Am 9. April 2003 nahm der Iraker Kadim al-Jabouri seinen Vorschlaghammer, spazierte hinüber zum Fardus-Platz und langte zu. Ein Foto zeigt einen Muskelmann im Muskelshirt, der grimassierend auf eine gewaltige Statue einprügelt. Das Bild ging um die Welt. In den Zeitungen lautete der Bildtext: "Der Fall von Bagdad". Heute bewahrt al-Jabouri das Foto vom Sturz der Saddam-Statue in seinem Schreibtisch auf. Er sagt: "Hat alles nichts genutzt."

Der ehemalige Gewichtheber al-Jabouri konnte den amerikanischen Einmarsch kaum erwarten. Saddam, der Diktator, hatte ihn wegen Regierungskritik monatelang ins Gefängnis geworfen. Eigenhändig, so nahm er sich vor, würde er eines Tages die gewaltige Saddam-Statue niederreißen. Als es endlich so weit war, glaubte er: "Jetzt wird alles besser." Wurde es aber nicht. Einkommen hat er kaum mehr. Der Strom langt bestenfalls für vier Stunden täglich. Sieben seiner Freunde und Verwandten wurden aus ihren Häusern vertrieben, gekidnappt oder getötet. "Wir sind einen Tyrannen losgeworden", sagt er. "Aber heute bedauern wir, dass er nicht mehr da ist, egal, wie sehr wir ihn einst hassten."

Kadim al-Jubouris Geschichte hat jetzt die Washington Post nachrecherchiert. Pünktlich zum vierten Jahrestag des Falls von Bagdad wird das Schicksal des Gewichthebers neuerlich zum Symbol. Zum Sinnbild eines Krieges, der schiefgeht: In einem mörderischen Alltag fühlt sich ausgerechnet jener Regimekritiker gefangen, der zur Ikone der Freiheit werden sollte. Die Story trifft den Ton der Selbstgeißelung, mit dem Amerika ins fünfte Jahr des irakischen Krieges tritt. Wieder einmal spricht der republikanische Senator und Präsidentschaftskandidat John McCain aus, was das Volk denkt: "Seit vier Jahren vermasseln wir alles. Und allzu oft haben wir die Bevölkerung in die Irre geführt mit Gerede wie ›Auftrag ausgeführt‹." Kaum jemand weiß noch genau, wie der Auftrag eigentlich lautet und wie er auszuführen wäre. Die Late-NightShows lädt diese Verwirrung zu bösem Spott ein. Ansonsten breitet sich ein schwer zu lesender Gemütszustand aus. Er changiert zwischen Melancholie und Lethargie, einem Gefühl von Ausweglosigkeit und Ratlosigkeit. Amerika im Jahre Fünf des Irakkrieges – eine kollektive Psychokrise.

Frust mündet freilich nicht in Fundamentalkritik. Als sich die Friedensbewegung zum vierten Jahrestag des Kriegsbeginns in Washington versammelt, steht die Stadt keineswegs still. Man trifft sich im Regierungsviertel, das übliche bunte Friedensvölkchen, und zieht über den Fluss zum Pentagon – genauso wie weiland während des Vietnamkrieges. Damals galt der "Marsch auf das Pentagon" als Machtdemonstration. Diesmal fasst der gewaltige Pentagon-Parkplatz die Demonstranten leicht. Tausende, vielleicht ein paar Zehntausend sind es, mehr nicht. Paradoxerweise verschafft gerade die Schwäche der linken Friedensfreunde der massenhaften Kritik am Irakkrieg Glaubwürdigkeit. 1967 verband sich mit der Kriegskritik der Aufstand einer Generation, die auf eine liberalere Gesellschaft drängte. Heute reicht es, bloß gegen den Irakkrieg zu sein. Mit Spontigruppen muss sich niemand gemeinmachen. Die Kriegskritik residiert im Einfamilienhaus. Sie ist Mainstream und leise. Dafür umso wirkungsmächtiger. Denn sie ist mehrheitsfähig. Und sie spaltet die Gesellschaft nicht wie einstmals die Anti-Vietnam-Bewegung.