Weshalb nur ist Günther Oettinger einer falschen Übersetzung des Ratschlags "de mortuis nil nisi bene" gefolgt? Dieser Satz gebietet ja keineswegs, über die Toten ausschließlich Gutes zu reden, sondern verlangt, gut über sie zu reden. Eine gute Rede halten kann man aber nur, wenn man die Wahrheit nicht verbirgt oder verbiegt, sondern wenn man sie ehrt und gerade auch darin den Verstorbenen würdigt. Was aber ist die Wahrheit im Fall Hans Karl Filbinger?

Filbinger, so der Totenredner, sei kein Nationalsozialist, sondern ein Gegner des NS-Regimes gewesen - er habe den "Nationalsozialismus immer verachtet". Aber schreibt so jemand 1935 einen Artikel voller NS-Leitbegriffe wie "Blutsgemeinschaft", "Schädlinge am Volksganzen", "rassisch wertvolle Teile des deutschen Volkes"? Wird so jemand 1934 bis 1937 Mitglied der SA, tritt er 1937 in die NSDAP ein?

Oettinger folgte der überholten Selbstdarstellung Filbingers, als er sagte, der Verstorbene sei zum "Ende des Krieges als Marinerichter nach Norwegen abkommandiert worden". In Wirklichkeit waren die CDU-Leute in Stuttgart im August 1978 tief entsetzt, als wenige Tage vor Filbingers Sturz herauskam, dass ihr Vormann bereits von März 1943 an ununterbrochen in der Marinejustiz amtiert hatte. Bis dahin hatte es in seinem offiziösen Lebenslauf nämlich geheißen, er sei als Offizier zur See gefahren und: "In der letzten Kriegsphase sind ihm zeitweilig richterliche Funktionen übertragen worden." Diese kurze Zeit aber habe er genutzt, Soldaten vor der Verurteilung wegen Wehrkraftzersetzung zu bewahren, in zwei Fällen sogar vor dem Tode.

Schon diese Episode deutet die ganze Wahrheit an: Filbinger ist nicht über sein Leben vor 1945 gestürzt sondern über seine Lebenslügen danach. Und eine weitere politische Lebenslüge hätte Oettinger selbst vermeiden müssen. Filbinger ist ja am 7. August 1978 nicht von anonymen Mächten gestürzt worden, sondern von seiner eigenen Landespartei und Landtagsfraktion, die damals über fast 57 Prozent der Stimmen und entsprechend viele Mandate verfügte. " Mein Gott, Herr Ministerpräsident, wo haben Sie denn sonst noch überall herumgerichtet?", rief der damalige CDU-Fraktionsvorsitzende Erwin Teufel verzweifelt aus, als ein weiteres Todesurteil bekannt wurde.

Günther Oettinger war damals 25 Jahre alt und seit 1974 CDU-Mitglied.

Der Vorsitzende der Jungen Union, Matthias Wissmann, erklärte damals: "Ich will offen sagen, dass ich Filbingers Verhaltensweise und manche seiner widersprüchlichen Äußerungen nicht mehr verstehen kann." Wer also am Sarge Filbingers und im Angesicht von Lothar Späth und Erwin Teufel, den beiden Nachfolgern das vermeintliche Unrecht beklagen will, das Filbinger widerfuhr, muss doch mindestens ein paar Worte darüber verlieren, dass hier all jene versammelt sind, die damals das politische Leben des Verstorbenen beendet hatten. Dieses Schweigen war mindestens so beredt wie die ganze Totenrede und darin sogar paradoxerweise wahrhaftiger.

Wie aber hatte sich dieser Sturz angebahnt? Die Affäre Filbinger begann mit einem Vorabdruck aus einer Erzählung von Rolf Hochhuth in der ZEIT vom 17. Februar 1978, in der es hieß, Filbinger sei ein "furchtbarer Jurist" gewesen, weil er noch nach Kriegsende in britischer Gefangenschaft einen Matrosen mit Nazigesetzen verfolgt habe. Diese Passage wiederum griff zurück auf eine Veröffentlichung im Spiegel vom 10. April 1972, die seinerzeit aber keinen rechten Skandal auslöste, obwohl sie in die letzten Tage vor der Landtagswahl in Baden-Württemberg am 23. April fiel zugleich waren dies aber auch die aufgeregten Tage um den Versuch, Willy Brandt zu stürzen.