Am Anfang ist der Blick. Ein kleiner Krebs, über die ganze Seite vergrößert, schaut uns an. Im Hintergrund richtet sich ein riesiges, menschliches Auge auf den Krebs, letztlich aber auf uns. Das Auge als Tor der Erkenntnis und ein zehn-, vielleicht zwölfjähriger Junge, der es ganz genau wissen will. Mit der Lupe und sogar mit einem Mikroskop ist er an den Strand gekommen. Während seine Eltern lesen, untersucht er das Strandgut, sammelt Muscheln, Federn, Metallteile, Flaschen. Ein Sammelsurium und ein forschender Blick in die angeschwemmte Vergangenheit. Fliegende Schildkröten aus dem Bilderbuch »Strandgut« von David Wiesner BILD

Als er gerade nach einem weiteren Krebs greift, erwischt ihn eine mächtige Breitseite. Durchnässt und algenbehangen, liegt er im Sand, genau wie der seltsame kleine Kasten, der mit der Welle angespült wurde. Auch der wird genau untersucht, bis feststeht, dass es sich um eine altertümliche Unterwasserkamera handelt, die niemandem am Strand gehört. Sie enthält einen vollständig belichteten Film, mit dem der Junge ins Stranddorf zum Fotoshop rennt. Ungeduldig wartet er die Expressentwicklung ab und läuft dann, die Erwartung noch steigernd, zum Strand zurück. Und jetzt – mit dem Blick des Jungen auf die Fotos – tauchen wir ein in eine bizarre, zauberhafte Unterwasserwelt. Dort schwimmt zwischen schimmernden Tropenfischen ein künstlicher, vom Schwungrad angetriebener Fisch. Auf dem Meeresgrund haben es sich Kraken auf den Sofas aus einem versunkenen Möbelwagen bequem gemacht. Auf dem Rücken von Meeresschildkröten sind aus Schneckenhäuschen gewaltige Städte für kleine grüne Zweibeiner entstanden. Inseln entpuppen sich als riesige Seesterne, neben denen Wale klein wie Spielzeug wirken. Traumhafte Bilder, die – jedes für sich – eine Geschichte erzählen.

Doch zwischen diesen fantastischen Ansichten findet sich auch ein Foto von einem asiatischen Mädchen, das in der Hand ein Foto hält von einem Jungen in Lappland, der in der Hand ein Foto hält von einem weiteren Kind mit Foto in der Hand. Offenbar endlos, aber kaum zu erkennen. Also nimmt der Junge seine Lupe, dann sein Mikroskop und gelangt mit jedem Dreh am Objektiv einen Zeitsprung weiter zurück in die Vergangenheit: Die Farbe weicht dem Schwarz-Weiß der Fotos, statt T-Shirts tragen die Kinder Anzüge; Haltung, Frisur, Gesichtsausdruck verändern sich. Und schließlich steht am Ende dieser Zoom-Zeitreise in die Vergangenheit ein Junge in einem mondänen Seebad und winkt vom Beginn des 20. Jahrhunderts. War er der ursprüngliche Besitzer der Unterwasserkamera? Hatte er sie damals ins Meer geworfen, um sie jemandem als Flaschenpost zu schicken? Hatte er sogar diese kühne Vision, ähnlich der viel später gestarteten Voyager-Raumsonden, von bewahrten Bildern und Tönen unserer Welt?

Es bleibt im Dunkeln, denn der amerikanische Illustrator David Wiesner erzählt diese Geschichte ohne Worte, allein mit neunzig Bildern. Mit herrlichen Panoramatafeln ebenso wie mit kleinformatigen Bildserien, die wie ein Daumenkino Zeitabläufe verdeutlichen. So geschickt sind die detailreichen Illustrationen in Bildfolgen arrangiert, dass ein Text tatsächlich überflüssig wird. Sie bestimmen das Lesetempo, machen das Nachdenken des Jungen transparent und seine Ergriffenheit angesichts dieses einzigartigen Projektes spürbar. So wird nachvollziehbar, warum er am Abend, nachdem er sich ebenfalls mit dem Foto in der Hand fotografiert hat, die Kamera – mit neuem Film bestückt – den Fluten überlässt. Und so können wir der Kamera folgen, durch eine Nixenstadt und zum Südpol reisen, bis sie an einen Strand gespült wird, wo diesmal ein Mädchen sie aus dem Wasser fischt.

2002 hatte David Wiesner in seinem Bilderbuch Die drei Schweine die Antihelden ganz postmodern zwischen die Bilder und Geschichten entwischen lassen, wurde dafür mit dem LUCHS ausgezeichnet und für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. In Strandgut verbindet er nun Schönheit, Spannung, Überraschung, augenzwinkernde Fantasy und kindliche Völkerverständigung zu einem in der Bilderbuchwelt solitären Werk. (Ab 5 Jahren) Bruno Blume