Raven the Trickster. Der trickreiche Rabe war es, der am Anfang aller Zeit in einer Muschel zappelndes menschliches Leben fand. Ein ganzer Raum im Museum of Anthropology in Vancouver ist diesem indianischen Schöpfungsmythos gewidmet. In der großen Halle sitzen sie dann alle, auf den stolzen Totempfählen, die ausdrucksvoll geschnitzten Raben, Adler, Bären, Killerwale und Donnervögel; die magischen Begleiter der Pazifikindianer, die das Schnitzmesser seit Jahrhunderten aus dem Holz der Zeder herausschält; sie sitzen und schauen und schaffen eine erhabene Stille. 

Das Handy klingelt. "Wir müssen unseren Plan umwerfen", ruft Suzanne Eugster, die die kommenden Tage bei den Indianern für mich organisiert hat, "einer der wichtigsten Chiefs dort ist gestorben, und jetzt hat niemand mehr Zeit."

Neben den Totempfählen steht ein Kanu. Lang und schmal, anmutig geschwungen, wurde es aus einer Zeder geschnitzt. Im Kanu vereinen sich Zeder und Meer, die beiden wichtigsten Elemente im Leben der Pazifikindianer; es bringt sie auf die Jagd nach Lachsen und Walen, zu ihrem Lebensunterhalt. Chief Jerry Jack ist im Kanu verunglückt. Das Kanu bringt also nicht nur Leben, es bringt auch den Tod.

Was hast du denn gedacht? Die Raben, Adler, Bären, Killerwale und Donnervögel schauen und schweigen laut.

Die Sonne leuchtet über der Bucht von Tofino, und sie funkelt in Tsimkas Augen. Von Weitem hatte man unten am Wasser eine zierliche Gestalt zwischen zwei Kanus hin- und herlaufen sehen, Schwimmwesten holen, Paddel verteilen. Aus der Nähe sieht man ihre wachen braunen Augen, die unter einem spitzen, breitkrempigen Hut aus Zedernrinde hervorschauen. Heute übernimmt die 22-Jährige den Job ihrer älteren Schwester Giselle. Die Ältere hat noch mit dem Nachgang des gestrigen Begräbnisses von Chief Jerry Jack zu tun. Dann steht auch Joe da. Tsimkas Vater ist ein Indianer mit blauschwarzem Pferdeschwanz, schrägen, dunklen Augen, faltig-braunem Gesicht. Tsimka verteilt die Paddel: "Nimm das, es ist gut für den Anfang, es ist klein. Mein Vater hat es für mich geschnitzt, als ich zwölf war." Auch die rotbraunen Kanus mit den schönen Schnitzereien entstammen Joes Hand: Er hat nach alter Tradition den Zedernbaum ausgehöhlt, mit Wasser und heißen Steinen gefüllt, bis das Holz biegsam genug war, um das Kanu in die Breite zu spannen, dann seine Oberfläche so glatt wie möglich geschliffen. "Mit solchen Kanus sind unsere Großeltern hinausgefahren und haben Wale gefangen."

Wer auf Walfischjagd war, war dem Schöpfer am nächsten. Erst nach mindestens fünf Jahren Gebet und Ritualen konnte man Waljäger werden. Wenn der Jäger Familie hatte, musste er ausziehen und eine Hütte für sich suchen; während der aktiven Jahre als Waljäger durfte er seine Frau nicht berühren. Sein Geist musste vollkommen bei seiner Vision sein und dabei, den Wal besser kennenzulernen.

So erzählen die Indianer. Im Kanu mit Tsimka und Joe durchs Wasser zu gleiten heißt, durch Geschichten zu schwimmen. Die Landschaft der Inseln und Fjorde beginnt zu leben. Der Häuserstrich dahinten ist das Dorf Opitsat, wo Joe aufgewachsen ist. Damals sprachen seine Großeltern zwar noch ihre Sprache, waren aber der Verachtung und dem Druck der weißen Verbote voll ausgesetzt: Potlatches, die großen traditionellen Feste anlässlich von Häuptlingswahlen, von Geburt, Hochzeit oder Tod, auf denen der Einladende alle Gäste reich beschenkt, waren zwischen 1885 und 1951 streng verboten und mussten ebenso heimlich stattfinden wie das Trommeln und das Tanzen. 1983 schloss die letzte jener residential schools, in denen das Christentum in Indianerkinder hineingeprügelt worden war. Heute ist die Lage besser und schlechter zugleich: Tradition und Sprache dürfen zurückerobert werden – sofern sie nicht schon verloren sind. Joe hat die alte Indianersprache, die heute wieder in den Schulen unterrichtet wird, nicht mehr gelernt. Die Lieder aber kennt er noch; paddle songs, die man anstimmte, um die weiten Wege durchzuhalten. Joe singt jetzt ein Lied vom Tod: Es wurde gestern beim Begräbnis von Chief Jerry Jack gesungen.

Der Tod ist ein Geheimnis. Die Indianer glauben, dass die Seelen der Toten zu den Wölfen gingen. Jeder Tod verdiene, gewürdigt zu werden. Die Wale, die sie fingen, gaben ihr Leben auf, damit sie leben konnten. Deshalb seien die großen Waljäger die Demütigsten. Wenn der Waljäger nach Monaten der Vorbereitung hinausgefahren war, hielt er Ausschau nach dem Wal, der für ihn bestimmt war. Auch der Wal wusste das. Beide suchten einander.

Das ist lange vorbei – noch länger als Joes Kindheit, in der er auf jenen Inseln, die wir gerade streifen, die Umrisse der Zedernholzkisten in den Bäumen sehen konnte: Kisten, in denen die Toten in jener Embryohaltung bestattet wurden, in der sie einst ihr Leben begannen. Eine Beerdigung wie die gestrige ist längst eine Mischung aus christlichen und indianischen Ritualen geworden. Die Lieder sind geblieben. Melodien ohne Worte, mit Lauten unterlegt, und mit Inhalten: Dank an den Ozean. Ehre dem gestern Verstorbenen.