DIE ZEIT: Herr Köhler, die Politik hat seit Jahren gefordert, dass die Muslime in Deutschland mit einer Stimme sprechen sollen. Jetzt gibt es einen einheitlichen Ansprechpartner, den Koordinationsrat der Muslime, und Sie sind der erste Sprecher. Woher die unverhoffte Einigung?

Ayyub Axel Köhler: Es gab seit Jahren Druck von unserer Basis für einen Einheitsverband. Die Moscheegemeinden stehen immer wieder vor Problemen, die sie auf lokaler Ebene nicht lösen können: die Regelung des islamischen Religionsunterrichts oder des Schächtens etwa.

ZEIT: Wären die islamischen Verbände denn auch ohne den sanften Druck der Schäubleschen Islam-Konferenz zusammengekommen?

Köhler: So gefordert zu werden hat eine Rolle gespielt. Wir hätten es aber sowieso gemacht.

DIE ZEIT: Werden die Muslime nun Kirche?

Köhler: Nein, das würde unserem Religionsverständnis widersprechen. Es gibt bei uns keine Mitgliedschaft wie bei den Christen, keine Taufe und also auch kein Taufregister. Wir kennen kein Priestertum und kein Lehramt. Doch nun sollen – und wollen – wir in die Staatsordnung eines Landes integriert werden, das von einer verkirchlichten Religion geprägt ist.

DIE ZEIT: Die Mitgliedsverbände des neuen Rates waren teils sehr stark auf die Herkunftsländer der Migranten bezogen, vor allem auf die Türkei. Muss sich das nicht ändern?

Köhler: Es gab und gibt natürlicherweise starke Bindungen an die Herkunftsländer. Aber dies verändert sich jetzt, auch durch einen Generationswechsel. Wir haben Probleme hier und jetzt zu lösen. Ich sage darum, wir müssen die Einflüsse aus dem Ausland im hiesigen Islam sacht, aber entschieden zurückdrängen. Der Koordinierungsrat soll zur Identitätsfindung eines deutschen Islams beitragen.

DIE ZEIT: Für wie viele der 3,5 Millionen Muslimen sprechen Sie? Es heißt, in den Verbänden seien nur 15 Prozent der Muslime organisiert.

Köhler: Weil es bei uns keine Einzelmitgliedschaft wie bei den Kirchen gibt, kann ich keine Zahlen nennen. Doch die vier im Koordinationsrat vertretenen Dachverbände stehen für etwa 85 Prozent der Moscheegemeinden. Damit vertreten wir die überwältigende Zahl der Muslime, die ihren Glauben praktizieren. Zum Freitagsgebet reichen mancherorts die verfügbaren Räume nicht. An hohen Festtagen stehen die Gläubigen bis auf die Straße und beten.

DIE ZEIT: Warum führen Sie nicht eine Form der Einzelmitgliedschaft ein? Dann wüsste man ganz genau, für wen Sie sprechen.

Köhler: Das ist gegen die muslimische Mentalität.

DIE ZEIT: Wenn Sie aber mit den Kirchen als Körperschaft gleichgestellt werden und Steuern erheben wollen, führt kein Weg daran vorbei.

Köhler: Wir sind uns noch gar nicht einig, ob wir diesen Weg gehen wollen. Die großen Dachverbände brauchen zunächst die Anerkennung als Religionsgemeinschaft, damit wir als Muslime endlich ins rechtliche System der Bundesrepublik eingefügt werden können. Das Weitere ist offen.

DIE ZEIT: Wie geht es nun weiter nach dem ersten Schritt zu einer transparenten und demokratischen Einheitsvertretung?

Köhler: Wir wollen in den Ländern einheitliche Strukturen schaffen. Denn auf dieser Ebene werden die meisten Dinge, die Religion und Bildung betreffen, geregelt. Wir brauchen Landesverbände, die Delegierte wählen, die wiederum demokratisch eine Bundesvertretung bestimmen. Bis dahin gibt es sicher noch viele Debatten. Aber ohne die Führung des Koordinationsrates kommen wir nie ans Ziel.

DIE ZEIT: Steht der Koordinationsrat nur für die konservativen Muslime, wie Kritiker sagen?

Köhler: Was heißt überhaupt "konservativer" Islam? Wir vertreten einen Mainstream-Islam, wie er überall auf der Welt praktiziert wird. Wer das Glaubensbekenntnis, die fünf Säulen des Islams und die sechs Glaubensartikel akzeptiert, gilt uns als Muslim.

DIE ZEIT: Kommen die Muslime damit klar, auf Dauer in einer pluralen, säkularen Gesellschaft als eine Gruppe unter anderen zu leben – ohne die Hoffnung, irgendwann doch die Gesellschaft islamisieren und einen islamischen Staat errichten zu können?