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Andrew Wakefield polarisiert. Manche halten ihn für einen Spinner; andere für einen Wissenschaftler, den überzogener Selbstglaube zu Selbsttäuschung hinriss. Wieder andere bezeichnen ihn als Betrüger. Und seine vielen Anhänger sehen in ihm das Opfer einer Rufmordkampagne des medizinischen Establishments und der Pharmaindustrie.

Wakefield, ursprünglich ein auf Darmoperationen spezialisierter britischer Chirurg, löste 2001 eine der großen Paniken der Medizingeschichte aus. Die Impfrate für Masern, Mumps und Röteln (MMR) sackte in Großbritannien von 92 Prozent auf 79 Prozent. In manchen Teilen Londons lehnten 40 Prozent der Eltern die Impfung ab. Im März 2006 starb erstmals seit 14 Jahren wieder ein Kind an Masern. Die britische Ärztekammer (GMC) hat ein Standesverfahren gegen den Skandalarzt angesetzt. Es soll 15 Wochen dauern, das längste derartige Verfahren seit je.

Die Geschichte des Skandals beginnt mit einer unscheinbaren Zusammenkunft. Im Juni 1996 trifft Wakefield den Rechtsanwalt Richard Barr. Wakefield leitet an der medizinischen Fakultät des Londoner Royal Free Hospital ein Team, das einen hypothetischen Zusammenhang zwischen Masern, Darmentzündungen und Autismus untersucht. Autismus, eine schwere neurologische Störung der kindlichen Entwicklung, gilt gemeinhin als angeboren. Barr vertritt die Eltern von zehn autistischen Kindern. Sie wollen die Pharmakonzerne Aventis, GlaxoSmithKline und Merck verklagen, denn sie sind überzeugt, die MMR-Impfung habe das Leiden verursacht – weil es kurz nach der Impfung einsetzte. Das lässt sich aber auch als Zusammenfallen von Impfalter und erstem Auftreten von Autismussymptomen erklären.

Im Verlauf des Treffens entwirft Wakefield eine Methode zum Nachweis eines Kausalzusammenhangs von Impfung und Autismus. Er schlägt vor, den Virengehalt von Darmbiopsien autistischer Kinder zu vergleichen mit Biopsien von nichtautistischen Kindern mit Darmstörungen. Rechtsanwalt und Doktor beschließen, bei der staatlichen Rechtsbeihilfe einen Antrag zur Finanzierung der Tests zu stellen. Die Mittel, zunächst 55000 Pfund, werden überraschend schnell bewilligt.

In einem obskuren Fachblatt feuert Andrew Wakefield die Debatte an

1998 schließt sich Barr einer aggressiv um Kundschaft werbenden, auf Schadenersatzklagen spezialisierten Kanzlei an. Wakefield führt die von der Rechtshilfe finanzierten virologischen Untersuchungen durch. Sein Hauptaugenmerk gilt einer wissenschaftlichen Untersuchung, in die er zwölf hoch qualifizierte Mitarbeiter einspannt. Er postuliert ein neues, durch psychiatrische Symptome und Darmerkrankung gekennzeichnetes Syndrom, später »autistische Enterokolitis« genannt, das angeblich Masernviren auslösen.

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Am 16. Januar 1998 warnt Wakefields Chef das Gesundheitsministerium, die Untersuchung werde im Fachblatt The Lancet veröffentlicht und einige der Autoren würden sich auf einer Pressekonferenz für einen Ersatz der MMR-Dreifachimpfung durch Einzelimpfungen aussprechen. Er ist sich bewusst, dass es für Einzelimpfungen keine hinreichenden Bestände im Land gibt.

Zunächst schlägt die Lancet- Studie keine großen Wellen, trotz aufwendigen Begleitmaterials für die Medien. Die großen Zeitungen beurteilen Wakefields Befunde mehrheitlich skeptisch. Ende 2000 legt Wakefield nach. Er schreibt in einem obskuren Fachblatt über eine angeblich zunehmende Beunruhigung von Wissenschaftlern über MMR. Sein Treiben wird dem Royal Free Hospital zu bunt. 2001 trennt man sich im »gegenseitigen Einvernehmen«. Wakefield stellt den Vorgang im Internet etwas plastischer dar. Er habe sich dem Druck widersetzt, seine Untersuchungen eines Zusammenhangs zwischen Impfung, Darmentzündung und Autismus einzustellen, und deshalb seine Stellung aufgegeben.

Jetzt bricht ein Mediensturm los. Das Massenblatt The Sun (7,5 Millionen Leser) und die Daily Mail (5 Millionen Leser) schlagen sich auf Wakefields Seite. Der konservative Daily Telegraph bringt ein Exklusivinterview mit dem »Sachwalter von Patienten, deren Ängste ignoriert werden«. Die verantwortliche Journalistin verfasst ein Dutzend weiterer Artikel über das Thema und wird vom britischen Presseverband zur Gesundheitsreporterin des Jahres gekürt.

MMR avanciert zu einer der größten Storys. Wakefield lässt sich von einer prominenten PR-Firma vertreten. Nigella Lawson, Libby Purves, Suzanne Moore und Lynda Lee-Potter, hoch bezahlte Edelfedern und prominente Meinungsmacherinnen, verbreiten sich in linken und rechten Blättern über ihre Ängste als Mütter und rechtlose Opfer der Pharmaindustrie. Gegenwelten entstehen. Auf der einen Seite die öffentliche Meinung, geprägt durch die Medienkampagne, auf der anderen Seite Experten für Autismus, Mikrobiologie und kindliche Darmkrankheiten, die fast geschlossen Wakefields Hypothese als unglaubwürdig und wissenschaftlicher Überprüfung nicht standhaltend zerpflücken.

Die Regierung zeigt sich wankelmütig. Die spätere Gesundheitsministerin Tessa Jowell hat sich bereits vor New Labours Wahlsieg 1997 kompromittiert, als sie sich mit Wakefield, Rechtsanwalt Barr und der Mutter eines autistischen Kindes trifft und anschließend eine schriftliche Zusage gibt, sich für sicherere Impfstoffe einzusetzen. Als Ministerin beruft sie ein weiteres Treffen mit denselben Teilnehmern ein. Im Dezember 2001 drückt sich Premierminister Blair um die Antwort auf eine Anfrage im Parlament, ob sein einjähriger Sohn Leo gegen MMR immunisiert sei. Immer mehr Eltern fragen sich, ob sie ihren Kindern eine Impfung zumuten können, zu der sich nicht einmal der Regierungschef bekennt.

An Deutschland geht der Aufruhr weitgehend vorbei. Deutsche Eltern bringen ihre Kinder generell nicht gern für die Dreifachspritze zum Arzt. So schwanken die Raten für die nötige Auffrischungsimpfung je nach Bundesland zwischen 30 und 57 Prozent, trotz einer europäischen Zielsetzung, Masern bis 2010 zu eliminieren. In Skandinavien ist das bereits der Fall. In Finnland sind auch Mumps und Röteln ausgerottet. Das erfordert eine Impfrate um 95 Prozent. Auch Großbritannien war auf dem besten Weg – vor der Panik.

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Im Juni 2002 enthüllt Wakefield im Daily Telegraph, Untersuchungen in Irland hätten seine Ergebnisse bestätigt. Der irische Wissenschaftler, dem das angeblich gelang, dementiert dies umgehend. Aber das findet in dem Artikel keinen Niederschlag. Wakefield, erfahren die Leser, habe sich in einen gefahrvollen Kampf gegen finstere Kräfte begeben, die ihn mit Wanzen ausspionieren, in sein Büro einbrechen und die Karteikarten seiner Patienten entwenden.

Im November 2002 veröffentlicht das angesehene New England Journal of Medicine eine vernichtende Widerlegung der These, MMR-Impfung verursache Autismus. Die Autoren verglichen die Erkrankungshäufigkeit von 440000 geimpften und 97000 ungeimpften Kindern, ohne eine Korrelation zu finden. Doch die Panik ist nicht mehr zu stoppen. Über die Hälfte der Bevölkerung hängt mittlerweile der falschen Vorstellung an, die Fachwelt sei hoffnungslos gespalten. Sir Liam Donaldson, Großbritanniens höchster Amtsarzt, kann nur durch Rücktrittsdrohung verhindern, dass die Regierung dem öffentlichen Druck nachgibt und die Dreifachimpfung durch einzelne Impfungen ersetzt, was erfahrungsgemäß die Ausrottung ansteckender Kinderkrankheiten erschwert.

2003 emigriert Wakefield in die USA, wird Direktor einer Privatklinik für autistische Kinder in Texas. Versucht man heute, die Vorgänge aus der Perspektive der Beteiligten zu rekonstruieren, stößt man auf eine Mauer des Schweigens. Wakefield erklärt sich zuerst zu einem Treffen bereit. Kurz davor teilt er in einer abrupten E-Mail mit, seine Rechtsanwälte hätten ihn angewiesen, nicht mit der ZEIT zu sprechen. Einige Tage später verbessert ihn seine Frau Carmen. Ihr Mann habe den Interviewtermin wegen Arbeitsüberlastung nicht wahrnehmen können. Sie bietet an, Fragen per E-Mail zu beantworten. Kurze Zeit später ist auch das plötzlich »aus rechtlichen Gründen« unmöglich.

Simon Murch, einer der Mitautoren der Lancet- Studie, der sich später von Wakefields Interpretation der Daten distanzierte, will sich ebenfalls nicht äußern. Ein weiterer Koautor, John Walker-Smith, erklärt kategorisch: »Ich spreche grundsätzlich nicht mit den Medien.«

Weder Tony Blair noch seine Frau Cherie reagieren auf Bitten um Klärung der nie beantworteten Frage, ob Leo nun geimpft wurde oder nicht. Die ehemalige Gesundheitsministerin Jowell, mittlerweile für Medien, Sport und Kultur verantwortlich, bleibt eine Erklärung ihrer Rolle schuldig. Der Chefredakteur des Lancet verweigert ein Interview. Auch eine für das Royal Free Hospital agierende PR-Firma beantwortet keine der schriftlich gestellten Fragen.

Es gelingt immerhin, Rechtsanwalt Barr am Telefon zu erwischen. Er will Vergangenes nicht aufwärmen, »das gefällt mir nicht«, betont er. Ihm lässt sich nur entlocken, die Lancet- Studie habe für ihn nur eine »ganz kleine, ganz unbedeutende Rolle« gespielt. Die Wahrheit über MMR sei nie ans Tageslicht gekommen, weil die Rechtshilfebehörde 2004 völlig grundlos die Finanzierung des Verfahrens sechs Monate vor Prozessbeginn eingestellt habe. Er verlor darüber seinen Job.

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Bis 2004 hat die Behörde 16 Millionen Pfund an Barrs Kanzlei überwiesen. Diese reicht knapp 3,5 Millionen Pfund für wissenschaftliche Expertisen und Laboruntersuchungen weiter. Wakefield erhält als bestbezahlter Experte achtbare 435643 Pfund. Als die Zahlen Ende 2006 bekannt werden, gibt Wakefield eine Pressemeldung heraus: Er habe all seine Energien in den Dienst einer gerechten Sache gestellt und seinen Verdienst dem Royal Free Hospital zur Errichtung eines Zentrums für die Pflege von Kindern mit Autismus und Darmerkrankungen angeboten. Das Krankenhaus habe sein Angebot abgelehnt, aber »ich werde mich weiterhin für diese Kinder engagieren. Ich lasse mich weder einschüchtern noch dazu nötigen, meine Arbeit abzubrechen.«

Als bestbezahlter Experte im Verfahren erhält Wakefield 435643 Pfund

Das Standesverfahren scheint sich – die Ärztekammer hüllt sich ebenfalls in Schweigen – auf vier Anklagepunkte zu stützen. Erstens seien Wakefields Forschungen qualitativ minderwertig, sie bezögen sich auf eine viel zu kleine Patientengruppe, deren einseitige Auswahl das Ergebnis praktisch vorwegnehme. Zweitens habe er sich durch klinisch nicht zu rechtfertigende Untersuchungen ethisches Fehlverhalten zuschulden kommen lassen. Drittens verursachten die parallele Anfertigung der Lancet- Studie und der Expertise für den Rechtsstreit einen nicht erklärten Interessenkonflikt. Viertens gebe es Unstimmigkeiten zwischen Angaben in der Lancet -Studie und in den Karteikarten der Patienten.

Letzteres behauptet Brian Deer, ein freier Reporter, der seit 2004 viel zur Aufdeckung des Skandals beigetragen hat. Er habe Kopien der vertraulichen Karteikarten gesehen, sei aber gerichtlich verdonnert worden, diese zu vernichten. Er hält Wakefield für einen Schurken. Der Londoner Mediziner und Buchautor Michael Fitzpatrick glaubt, Wakefield sei weniger von Geldgier als von einem Galileo-Komplex getrieben. Ungenaue Forschungsergebnisse würden häufig veröffentlicht. Das sei nicht unbedingt verkehrt, sofern sie in die richtige Richtung zielten.

Aber wenn ein Galileo derart falsch liegt, kann er größeren Schaden anrichten als ein Betrüger. Vor allem in England, das seine Underdogs liebt.