Thomas Ihle hatte es wohl schon geahnt. "Immer wieder", so erzählt der ehemalige Polizist, "tauchten vor dem Haus seltsame Gestalten auf – und verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren." Eines Morgens etwa, als Generalbundesanwalt Siegfried Buback von Thomas Ihle in einem VW Käfer zum täglichen Frühsport im nahen Wald gebracht wurde, da knackte es im Gehölz, "doch niemand war zu sehen". Auch vor Bubacks Haus rollten verdächtige Autos vorbei. "Wir wurden nie das Gefühl los, beschattet zu werden", erinnert sich Ihle, der damals Siegfried Buback bewachte. Einmal sei sogar Christian Klar vorbeigefahren. "Seinen stechenden Blick", sagt Ihle, "habe ich nicht vergessen."

Ihle, damals 19 Jahre alt, hat stets Meldung an die Einsatzleitung erstattet. Und die Staatsschützer bedrängten Buback, sich besser bewachen zu lassen. Doch der wollte keine "Sonderbehandlung". Und so patrouillierten nur drei Beamte, einer davon Ihle, vor Bubacks Haus. Untergebracht waren sie in einem Wohnwagen. "Auf den hätten die Terroristen sofort schießen können", sagt Ihle, "das alles kann man sich heute ja gar nicht mehr vorstellen."

Ihles Befürchtungen waren keine Hirngespinste. Siegfried Buback, 57, wurde damals von der sogenannten "Förstergruppe" der RAF "ausgecheckt". Am 7. April 1977, kurz nach neun Uhr morgens, schlugen die Terroristen zu. Zwei Mitglieder der RAF feuerten von einem Motorrad aus auf Bubacks Mercedes. Sie erschossen auch seine Begleiter Georg Wurster, 33, und Wolfgang Göbel, 30. Einige der Polizisten, die Buback bewacht hatten, quittierten später den Dienst. So auch Thomas Ihle: "Viele bekamen einen psychischen Knacks, so etwas muss man erst einmal verkraften."

Die Polizisten, besonders aber die Hinterbliebenen der Opfer leiden noch immer unter der Tat und dem Umstand, dass der Schütze nicht ermittelt werden konnte. Fest steht für die Gerichte bislang nur, dass der auf Gnade hoffende Terrorist Christian Klar, seine kürzlich entlassene Komplizin Brigitte Mohnhaupt und Knut Folkerts sowie der bei einer Festnahme schwer verletzte Günther Sonnenberg an der Tat direkt oder indirekt beteiligt waren. Wer die tödlichen Schüsse abgab – für die Hinterbliebenen eine wichtige Frage – und wer das Motorrad lenkte, wurde nie geklärt.

Doch nun werden neue Aussagen von RAF-Mitgliedern bekannt – und plötzlich stellen sich ganz grundsätzliche Fragen nach den Grenzen geheimdienstlicher Arbeit und nach dem Umgang mit Informanten aus dem RAF-Milieu.

Unter Berufung auf vertrauliche, vom Nachrichtenmagazin Der Spiegel veröffentlichte Akten des Bundesamtes für Verfassungsschutz und nach Angaben des ehemaligen RAF-Terroristen Peter-Jürgen Boock gegenüber Michael Buback, dem Sohn des Ermordeten, soll Stefan Wisniewski die tödlichen Schüsse auf Buback abgegeben haben. Wisniewski war auch an der Ermordung Hanns Martin Schleyers beteiligt. Dem Bundesamt für Verfassungsschutz, so der Spiegel, liege außerdem seit mehr als 20 Jahren die Aussage der ehemaligen RAF-Terroristin Verena Becker vor, die Wisniewski ebenfalls schwer belaste. Dazu kommt das Vernehmungsprotokoll der ehemaligen Terroristin Silke Maier-Witt. Sie bezeugte laut Spiegel vor 17 Jahren gegenüber dem Bundeskriminalamt (BKA), dass der 1980 wegen des Buback-Mordes verurteilte Knut Folkerts am Tag des Anschlags in Amsterdam gewesen sei.

Da unstrittig ist, dass nur drei Täter am Tatort anwesend waren, wäre nach dieser Darstellung Folkerts zu Unrecht verurteilt worden. Und: Der Verfassungsschutz wüsste seit über 20 Jahren mehr als die Justiz, mehr als die Angehörigen der Opfer – und mehr als Bundespräsident Horst Köhler, der seit Monaten über eine mögliche Begnadigung von Christian Klar grübelt. "Völlig erstaunt" zeigt sich Michael Buback auf Anfrage : "Es müssten ja äußerst gewichtige Gründe vorliegen, warum die Behörde dieses Wissen erst jetzt preisgibt. Für die Angehörigen ist es einfach unzumutbar, dass sie so lange von diesen Erkenntnissen nichts erfahren haben." Bubacks Empörung ist verständlich. Aber traut der Mann, der seit dreißig Jahren darauf wartet, zu erfahren, wer seinen Vater erschossen hat, den Exterroristen heute vielleicht etwas zu viel Ehrlichkeit zu? "Vielleicht", sagt Buback, "hat Herr Boock so für sich einen Weg gefunden, mit der Vergangenheit umzugehen. Vermutlich ist ihm deutlich geworden, dass es Angehörige gibt, die unter der Ungewissheit leiden."

Vielleicht hat Boock aber auch nur einen Weg gefunden, die Jubiläumsdebatte über die RAF zu beherrschen. Denn trotz aller jetzt bekannt gewordenen Einlassungen bleibt fraglich, ob tatsächlich von neuen "Erkenntnissen" die Rede sein kann. Zum einen ist noch unklar, ob die Aussage der 1990 festgenommenen RAF-Frau Maier-Witt gegenüber dem BKA nicht doch beim Generalbundesanwalt gelandet ist und dieser sie als unglaubwürdig verworfen hat. Zum anderen hätte es für die Verfassungsschutz-Informantin Verena Becker 1985 womöglich gute Gründe gegeben, die Behörden auf einen neuen Mittäter hinzulenken.

Viele Indizien sprechen bis heute dafür, dass Becker selbst in den Buback-Mord verwickelt sein könnte. So fand sich in einem der Helme, den die Motorradfahrer in Karlsruhe trugen, eine Haarspitze, die mit jenen Haaren übereinstimmte, die in der Haarbürste Beckers steckten. Gleichwohl ist gerichtlich nie überprüft worden, welche Rolle Verena Becker beim Buback-Attentat spielte; im Prozess gegen sie ging es ausschließlich um den Komplex der Schleyer-Entführung. Beckers Äußerung gegenüber den Verfassungsschützern könnte deshalb eine Schutzbehauptung gewesen sein. Belastbare Fakten, die für eine Tatbeteiligung Wisniewskis sprechen, sind bis heute nicht bekannt.

Hinzu kommt, dass der Verfassungsschutz ab 1985 aussteigewillige RAF-Mitglieder köderte – und ihnen absolute Geheimhaltung ihrer Aussagen versprach. Noch Mitte der neunziger Jahre machte sich etwa ein Kölner Verfassungsschützer mit dem Decknamen "Wolfgang Benz" an RAF-Terroristen heran. Zehn Jahre lang versuchte er im Rahmen eines von der Bundesregierung abgesegneten "Ausstiegsprogramms", als Vermittler zwischen dem Staat und den Kriminellen zu agieren. Sinn der Mission: Die RAF-Leute sollten dem Terrorismus entsagen, vielleicht auch ein paar Kameraden oder Anschlagspläne verraten und dafür im Gegenzug mildere Strafen oder eine neue Identität bekommen. "Benz" erkundete dafür bei Staatsanwälten und Richtern, welches Strafmaß die RAF-Leute bei einem Geständnis zu erwarten hätten. Das Besondere an seiner Rolle: Er hatte als Geheimdienstler nach der damaligen Gesetzeslage keine Pflicht, die Terroristen bei den Strafverfolgungsbehörden anzuzeigen. Im Gegenteil: Ein "Verrat" von RAF-Leuten an das BKA hätte das Ende seines Programms und vielleicht auch den Tod seiner "Schützlinge" bedeutet. Die RAF galt als brutal im Umgang mit Abtrünnigen.

Geheimdienste würden eben nicht so heißen, wenn sie ihre Informationen stets eilig mit anderen Behörden teilten. Sie können ein Auge zudrücken, falls ihnen andere Interessen höherrangig erscheinen. Dazu zählen der Informantenschutz und die Vereitelung von Straftaten. Dieses "Opportunitätsprinzip" im Umgang mit Informationen könnte der Verfassungsschutz im Fall der RAF-Gefangenen Becker deutlich überspannt haben. Schließlich berichtete die Frau von einem neuen, der Justiz unbekannten Mordverdächtigen.

Nicht weniger fantasievoll als der Verfassungsschutz im Inland versuchte sich der Bundesnachrichtendienst (BND) im Ausland an die Terrorgruppe heranzutasten. Vor allem im sozialistischen Südjemen und im vom Bürgerkrieg zerfurchten Libanon stellten die Agenten Verbindungen zu arabischen Unterstützern der RAF her, um Einblicke in die Kommandos zu bekommen. Welcher deutsche Terrorist trainiert mit welchen Waffen? Wer absolviert einen Sprengstofflehrgang? Wer reist mit wem wohin? In diesen Fragen hat der Auslandsgeheimdienst dem damaligen BND-Unterabteilungsleiter Terrorismus Wolbert Smidt zufolge eng mit dem BKA kooperiert. "Ich habe damals großen Wert darauf gelegt, gegenüber dem BKA so offen wie möglich zu sein – auch wenn die Kollegen vom Verfassungsschutz sich darüber gewundert haben mögen, denn die betrachteten das BKA eher als Konkurrenten", erinnert sich Smidt. Der BND war angeblich weitsichtiger. "Wir wussten doch ganz genau: Wenn wir irgendetwas verschwiegen hätten, was wichtig war, hätten wir später dumm dagestanden."

Gut möglich, dass also auch in den Archiven des BND noch Akten lagern, die unbekannte Details über RAF-Strukturen enthalten. Im Ausland galten schließlich dieselben Gesetze für den Informantenschutz wie im Inland. Smidt sagt: "Wir hatten Quellen in militanten Palästinensergruppen. Denen wäre es an den Kragen gegangen, wenn sie aufgeflogen wären."

Nun fürchtet der BND, in eine ähnliche parlamentarische Untersuchung hineingezogen zu werden wie der Verfassungsschutz. Denn mittlerweile fordert Kanzlerin Angela Merkel von allen Regierungsbehörden die "restlose Aufklärung" der RAF-Geschichte. Hat auch der BND Informantenaussagen als irrelevant oder erlogen eingestuft, sodass sie nie bei den Ermittlungsbehörden landeten, obwohl sie in Wahrheit hochbrisant gewesen sein mögen? Undenkbar ist das nicht, immerhin hat sich der BND bereits mit einem geradezu historischen Fehlurteil über die RAF hervorgetan: Bis 1990 fanden es die zuständigen Referate des Auslandsdienstes unnötig, Anhaltspunkten nachzugehen, wonach eine Reihe von RAF-Mitgliedern Unterschlupf in der DDR gefunden hatten. Trotz handfester Hinweise auf RAF-Exilanten, die DDR-Aussiedler westdeutschen Sicherheitsbehörden geliefert hatten, hielten es die BND-Agenten für ausgeschlossen, dass der Honecker-Staat sich derart heikle Gäste aufladen würde. "Daran haben wir einfach nicht geglaubt", bekennt ein damaliger BND-Insider.

Ganz anders schätzte das Bundeskriminalamt die Lage ein. Dessen Zielfahnder wollten Mitte der achtziger Jahre nichts dringender, als sich den RAF-Flüchtlingen im Osten an die Fersen zu heften. Unter anderem glaubten sie, 1986 Susanne Albrecht ausgemacht zu haben – die später wegen des Mordes am Dresdner-Bank-Vorstandssprecher Jürgen Ponto verurteilt wurde. "Aus politischen Gründen", wie ein hochrangiger Sicherheitsbeamter aus jener Zeit berichtet, durfte das BKA damals jedoch nicht in Ostdeutschland ermitteln. Die Entspannungspolitik – Erich Honeckers Staatsbesuch im Westen stand kurz bevor – sollte nicht gestört werden. Staatsraison ging vor Gerechtigkeit.

Einer der damals maßgeblichen Sicherheitspolitiker war ein Kanzleramtschef, der heute als Bundesinnenminister die Terroristenjäger zur Aufklärung verdonnert: Wolfgang Schäuble.

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Lesen Sie zum Thema den Leitartikel der aktuellen Ausgabe 18/2007 der ZEIT: Ob mit oder ohne Knarre - Terroristen suchen das Rampenlicht. Und alle spielen mit. Von Bernd Ulrich