Wer als Praktikant oder anderswie prekär Beschäftigter sich an einem neuen Schreibtisch niederlässt, findet dort bisweilen einen Zettel liegen. "Lieber neuer Praktikant. Nur ungern räume ich meinen Platz für dich, denn ich habe die Zeit hier sehr genossen und viel dabei gelernt. Solltest du irgendwelche Fragen haben, schreibe mir einfach. Ich antworte gerne – und gebe ein paar nützliche Tipps obendrauf." Die forsche Unterschrift wird leserlich erst mit dem Blick auf die unvermeidliche E-Mail-Adresse. Man muss es anerkennen: Das ist ein netter Empfang – und darf doch nicht vergessen, dass dahinter ein Kalkül lauert. Wer anbeißt, hängt an der Angel. Man hat sich helfen lassen und steht in der Schuld. Die eigene Adresse wird fortan von einem anderen gespeichert und verwaltet, ganz gleich, wie unbedeutend man ist. Denn was könnte man nicht noch alles werden? "Netzwerke", lautet das Mantra der Berufsberater dazu, "sind eine langfristige Investition."

Dass sie sich auszahlen, daran besteht kein Zweifel. Laut einer Studie haben 37 Prozent der Beschäftigten in Deutschland den Job über ihr Netzwerk erhalten, in den USA sollen es sogar 75 Prozent sein. Das soziale Kapital stellt damit zusehends in den Schatten, was man soziologisch Human- oder auch Personalkapital nennt: erlernte Kenntnisse und Fertigkeiten.

Aber ist das nicht eine alte Geschichte, schon hundertmal erzählt? Nur dass wir jetzt nicht mehr von Beziehungen, Seilschaften oder Vitamin B reden, sondern mit dem Anglizismus "Network" und dessen neudeutschem Pendant "Netzwerk" unser Vokabular aufgefrischt haben? Ja. Zugleich aber zeigt uns damit ein alter Bekannter ein neues Gesicht.

Waren das Jagen, Sammeln, Verwalten und Pflegen von Kontakten schon immer an den technischen Stand der Speicher- und Kommunikationsapparate gebunden, sind mit der Entwicklung der digitalen Medien diese Möglichkeiten explodiert. Im Vergleich etwa zum Brief fördert die E-Mail eine Kommunikation, die rascher ist, flacher und unverbindlicher. Sie ist dazu prädestiniert, Halbbekanntschaften zu dienen, den Schwerpunkt von der Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen auf die Quantität zu verlagern. Die Internetkontaktbörsen des sogenannten Web 2.0 beschleunigen noch diesen Trend. Dabei könnte man schematisch unterscheiden zwischen Business-Netzwerken zum Aufbau von Geschäftskontakten, wie es bei Xing/OpenBC gepflegt wird, und den Hobby-Netzwerken MySpace oder Friendster, bei denen die sich Nutzer als Privatpersonen inszenieren und miteinander kommunizieren.

Irgendwo dazwischen läge dann die Studentenkontaktbörse StudiVZ. Im Oktober 2005 gegründet, hat sie Anfang dieses Jahres der Holtzbrinck-Verlag für den stolzen Preis von 85 Millionen Euro übernommen. Das dem amerikanischen Portal Facebook folgende Konzept von StudiVZ ist schnell erklärt: Die "immatrikulierten" Nutzer können mit ein paar Mausklicks herausfinden, wer was und wo studiert, wer wen über wen kennt, wer was mit wem macht – und wen sie nun auf dieser Grundlage kontaktieren möchten. "Gruscheln" heißt das bei StudiVZ, ein Neologismus aus Kuscheln und Grüßen, der Nest- oder, sagen wir lieber: Netzwärme suggerieren möchte, für alle aber, die der schönen neuen Netzwelt noch nicht trauen, wohl einfach nur zum Gruseln ist.

Die Anzahl der Kontakte, über die ein Benutzer verfügt, dient – allen sichtbar – als sozialer Gradmesser. Wer sich ein wenig umschaut, wird daher schnell bemerken, dass jeder Netjunkie heute einen Mann wie den begnadeten Vermittler und Universalgelehrten Albrecht von Haller in den Schatten stellt: Der hatte im 18. Jahrhundert immerhin einen europaweiten Kreis von mehr als 1200 Korrespondenten aufgebaut.