Kim und ich zusammen vom stern interviewt. Thema: Wie Jungs mit der Welt umgehen. Als hätten wir, beide eher Sonderlinge und in Sonderpositionen, für die Mehrzahl der in Deutschland lebenden und in die Mechanismen des Alltags gesperrten Jungs sprechen können. Als hätten wir beide ein Rezept gehabt. Es kam dann so heraus, dass Kim als frauenverschlingendes Monstrum und ich als sensibles Weichei dastand.

Einmal lud er mich ein, bei einem Konzert in Berlin vor 10000 Leuten seitlich mit auf der Bühne zu stehen. Ein toller Augenblick in meinem Leben. Doch irgendwann, noch vor der Auflösung der Band, hatte ich genug von den Partys. Genug von Leuten wie ihm. Ich zog von Berlin in das kleine, langweilige Freiburg. Man fand mich eher in buddhistischen Klöstern. Oder bei Vorträgen über indianische Weisheiten, von denen ich hier aber keine zum Besten geben möchte.

Jahre später, jetzt. Wieder Hamburg. Wieder bei ihm zu Hause. Aber es ist nicht seine Wohnung. Gut möglich, dass er sich keine eigene Wohnung leisten kann. Bei einem Bekannten aus der Musikszene ist er untergekommen. Das allererste Mal begegnete ich Kim Frank im Münchner Büro des Filmproduzenten Thomas Wöbke. Es herrschte eine gezwungene Atmosphäre an diesem Tisch, vor den Mineralwasserflaschen und den Keksen: Das ist der Autor des Buches, das wir verfilmen und das ist der Sänger der Band, die dazu die Musik liefert. Hallo.

Unser Wiedersehen beginnt ähnlich verkrampft. Diesmal bin ich zu einem Interview mit ihm verabredet. Hallo. Eine Weile herrscht Schweigen, bevor er sich zu mir setzt.