Diese Geschichte klingt wie ein Märchen. Es war einmal ein Herrscher, der hatte ein Problem, das ihn bei Nacht um den Schlaf brachte. In seinem Land gab es einen Schreiberling, der ihn immer wieder kritisierte. Er spottete über die Art, wie er regierte, wie er Entscheidungen traf, und zweifelte an seiner Ehrenhaftigkeit. Eines Morgens beschloss der Herrscher, sich das nicht länger gefallen zu lassen, und erließ ein Gesetz, wonach sich niemand bei Hofe mehr mit dem vorlauten Schreiberling treffen dürfe, auf dass der endlich das Land verlasse.

Die Geschichte beginnt im Februar 2007 und spielt in Braunschweig. Der Autor Hartmut El Kurdi ist Jurymitglied eines Vorlesewettbewerbs, der in der Stadtbibliothek ausgetragen werden soll. Organisator ist eine Buchhandlung namens Bücherwurm. Geladen ist auch die Leiterin der Stadtbibliothek, sie soll ein Grußwort an die Kinder richten, die um den Titel "Bester Vorleser von ganz Braunschweig" kämpfen. Einige Tage vor dem großen Lese-Fest klingelt im Bücherwurm das Telefon, der Kulturdezernent der Stadt ist dran und macht eine Verlautbarung: Der Oberbürgermeister Gerd Hoffmann und seine Mitarbeiter des Fachbereichs 41 – der Kultur – besuchten keine Veranstaltungen mehr, bei denen auch El Kurdi zugegen sei. Der OB wolle mit seinem Kritiker nicht mehr zusammentreffen – und für seine Kollegen gelte ab sofort dasselbe. Städtische Mitarbeiter träten ja in Vertretung des Oberbürgermeisters auf.

Der gebürtige Jordanier Hartmut El Kurdi wohnt seit 12 Jahren in Braunschweig, zuvor lebte er in Kassel. Er sitzt auf seiner roséfarbenen Polstercouch und breitet die Chronologie der Ereignisse aus. Ein Mann mit kleinen goldenen Kreolen in beiden Ohrläppchen und einem verwaschenen Kapuzenshirt. Wäre er nicht Autor von Kinderbüchern und -stücken, Kolumnist und Satiriker, dann könnte er nur Streetworker sein. So roh spricht er, so pur lacht er, so desillusioniert gibt er sich.

Wenn er die Geschichte erzählt, von vorne bis hinten, dann klingt die lustige Landposse eher wie ein Thriller: Die Akte El Kurdi.

Er sitzt auf einem Polstersessel. Nach vorne gelehnt, stützt er die Ellenbogen auf den Oberschenkeln ab und führt die Hände zwischen den Beinen zusammen. Er tippt die Fingerkuppen gegeneinander, überlegt: wo anfangen?

Am besten an dem Tag, als der Anruf vom Bücherwurm kam. Ob er sich erklären könne, warum sein Mitwirken an einem Vorlesewettbewerb als Jurymitglied der Grund dafür sei, dass Mitarbeiter der Stadt daran nicht teilnehmen dürften? Nein, das kann El Kurdi nicht. Warum der OB ihn offenbar nicht leiden mag, das kann er sich sehr wohl erklären. Seine polemische Kritik am ersten Mann im Rathaus sei ja schließlich immer mal wieder veröffentlicht worden: im Braunschweiger Magazin Subway und in der Tageszeitung taz, wo er eine monatliche Kolumne hat. "Natürlich bin ich in meinen Satiren böse, aber unter die Gürtellinie ging das nie." Außerdem sei der OB nur selten Thema gewesen. Dass er sich sehr aufrege und man im Rathaus fieberhaft überlege, wie man am besten mit dem Kritiker umgehe, wurde El Kurdi aber von Insidern schon seit längerem berichtet. Vor allem, weil El Kurdi immer wieder den empfindlichsten Punkt in der Vergangenheit des Oberbürgermeisters zur Sprache brachte – dessen frühere NPD-Zugehörigkeit.