Die Website von Professor Liviu Librescu liest sich auch am Tag nach dem Massaker immer noch so, als wäre nichts geschehen. "Aeroelastische Stabilität von Flugkörperstrukturen" steht in seiner Liste von Forschungsschwerpunkten. Vier Kurse hatte der 75-jährige Wissenschaftler in diesem Semester an der Virginia Tech University angeboten. Am Montagmorgen stellte sich Librescu, der als Jude den Holocaust überlebt hatte, in seinem Seminarraum dem Amokläufer Cho Seung-Hui in den Weg, ermöglichte seinen Studenten die Flucht und wurde erschossen. Der "Held von Norris Hall" heißt er seitdem unter den Studenten. Im Angesicht einer Katastrophe, die sich rekonstruieren, aber wohl nie ganz erklären lässt, mag es helfen, an Liviu Librescu zu denken.

Mindestens 33 Tote, über zwei Dutzend Verletzte. Es ist der schlimmste Amoklauf in der amerikanischen Geschichte, aber es ist eben auch eine globale und globalisierte Tragödie. Nicht nur, weil die ganze Welt die Ereignisse auf CNN verfolgen konnte, sondern auch, weil die Virginia Tech University einer jener Orte ist, an denen die Welt zusammenkommt. Hier studieren und lehren Amerikaner, Inder, Deutsche, Chinesen, Briten, Russen, Österreicher, Filipinos. Librescu war israelischer Staatsbürger. Zum Instantstar der Tragödie arrivierte Jamal Albarghouti, ein palästinensischer Student, der den Tatort 70 Sekunden lang mit seinem Handy filmte, was ihm fünf Minuten Ruhm auf CNN und den Titel "Citizen Journalist" einbrachte. Und der Täter, Cho Seung-Hui, Englischstudent an der Universität, stammt aus Südkorea.

Nach allem, was man über ihn bislang weiß, passt er in die Galerie der unberechenbaren, weil scheinbar aus heiterem Himmel agierenden Mörder, in der man auch einen Robert Steinhäuser findet, den Attentäter des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums, die beiden Amokläufer von der Columbine-Highschool in Colorado, Eric Harris und Dylan Klebold, oder Kimveer Gill, der im September 2006 an einer Schule im kanadischen Montreal ein Blutbad anrichtete: männlich, zwischen 16 und 24 Jahre alt, oftmals Einzelgänger mit Eigenschaften und Hobbys, deren fatale Bedeutung erst im Nachhinein richtig gelesen werden. Es habe Warnsignale gegeben, heißt es auch im Fall von Cho Seung-Hui. Die Aufsätze des Englischstudenten in einem Kurs für kreatives Schreiben seien so "beunruhigend" gewesen, dass ihn der Dozent an die psychologische Beratungsstelle verwiesen haben soll.

Am Tag des Massakers hatte Cho in seinem Zimmer offenbar eine Notiz hinterlassen, nachdem er in einem Studentenwohnheim eine 18-jährige Studentin und einen 22-jährigen Kommilitonen erschossen hatte. Von "reichen Kindern, Ausschweifungen und betrügerischen Scharlatanen" ist da die Rede. "Ihr habt mich gezwungen, das zu tun", soll er geschrieben haben, um dann auf dem Campus im Fakultätsgebäude Norris Hall 30 weitere Menschen und schließlich sich selbst zu töten. Auch das würde zum Profil des Amokläufers (aber auch vieler Terroristen) passen: die oftmals ebenso vage wie pathetisch formulierte Anklage gegen "die Welt da draußen" und die Kränkung, die sie dem Täter angeblich zugefügt habe.

Nun lassen sich Amokläufe nie vollends erklären. Dass ein Teil ihrer Motive in jeder Hinsicht immer unfassbar bleibt, hat die Öffentlichkeit akzeptiert. Anders sieht es bei der Frage aus, ob dieser Amoklauf an der Virginia Tech University früher hätte gestoppt werden können. Unwillentlich präsentierten CNN und private Handyfilmer wie der Student Jamal Albarghouti ja keine Rettungsaktion, sondern die spektakuläre Hilflosigkeit von Polizei und Behörden. Die Zuschauer wurden Zeugen einer bizarren Asymmetrie der Kommunikation und der Waffen: Erst zweieinhalb Stunden nach dem Doppelmord im Wohnheim wies die Universitätsleitung die Studenten an, ihre Gebäude nicht zu verlassen und sich von Fenstern fernzuhalten – und zwar per E-Mail und nicht etwa per Lautsprecherdurchsagen. Da saßen bereits Hunderte von Eingeschlossenen in Norris Hall und informierten ihrerseits die Außenwelt per Handy und Laptop live und minutiös über den Horror, der sich auf den Fluren abspielte: ein Bewaffneter, der offenbar mit gespenstischer Ruhe und Systematik eine Seminartür nach der anderen öffnete und auf alles schoss, was sich bewegte. Draußen auf dem Campus hatten unterdessen Heerscharen von Polizisten Stellung bezogen, ausgestattet mit Pumpguns, Helmen, kugelsicheren Westen, Schnellfeuergewehren – ein martialisches Aufgebot der Machtlosigkeit gegen einen Einzeltäter mit zwei Handfeuerwaffen und reichlich Munition. Jedes Opfer, so meldete später ein Arzt aus einem der umliegenden Krankenhäuser, habe mindestens drei Schusswunden gehabt.

Cho hatte sich offenbar am 13. März zunächst eine 9-Millimiter-Pistole und in der vergangenen Woche eine halb automatische 22-Millimeter-Pistole gekauft. Der zeitliche Abstand war vermutlich dem Umstand geschuldet, dass man im Bundesstaat Virginia nur eine Schusswaffe pro Monat erwerben darf. Viel mehr Einschränkungen gibt es allerdings nicht. Auf den berüchtigten Waffenshows unter freiem Himmel müssen sich Käufer anders als im Laden noch nicht einmal auf mögliche Vorstrafen überprüfen lassen. Auf dem Campus der Universität in Blacksburg herrscht zwar Waffenverbot, aber dessen Einhaltung ist bei über 25000 Studenten kaum zu kontrollieren.

Wie schon nach dem Massaker an der Columbine-Highschool ist in den USA auch jetzt der rituelle Streit über den landesüblichen Umgang mit Schusswaffen ausgebrochen – allerdings nicht unter Politikern, die das Thema inzwischen meiden. Weder Hillary Clinton noch Barack Obama, die beiden aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, fügten ihren Beileidsbekundungen irgendwelche Forderungen nach verschärfter Waffenkontrolle bei. Die Demokraten haben seit der Präsidentschaftskandidatur von Al Gore die Erfahrung gemacht, dass sie diese Position zu viele Stimmen in den Südstaaten kostet und zu wenige in den liberalen Küstenstaaten einbringt. Das Weiße Haus ließ noch am Montag, dem Tag des Amoklaufs in Blacksburg, durch eine Pressesprecherin ausrichten, dass der Präsident am Recht eines jeden Bürgers auf Waffenbesitz festhalte. Die National Rifle Association (NRA), Amerikas bekannteste Waffenlobby, ließ auf ihrer gerade stattfindenden Jahrestagung dasselbe verlauten. Blogger debattieren seit Blacksburg hitzig über die Frage, ob man nicht wenigstens Lehrer und Professoren gegen Amokläufer bewaffnen soll.

Das Klischee vom waffenstarrenden Amerika scheint sich wieder einmal zu bestätigen. Scheint. Denn die Statistiken zeichnen ein etwas anderes Bild. Die NRA mag weiterhin über reichlich Einfluss verfügen, doch die Gesamtbevölkerung wird offenbar langsam waffenmüde. Wie die Universität von Chicago unlängst in einer Studie ermittelte, ist die Zahl der amerikanischen Haushalte, die eine Schusswaffe besitzen, in den vergangenen 30 Jahren von 54 auf 30 Prozent geschrumpft.

Ähnliches gilt auch für die Zahl der Waffenhändler. Anfang der neunziger Jahre hatte das Washingtoner Violence Policy Center noch feststellen müssen, dass es in den USA mehr lizenzierte Waffenhändler als Tankstellen gab. Inzwischen ist die Zahl der Händler dank schärferer bundesstaatlicher Kontrollen von fast 250000 auf knapp 55000 gesunken.

Das macht umgerechnet immer noch über 1000 Waffenhändler pro amerikanischen Bundesstaat. Darunter befinden sich dann Großgeschäfte wie Bob Moates und Old Dominion Guns and Tackle in Virginia, die trotz der Tragödie in Blacksburg in den kommenden Tagen jedem Kunden eine Schusswaffe schenken werden, der für mehr als 100 Dollar einkauft. Das Ganze ist eine Protestaktion gegen den New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg, der Waffengeschäfte in Virginia und mehreren anderen Bundesstaaten verklagt hat, weil sie die ohnehin schon laxen Kontrollen ignorieren und damit auch Kriminellen aus New York ermöglichen, sich problemlos mit Schusswaffen einzudecken. Auch diese Konfrontation ist symptomatisch für die aktuelle Debatte.

Auf der großen medialen Bühne des anlaufenden Präsidentschaftswahlkampfs wird das Thema Waffenkontrolle gemieden. Doch auf kommunaler und einzelstaatlicher Ebene haben Bürgermeister und Gouverneure der Waffenlobby und der Industrie sehr wohl den Kampf angesagt. Allen voran der Republikaner Bloomberg in New York und sein Parteifreund, der kalifornische Gouverneur Arnold Schwarzenegger, ehemals bekannt als Blei spuckender Terminator.

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