Wenn Dunja Hayali demnächst im heute-journal des ZDF die Nachrichten von einem neuen Bombenanschlag in Bagdad verlesen muss, denkt sie vielleicht an ihre Cousine. Die lebt in Bagdad und ist Krankenschwester. Während die eine vom Leid berichtet, versorgt die andere die Opfer. Hayalis Eltern stammen aus dem Irak, sie lernten sich in den 50er Jahren beim Studium in Österreich kennen und gingen dann nach Mainz. Ihre Tochter wird nun immer wieder von Anschlägen und Toten in dem Land berichten müssen, in dem ihre Verwandten leben. Am 30. April wird die 32 Jahre alte Journalistin ihren Einstand als Co-Moderatorin des heute-journals neben Steffen Seibert geben, seit Dienstag dieser Woche moderiert sie die Nachmittagsausgabe von heute.

Zuvor hatte Dunja Hayali eine Nachrichtensendung der Deutschen Welle moderiert. "In den ersten zwei, drei Monaten fiel es mir sehr schwer, die Meldungen aus dem Irak teilnahmslos zu verlesen. Ich dachte jedes Mal: Ist meinen Verwandten was passiert?" Mittlerweile kann sie ihre Gefühle ausblenden, "es ist für mich erst mal eine Nachricht wie jede andere auch. Das ist für mich Professionalität." Eine kurze Pause. "Dennoch blutet mir jedes Mal das Herz." Seitdem die Telefonleitungen wieder in Takt sind, kann sie wenigstens im Irak anrufen und fragen, ob alles in Ordnung ist.

Vor sieben Jahren war Dunja Hayali zuletzt im Irak zu Besuch. Mit ihren Eltern, Christen, die aus dem Nordirak stammen, war sie auch zuvor immer wieder in deren Heimatland gereist. "Einmal", erinnert sie sich, "ging in Bagdad der Fliegeralarm los, und ich bekam Angst, der nächste Krieg breche aus." Ihre Cousine beruhigte sie damals mit den Worten: In Deutschland habe sie doch auch keine Angst vom Auto überfahren zu werden, jedes Mal wenn sie auf die Straße gehe. Für Hayalis Familie ist der Ausnahmezustand Normalität.

Man hat im deutschen Fernsehen lange darauf gewartet, dass neben der Heerschar blonder Sprecherinnen auch mal eine Deutsche mit nichtdeutschen Eltern eine Nachrichtensendung moderiert. Aber sieht Hayali sich auch als Symbolfigur? Sie schüttelt den Kopf. "Ich finde es ja gut, dass das Fernsehen anfängt, die Migration in unserer Gesellschaft widerzuspiegeln." Trotzdem sei sie sicher, dass ihre Herkunft bei der Neubesetzung der Moderatorenstelle keine Rolle gespielt habe: "Ich sehe schließlich noch nicht mal sonderlich ausländisch aus."

Dunja Hayali entspricht auch sonst nicht dem Bild, das man sich von einer Nachrichtensprecherin im öffentlich-rechtlichen Fernsehen macht. Beim Treffen im Salon Schmück, einem Café in Kreuzberg, sitzt man einer Frau mit raspelkurzen schwarzen Haaren gegenüber, sie trägt eine schwarze Lederjacke, Jeans, Turnschuhe und eine dunkle Pilotensonnenbrille. Und für eine Nachrichtensprecherin, könnte man meinen, trägt sie auch mindestens zwei Ohrstecker zu viel. "Mir ist schon bewusst, dass ich anders bin, als man es bisher von der Sendung kannte. Ein bisschen der Freak vielleicht. Nicht nur wegen meiner Herkunft." Aber verbiegen müsse sie sich beim ZDF zum Glück nicht. Der Sender wollte sich offensichtlich mal verjüngen, mal einen anderen Typ nehmen.

Als Journalistin hat Hayali bisher noch nicht aus dem Irak berichtet, nicht nur, weil ihrer Redaktion eine Reise dorthin zu gefährlich erschien, sondern weil sie ursprünglich als Sportreporterin beim Radio der Deutschen Welle gearbeitet hat. Jetzt möchte sie hinfahren, sobald es möglich ist, um eine Reportage zu machen. Sie könnte dann von ihrer Cousine berichten, die täglich von einem ihrer Brüder im Auto zur Arbeit gebracht werden muss, weil man kaum mehr einen Fuß vor die Tür setzen kann. Oder von ihrem Onkel, der ein Restaurant besaß und als Christ so lange bedroht wurde, bis er es schließen musste. Aber am liebsten würde sie zeigen, dass Bagdad eine Stadt ist, die noch immer lebt. Dass es jenseits der Bilder von den Bomben auch einen Alltag gibt, der schön sein kann, und wenn es nur das bescheidene Vergnügen eines Restaurantbesuchs ist. Sonja Niemann

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