DIE ZEIT: Herr Nogge, kann man heute sagen, den Tieren im Zoo gehe es gut?

Gunther Nogge: Zumindest viel besser als vor 30 Jahren. Zwischen der heutigen und der damaligen Tierhaltung liegen Welten. Früher haben viele Tiere Stereotypien gezeigt, also ständig die gleichen Bewegungen wiederholt. Das können wir heute vermeiden, indem wir den Alltag für die Tiere interessanter machen. Bären sind da ein gutes Beispiel: In der Natur verbringen sie 80 Prozent ihrer Zeit mit Futtersuche. Wir haben sie damals zweimal am Tag gefüttert, in der restlichen Zeit war ihnen natürlich stinklangweilig. Heute verstecken wir das Futter, damit sie etwas zu tun haben. Die Zeiten, in denen Bären oder Raubkatzen stereotyp hin und her gelaufen sind und Affen den Fußboden geschrubbt haben, sind vorbei.

Hanno Würbel: Das stimmt nicht. In allen Zoos der Welt finden Sie stereotype Verhaltensweisen. Das sind erworbene Verhaltensstörungen, und wenn die lange andauern, sind sie ein Ausdruck neurologischer Störungen. Das ist nicht einfach nur Zeitverbringen in einem langweiligen Umfeld. Diese Tiere sind in einem psychiatrischen Sinn beeinträchtigt. Besonders schlimm ist es bei Eisbären. Ich kenne zwar einzelne Eisbären, die keine Stereotypien zeigen. Aber ich kenne keine Eisbärenhaltung, in der es überhaupt keine Stereotypien gibt.

ZEIT: Warum ist das bei Eisbären so ausgeprägt?

Würbel: Weil sie den größten Lebensraum in der Natur beanspruchen. Und bei Raubtieren ist nachgewiesen: Je größer das natürliche Territorium ist, in dem sie sich bewegen, desto häufiger leiden sie unter Stereotypien im Zoo, desto höher ist auch ihre Jungensterblichkeit.

Der Eisbär steht da ganz oben. Kein Wunder, sein natürliches Habitat ist so groß wie Italien - selbst das größte Zoogehege ist millionenfach kleiner. Die Untersuchungen haben zusätzlich ergeben, dass es nicht damit getan wäre, ein Gehege so groß wie Italien zu schaffen.

Vermutlich brauchen diese Tiere die Reize, die mit ihren langen Wanderungen und ihrer Nahrungssuche verbunden sind. Sie stehen ja in einem Dauerkampf gegen das Verhungern. Eine solche Umwelt lässt sich nicht im Zoo simulieren.