ZEIT: Ihr Buch über die Dominas, für das Sie Mitte der achtziger Jahre im Hamburger Rotlichtmilieu unterwegs waren.

Ungerer: Diese Frauen fangen da an, wo der Psychiater aufhören muss, ich habe vor ihnen deshalb größten Respekt. Jeder hat sexuelle Fantasien. Wieso soll man sie nicht inszenieren, solange es niemand anderem schadet? Für mich war die Erotik stets ein Theater, auf dem ich meine Sachen ausspielen konnte. Und falls ich mal blind werden sollte, bleibt mir immer noch die Selbstbefriedigung. Da kann man sich alles vorstellen, das ist eigentlich sowieso das Beste.

ZEIT: Kann auch das Zeichnen ein erotisches Erlebnis sein?

Ungerer: Na ja, ich habe im Leben viel Glück gehabt. In New York kannte ich mal ein schönes Mädchen, die Tochter eines Freundes, die Arbeit suchte. Ich habe ihr gesagt, dass sie doch zu mir kommen soll, und fragte sie dann, was sie überhaupt machen will. Sie erzählte mir von einem Buch, The Man and His Maid, das sie gerade gelesen hatte, und sagte also: »I’d like to be your maid, deine Sklavin.« Und das war toll. Daraus ist dann mein Buch Totempole entstanden.

ZEIT: Eine schöne Geschichte. Sind viele Ihrer Bücher auf so spielerische Weise entstanden?

Ungerer: Ich bin spielerisch, halb Max und halb Moritz. Meine Güte, was ich schon alles angestellt habe! Meine Streiche sind irgendwie kindisch, aber ich schäme mich nicht dafür. Ich muss Spaß haben mit einem Buch, und die Kinderbücher mache ich eigentlich vor allem für das Kind in mir.

ZEIT: Sie haben eben Ihr erstes Kinderbilderbuch seit sechs Jahren gemacht.

Ungerer: Es handelt von einem schwarzen Jungen, der in eine weiße Nachbarschaft zieht und dort erst mal keine Freunde findet. Sein Vater hat ihm aber Werkzeug geschenkt, also fängt er an, im Hinterhof riesige Skulpturen zu basteln – riesige Katzen, riesige Hunde und so. Es kommen schließlich noch andere Kinder dazu und so weiter, und alle machen ein Riesendingsbums. Man ist, was man tut: Ich habe meinen Kindern deshalb nie Spielzeug gekauft, sondern immer Werkzeuge, mit denen sie alle Dinge selbst hergestellt haben.

ZEIT: Haben Sie überhaupt die Zeit, alle Ihre Ideen umzusetzen?

Ungerer: Wenn ich diszipliniert und systematisch vorgehe, eigentlich schon. Ich arbeite immer mindestens an zehn Büchern zur selben Zeit. Plötzlich kommt eine Idee, und dann geht’s los – meistens bei Vollmond. Als ich in den letzten Jahren krank war, mit Bestrahlungen und so, konnte ich nicht arbeiten, habe aber viel notiert. Im Mai hat mein Lektor von Diogenes fünf Weinkisten mit Manuskripten abgeholt. Mit einem Nachlass darf man nicht nachlässig sein.

ZEIT: Als Sie jünger waren, haben Sie den Tod einmal als Quelle einer großen Kraft bezeichnet. Sehen Sie das im Alter noch genauso?

Ungerer: Unbedingt. Für mich ist der Tod eine Inspiration. Ich war in meinem Leben schon dreimal tot, es war wunderbar. Dieses Licht, dieser Friede, diese Serenität – das haben wir hier auf Erden nicht. Ich habe fast eine Sehnsucht nach dem Tod.

ZEIT: Der Tod sei immer gotisch, heißt es in einem Ihrer Bücher: »Er ist bestimmt nicht art déco.«

Ungerer: Immer diese Sprüche, das ist bei mir fast eine Krankheit. Aber mit dem Tod habe ich wirklich keine Probleme, und mir ist egal, was danach geschieht. Weshalb sollten wir daran einen Gedanken verschwenden? Es gibt Dinge, die einfach nicht zu erklären sind. Eine Raupe verschwindet in einem mit Mayonnaise gefüllten Kokon und kommt als Schmetterling wieder heraus: Wieso soll ich das erklären? Das will ich gar nicht, sonst gäbe es bald keine Poesie mehr. Es muss Geheimnisse geben.

Das Gespräch führte Thomas David

Tomi Ungerer
wurde 1931 in Straßburg geboren. Sein Vater starb, als Ungerer vier Jahre alt war. 1956 wanderte er nach New York aus, er wurde dort als Autor und Zeichner berühmt. Einige seiner zum Teil drastischen Zeichnungen wurden verboten. 1976 siedelte er nach Irland um.

Neue Freunde heißt das Buch von Tomi Ungerer (aus dem Englischen von Anna Cramer-Klett, Diogenes Verlag, Zürich 2007; 34 S., 14,90 €)

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