Vier Millionen Verbraucher schließen in Deutschland pro Jahr eine Lebensversicherung ab. Obwohl, statistisch gesehen, jeder Deutsche schon mindestens einen Vertrag hat. Obwohl sich eine Lebensversicherung als Kapitalanlage kaum rechnet. Und obwohl die meisten Kunden ihre Police vor Ablauf wieder kündigen – und das meist mit hohem Verlust. BILD

Nutznießer eines Vertragsabschlusses sind bisher vorrangig Versicherungsunternehmen und Versicherungsvermittler. Damit soll nun bald Schluss sein. Insbesondere weil der Bundesgerichtshof und das Bundesverfassungsgericht gängige Praktiken der Branche als verbraucherfeindlich verworfen haben, will die Bundesregierung das Versicherungsvertragsgesetz (VVG) reformieren. »Das geltende Versicherungsvertragsgesetz stammt aus dem Jahre 1908. Den Bedürfnissen eines modernen Verbraucherschutzes wird es nicht mehr vollständig gerecht«, stellte das Bundesjustizministerium in diesem Jahr fest. Ein Gesetzesentwurf liegt bereits vor, das Kabinett hat ihm zugestimmt, im Bundestag sollen die Beratungen noch vor der Sommerpause abgeschlossen werden. Pünktlich zum 1. Januar 2008 muss das modernisierte Gesetz in Kraft treten.

Bis es so weit ist, ringen die Experten auf Versicherer- und Verbraucherseite zäh um die Ausgestaltung des Gesetzes. Leichter sollen Kunden künftig den Anbieter wechseln können, so die Vorgaben der Gerichte; ebenso sollen die hohen Kosten für den Abschluss und die Stornierung einer Versicherung reduziert werden. Die Branche zeigt dafür wenig Verständnis und gibt sich kämpferisch. Beobachter halten es für wahrscheinlich, dass am Ende die Unternehmen die Auseinandersetzung gewinnen – und nicht die Verbraucher.

Anfangs sammeln die Kunden kein Kapital an, sondern Schulden

Zentraler Streitpunkt ist die Benachteiligung der Verbraucher, die ihre Police noch vor Ablauf kündigen. Oft sehen sie von ihren in die Versicherung eingezahlten Beiträgen nichts wieder, insbesondere wenn die Kündigung – aus Unzufriedenheit oder Mangel an Geld – bereits nach wenigen Jahren erfolgt.

Der Grund: Statt den Kunden die Kosten für den Abschluss über die Vertragslaufzeit abstottern zu lassen, sackt die Branche direkt beim Verkauf einer Police eine üppige Provision und hohe Gebühren ein. So müssen Versicherung und Vermittler nicht lange auf die Rückzahlung ihrer Auslagen warten. Bei diesem Verfahren, das auf eine Idee des Finanzmathematikers August Zillmer aus dem Jahr 1863 zurückgeht und Zillmerverfahren genannt wird, nimmt der Kunde also – ohne es zu merken – ein Darlehen bei seiner Versicherung auf. Je länger der Vertrag angelegt ist, desto höher ist der Betrag. Ein paar Tausend Euro kommen da locker zusammen, etwa vier Prozent der gesamten Vertragssumme. Auf diese Weise rutscht das Kundenkonto zunächst ins Minus, und wie beim Hypothekenkredit werden auch Zinsen auf die Schulden fällig. Mit seinen ersten Beiträgen reduziert der Versicherte also lediglich Schulden, statt wie erwartet Kapital anzusammeln. Schätzungen sagen, dass es je nach Laufzeit fünf bis zwölf Jahre dauert, bis ein Vertrag aus den roten Zahlen heraus ist.