Er wohnt in einem Bauernhaus in der Eifel, in einer Gasse hinter der Dorfkirche. An der Tür kein Name, als hätte es Wolfgang Leonhard immer noch nötig, sich zu schützen. Die Stasi plante, ihn zu entführen, das belegten Akten, die Leonhard später fand – so steht es in seinem Buch »Meine Geschichte der DDR«, das gerade erschienen ist. Leonhard im Garten seines Bauernhauses in der Eifel BILD

Leonhard ist 85 Jahre alt, einer der letzten großen Zeitzeugen des vorigen Jahrhunderts. Er hat Nazideutschland erlebt, die Stalin-Diktatur, die Sowjetische Besatzungszone. In Wien und Berlin aufgewachsen, floh er 1935 mit seiner Mutter Susanne, einer Sozialistin, nach Moskau; sie lebte vom Vater getrennt. Während der »Großen Säuberung« Stalins wurde Susanne Leonhard inhaftiert. Sie verschwand für zwölf Jahre in einem Arbeitslager. Der Sohn besuchte eine Kaderschule. 1945 schickte die Sowjetunion Leonhard mit Walter Ulbricht und anderen Kommunisten als Funktionär in die deutsche Besatzungszone. Unzufrieden mit der Politik der SED, setzte er sich vier Jahre später nach Jugoslawien ab. Über jene Jahre schrieb er das Buch »Die Revolution entlässt ihre Kinder«, es wurde 1955 ein Welterfolg. In den fünfziger Jahren ging er als Historiker nach Oxford, dann an die amerikanische Universität Yale.

Seine Frau öffnet die Tür, die ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Elke Leonhard. Sie führt in einen Raum mit einem riesigen Fenster, voller Bücher. Wolfgang Leonhard freut sich über den Besuch, er zeigt die Bibliothek. »Alles von Marx, Engels, Lenin.« Er läuft am Stock zum Regal. »Die ›Prawda‹, alle Ausgaben bis 2001. Dass sie eingestellt wurde, hat mich mehr erschüttert als der Zusammenbruch der Sowjetunion.« Er lacht, erzählt. Es dauert lange, bis man die erste Frage stellen kann.

DIE ZEIT: Sie haben viel über eigene Erlebnisse geschrieben, Gefühle aber meistens ausgespart. Überwog in Ihrem Leben Glück oder Unglück?

Wolfgang Leonhard: Die Begriffe Glück und Unglück erscheinen mir sehr subjektiv. Sie kommen in meinen Büchern nicht vor. Für mich war die Verknüpfung mit so vielen Ereignissen der Weltgeschichte eine Herausforderung. Ich bin sehr kritisch gegenüber rein abstrakten politischen Analysen. Es muss immer um beides gehen – um die Politik und ihre Wirkung auf Menschen.

ZEIT: In Ihren ersten 30 Jahren waren Sie den Ereignissen ausgeliefert. Litten Sie?

Leonhard:(überlegt lange, senkt die Stimme) Mein Leben war höchst widerspruchsvoll. Das Wichtigste: Ich habe nie eine wirkliche Familie gehabt.

ZEIT: Sie sind verheiratet.

Leonhard: Ja, aber bei meiner Frau und mir dominieren andere Werte. Der Begriff Familie war mir stets fremd. Mit 60 bin ich langsam darauf gekommen, dass er etwas bedeutet. Ich bin ohne Vater aufgewachsen. Mein Vater war der Schriftsteller Rudolf Leonhard, ein braver Kommunist, der zwar kein Parteimitglied war, aber alles machte, was die Kommunistische Partei ihm sagte. Ich habe ihn in meinem Leben nur ein einziges Mal getroffen. Im September 1947 kam er aus Paris nach Berlin. Drei oder vier Tage lang habe ich ihn erlebt. Wir haben vor allem über Politik diskutiert. Als ich im März 1949 nach Jugoslawien floh, war er wütend – aus ideologischen Gründen.

ZEIT: Er hat sich nicht für Sie interessiert?

Leonhard: Er hat mich nicht mal umarmt. Rudolf Leonhard war nur mein nomineller Vater. Ich glaube, dass er meine Mutter 1918 in Kassel geheiratet hat. Im April 1921 wurde ich geboren. Mein Stiefvater war Mieczysław Bronski, ein russischer Bolschewist in Wien, der 1917 in dem plombierten Zug saß, mit dem Lenin aus der Schweiz nach Russland fuhr. Ihn und meine Mutter habe ich nur selten gesehen. Sie war eng befreundet mit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, kämpfte für die Weltrevolution. In den roten Städten Berlin und Wien glaubten damals viele daran. Als Kind störte ich da nur. Ich hatte nie diese Mutter-Sohn-Beziehung: keine Zärtlichkeiten, keine Wärme.

ZEIT: Ihre Mutter sahen Sie nach dem Krieg ebenfalls in Berlin wieder. Wie war das Treffen?