Die Mutter war »ewig unzufrieden«; der Vater, ein »Koloß an Leib und Zorn«, »die große Angstquelle meiner Kindheit« – und »dazwischen ich, ein einziges, einsames Kind«. So steht es in einer um 1937/38 entstandenen Aufzeichnung. In dieser Zeit sitzt der dreißigjährige Sohn in einem Gestapo-Gefängnis. Nach dem Krieg veröffentlicht er einen Aufsatz mit dem Titel Ödipus und Kaspar Hauser. Da ist er noch immer einsam – und immer noch auf der Suche nach einer Frau, die ihm Mutter, nach einem Mann, der ihm Vater hätte sein können. Von einer Frau, die er zur Mutter gemacht und bei der einen Sohn und zwei Töchter vaterlos zurückgelassen hat, ist er bereits geschieden. Jetzt, 1953, wiederholt sich das Drama: Wieder wird er geschieden; diesmal kommen zwei Söhne in ein Schweizer Internat.

Für ihn aber beginnt nun eine Karriere, an deren Ende aus dem ewigen Sohn einer der geistigen Väter der 68er-Generation geworden ist. Die Bücher, die er publiziert, verdichten kollektives Schicksal und individuell Erlebtes. Sie tragen Titel, die zu Schlag-Worten werden: Die vaterlose Gesellschaft (1963); Die Unfähigkeit zu trauern (1967). Ja, von Alexander Mitscherlich ist die Rede. Das zuletzt genannte Buch hat er mit seiner dritten Ehefrau Margarete Nielsen verfasst – die in seiner 1980 erschienenen Autobiografie Ein Leben für die Psychoanalyse ebenso wenig beim Namen genannt wird wie ihre Vorgängerinnen, Melitta Behr und Georgia Wiedemann. Auch seine sieben Kinder bleiben darin auch ohne Namen.

Mitscherlich sei ein Antifaschist der ersten Stunde gewesen. So hat er sich selbst porträtiert. Und so kannte ihn die Öffentlichkeit. Schließlich hatte er sich kurz nach dem Krieg durch eine (gemeinsam mit Fred Mielke verfasste) Dokumentation über die Experimente an Häftlingen und Kriegsgefangenen einen Namen gemacht. Medizin ohne Menschlichkeit: Damit waren die Verantwortlichen für Unterdruck-, Fleckfieber- und andere Versuche gemeint, die vom Dezember 1946 bis zum August 1947 in Nürnberg vor Gericht standen. Mitscherlich hatte an dem Prozess als Beauftragter der Ärztekammer teilgenommen.

Zwei Jahrzehnte später, 1966, sagte er bei einer Feier: »Wir Deutsche haben schreckliche Dinge getan.« – »Wir«? Warum schloss sich Mitscherlich hier in ein Kollektiv ein, von dem er doch ausgeschlossen worden war? »Ist das nicht eine falsche Schuldpose, die dem, der immer im Widerstand war, nur schlecht ansteht?«, fragte René König verstört. Und so zeichnete Mitscherlich sein Selbstbild in einem Fragment: »Ich gehörte der Widerstandsgruppe um Ernst Niekisch an, war Mitinhaber des Widerstandsverlages und dementsprechend ein ›frühes Opfer‹ des Nationalsozialismus.« Daran ist nichts falsch. Es ist aber leicht, daraus falsche Schlüsse zu ziehen.

Die Lektüre der von Martin Dehli mit Hilfe umfangreichen Archivmaterials erstellten, methodisch und stilistisch brillanten intellektuellen Biografie Mitscherlichs hilft dies zu vermeiden. Sie gibt fundierte Antworten, auch auf Fragen, die noch nicht an dessen psychoanalytische Schriften gestellt worden sind. Damit ergänzt sie eine Maxime, die Mitscherlich bei der Feier des – wesentlich seinen Bemühungen zu verdankenden – Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt 1966 formuliert hat. Demnach wäre die »geduldige Selbsterforschung« das »einzig verläßliche Mittel«, das »Glaubwürdigkeit« verschaffen kann.

Ja, das wäre so, wenn es nur den Wunsch nach Wahrheit und nicht noch andere Motive gäbe, die Menschen dazu bewegen, ein Bild von sich zu entwerfen. Erinnerungen dürfen den Selbstwert nicht verletzen – das ist das Geheimnis jeder Neurose und (fast) jeder Autobiografie. Und so kommt der Unterschied zwischen der mythopoetischen Konstruktion, die unserem Wunsch entspricht, und dem Bild zustande, das diejenigen von uns zeichnen, die nicht an unser Selbstwert-, Identitäts- und Kontinuitätsbedürfnis gebunden sind. Mögen sie auch nicht die »reine« Wahrheit formulieren, so bringen sie doch den Mythos ins Wanken, an den wir selbst so gern glauben. Deshalb kann man Dehlis Biografie Leben als Konflikt als bewussten Gegen-Satz zu Mitscherlichs Autobiografie Ein Leben für die Psychoanalyse lesen.

Wer war Ernst Niekisch, dessen »Widerstandsgruppe« Mitscherlich angehörte, der deshalb 1937 verhaftet wurde, was dazu führte, dass er sich später als »frühes Opfer« des Nationalsozialismus auffassen konnte? Niekisch war »Nationalbolschewist«. Als solcher wollte er Hitler rechts überholen. In den von Niekisch geleiteten »Widerstandsverlag« war Mitscherlich 1935 eingetreten. Die Namensgebung des Verlags wie des dort erscheinenden Periodikums Widerstand. Zeitschrift für nationalrevolutionäre Politik bezog sich auf den gegen den Versailler Vertrag gerichteten Widerstand, der deshalb zum »Widerstand« gegen Hitler avancieren konnte, weil Niekisch Hitlers Bereitschaft, sich an Wahlen zu beteiligen, anstatt den gewaltsamen Umsturz der Republik zu propagieren, als »deutsches Verhängnis« interpretierte.

Mitscherlichs damalige politische Positionen widersprachen dieser Auffassung keineswegs. Dehli fasst seine diesbezüglichen Recherchen so zusammen: »Alexander Mitscherlich arbeitete am Ende der Weimarer Republik und zu Beginn des Nationalsozialismus als Buchhändler und Verleger in einer Stellung, in der er zur Verbreitung von antidemokratischem und rassistischem Gedankengut beitrug.« Und: »Die Frage nach der politischen Verantwortung, die er mit seiner Arbeit als Verleger und mit seiner Unterstützung der politischen Positionen Jüngers und Niekischs auf sich nahm, hat Mitscherlich (nach dem Krieg, Anm. d. Red.) abgewehrt. Er konnte die Auffassungen, die er zwischen seinem 20. und 30. Lebensjahr vertrat, nicht mehr in sein Selbstbild integrieren.«

Mitscherlichs Kontakt zu Ernst Jünger war noch prägender als der zu Niekisch. In Hof, der Stadt, in der sein Vater eine Klebstofffabrik besaß, hatte Mitscherlich eine Nacht mit dem Dichter durchgezecht. Der lud ihn daraufhin ein. Mitscherlich nahm die Einladung an – und ging als »vatersüchtiger Provinzjunge« (wie er in einem Brief schreibt) zu Jünger nach Berlin. Nun gehörte er zum Kreis der Neuen Nationalisten, die den Umsturz der Republik propagierten und einen Staat anstrebten, in dem es keine Klassen, nur noch Volksgenossen geben sollte. Mitscherlich nahm an Aktionen dieser Gruppe teil, darunter an der Störung eines Vortrags, den Thomas Mann 1930 in Berlin hielt und in dem er noch einmal mit beschwörenden Worten die Republik verteidigte.

Nach 1945 trennt sich Mitscherlich von Jünger, dem er nun vorwirft, er habe sich nicht klar und früh genug von den NS-»Idealen« abgegrenzt. Mitscherlich entwirft von sich das Bild des verführten Sohnes. Darauf reagiert Jünger in seinem letzten Brief vom 15. Juni 1946 mit den Worten: »Ich nehme also die geistige Vaterschaft an, die Sie mir zubilligen, und hoffe, daß der Trieb, an mir zum Ödipus zu werden, nicht unüberwindlich werden wird.« Die Trauer um den Verlust der vormaligen NS-»Ideale« unterbleibt auch in Mitscherlichs eigenem Fall. Anstatt den Verlust zu betrauern, verdammt er nun die Ersatzväter Jünger und Niekisch so, wie er den eigenen Vater verurteilt hat. Deshalb darf man die Botschaft seines Buches über die ausgebliebene Trauer, die durch rastlos-manische Aufbautätigkeit ersetzt wird, auch als verdeckte biografische Wahrheit entziffern.

Nun beginnt die andere Hälfte des Lebens . In Heidelberg gründet Mitscherlich – in Zusammenarbeit mit Victor von Weizsäcker, bei dem er 1941 promoviert und mit dessen Hilfe er 1946 habilitiert hat – die erste psychosomatische Abteilung an einer deutschen Universitätsklinik. Im selben Jahr publiziert er seine bereits 1943 fertiggestellte Arbeit Freiheit und Unfreiheit in der Krankheit. Das Bild des Menschen in der Psychotherapie. Darin finden sich fürchterliche Sätze wie diese: »Aber die Mehrung von Krankheit und bloßem Vegetieren, das alle Kraft zu der Aufrechterhaltung des Daseins verbraucht, erschreckt: Daneben wachsen nun noch Individuen auf, die überhaupt ihre Existenz der Anstrengung, Leben um jeden Preis zu erhalten, verdanken. Auch diese Zahl wächst an, beunruhigend für eine Menschheit, die ihre Gesundheit mit Mühe gegen ihre Morbidität verteidigt.«

In der Neuausgabe der Schrift von 1977 werden diese Sätze ohne Hinweis auf die Kürzung gestrichen. Die hier vertretene Position entspricht einer synoptischen Psychotherapie – und entsprechend lautet auch der Titel der Zeitschrift, die Mitscherlich 1947 ins Leben ruft: Psyche – Jahrbuch für Tiefenpsychologie und Menschenkunde. Der Namenszusatz der Psyche wird 1956 in Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen geändert. Jetzt ist Mitscherlich dort angekommen, wo seither sein Erinnerungsbild steht: im Zentrum der nach 1945 in Deutschland wieder eingebürgerten Psychoanalyse. Sein Nimbus als Autor der Dokumentation des Nürnberger Ärzteprozesses reicht aus, die vertriebenen Psychoanalytiker 1956 anlässlich der Feiern zu Freuds 100. Geburtstag dazu zu bewegen, wieder nach Deutschland zu kommen und hier Vorträge zu halten.

1967 erhält Alexander Harbord Mitscherlich – endlich – einen Lehrstuhl, wenn auch nicht an der medizinischen, so doch an der philosophischen Fakultät der Frankfurter Universität. Er ist jetzt 59 Jahre alt und hat erreicht, was er erreichen musste, um seinen Vätern und Vorvätern gerecht zu werden. Schließlich trägt er ja den Vornamen des Großvaters, der ihn von seinem Taufpaten, Alexander von Humboldt, erhalten hatte; und als Mittelnamen trägt er den Vornamen des Vaters, der Chemiker war wie der Großvater und der Urgroßvater, dem in drei Generationen achtzehn Universitätsprofessoren gefolgt sind. Chemiker wurde Mitscherlich nicht – es sei denn, man wollte Freuds Analogie gelten lassen, wonach der Psychoanalytiker wie ein Chemiker arbeitet, wenn er die Symptome zergliedert und aus ihnen die zugrunde liegenden Triebregungen ausscheidet »wie der Chemiker den Grundstoff, das chemische Element, aus dem Salz«.