Angstlust im Sehnsuchtsland – Seite 1

Wenn Deutschland um die richtigen Rezepte gegen Arbeitslosigkeit und Bildungsmisere streitet, kommt die Sprache schnell auf den Norden. In Finnland und den skandinavischen Staaten, heißt es dann, gebe es genug Arbeit für alle, wenig Ungleichheit und viele gute Schüler.

1. FOLGE: DÄNEMARK: Wie schafft man Arbeit für alle?
2. FOLGE: FINNLAND: Was ist die Schule wert?
LETZTE FOLGE: SCHWEDEN: Warum hat ein Land ohne große Probleme so viel Angst?

Der Notruf kam am frühen Morgen gegen drei Uhr. Die Nacht in Umeå war ruhig gewesen, ein paar altbekannte Betrunkene, ein paar aufgedrehte Halbstarke, das übliche Nachtprogramm einer Provinzhauptstadt im Norden Schwedens. Fast alle 80.000 Einwohner schliefen, in der Polizeiwache im Ridvägen hielt sich der Notdienst mit starkem Kaffee wach, als der Anruf einging, der Umeå verändern sollte. Seine Freundin sei vergewaltigt worden, rief ein Mann atemlos ins Telefon, zwischen den Birken im Haga-Park. Mitten im Ort. In Stockholm reden sie viel von Kriminalität. Aber auch dort findet man Kleinstadtidylle BILD

Es war Sonntag, der 9. Mai 1999. Es war schon hell, die vergewaltigte Frau hatte dem Täter in die Augen gesehen. Der Mann war nicht vermummt gewesen, Anfang dreißig vielleicht, auffallend klein. Er hatte Cowboystiefel getragen und nach Alkohol gerochen. Am Tatort rollten die Kriminaltechniker ihr blau-weißes Absperrband aus. Sie fanden Spuren seines Spermas.

Kommissar Göran Markström, 49, seit fast drei Jahrzehnten im Dienst, war nicht sonderlich besorgt, als er am nächsten Morgen zur Besprechung rief. Markström ist ein massiger Mann in schwarzem T-Shirt und schwarzem Sakko, eigentlich trägt er immer Schwarz. Eine Vergewaltigung also. In Stockholm, 700 Kilometer weiter südlich, redeten sie ja dauernd vom Verbrechen, zumindest seit dem Mord an Olof Palme, dem schwedischen Ministerpräsidenten. Aus Stockholm kamen auch all die Kriminalromane, all die schwarz umhüllten Bücher von Mankell, Edwardson, Nesser, Sjöwall und Wahlöö, die von grausigen Morden erzählten, von einer anderen Welt. Markströms Welt war Umeå an der zerfurchten Küste des bottnischen Meerbusens, eine Region, größer als die Niederlande, und doch mit nur 400 Polizisten ausgestattet. Sie haben hier die niedrigste Kriminalitätsrate in ganz Schweden, 9400 Delikte auf 100.000 Einwohner – halb so viele wie in Stockholm. Nur alle paar Jahre ein Mord, meist ein gewöhnliches Eifersuchtsdrama, schnell geklärt.

Der Kommissar ahnte an jenem Morgen nicht, dass er es mit einem Serientäter zu tun hatte und dass ihn die Verfolgung dieses Mannes sieben Jahre seiner Dienstzeit kosten würde. Vor allem aber ahnte Göran Markström nicht, dass da ein Fall auf ihn zukam, der die Fantasie seines ganzen, nachrichtenarmen Landes gefangennehmen sollte. Dass er selbst am Ende Hauptfigur in zwei Kriminalromanen sein würde. Und dass er die Angst der Schweden kennenlernen würde, ihre Lust am Schauder.

Stig Edqvist hätte Markström vorbereiten können, von Kommissar zu Kommissar, doch die beiden Männer sind sich nie begegnet. Zwischen ihnen liegt eine Tagesreise auf der Europastraße 4, die sich von Süden nach Norden durch Schweden zieht. Als Stig Edqvist nach Stockholm zurückkehrte, war er gerufen worden. Sein Leben lang war er anderen zu Hilfe geeilt, war nach Zypern gegangen als Chef der Militärpolizei im schwedischen UN-Bataillon, nach Bosnien als Ermittler im Auftrag des Internationalen Gerichtshofs. Zu diesem Zeitpunkt dauerten die Ermittlungen in der Mordsache Palme schon elf Jahre an, die leitenden Kommissare hatten sich verbraucht, nun sollte Edqvist die Sache übernehmen.

Der Krieg in Bosnien war gerade vorbei, als Ed-qvist 1997 in seine Heimat flog – und glaubte, in die heile Welt zurückzukehren, die er Jahre zuvor verlassen hatte. Schweden, Sverige, schon dieses Wort, weich wie eine Kuscheldecke. Schweden und sein Wohlfahrtsstaat, ein Sehnsuchtsland in den Augen der Welt. Die Statistiken erzählen bis heute von einem skandinavischen Idyll: Die neun Millionen Schweden haben laut OECD eine der gleichmäßigsten Einkommensverteilungen der Welt. 70 Prozent der arbeitsfähigen Bürger sind erwerbstätig, bei den über 55-jährigen Menschen ist diese Quote doppelt so hoch wie in Deutschland. Schwedische Frauen arbeiten mehr als deutsche – und bekommen mehr Kinder. Die Lebenserwartung liegt bei über 80 Jahren, fast auf japanischem Niveau. Man sucht lange nach Zahlen, die auf soziale Probleme hinweisen könnten, findet dann einen Ausländeranteil wie in der Bundesrepublik – aber in Schweden erreichen Migranten bessere Schul- und Berufsabschlüsse. Das Land mit den wenigsten Einbrüchen in Europa: Schweden. Worüber sollte Stig Edqvist sich Sorgen machen?

Als der Kommissar heimkehrte und die Ermittlungen im Mordfall Palme übernahm, hoffte er, dass diese Aufgabe ihn weniger Nerven kosten würde als die bosnischen Heckenschützen. Aber er irrte sich. In Schweden kursierten zu diesem Zeitpunkt bereits tausend Mordtheorien: Der KGB, Iran, der Mossad, die CIA, Südafrika, die ganze Welt war verdächtig, in den Mord am schwedischen Ministerpräsidenten verstrickt zu sein. Dann wurde der Kleinkriminelle Christer Pettersson angeklagt und verurteilt, in der nächsten Instanz jedoch freigesprochen. Pettersson ist inzwischen tot. Palmes Witwe glaubte in ihm zwar den Täter zu erkennen, aber Pettersson hatte kein Motiv, die Tatwaffe ist verschwunden, nichts lässt sich beweisen. Ein Gericht hat verboten, gegen Pettersson weiterhin zu ermitteln. Wer erschoss 1986 den Sozialdemokraten Olof Palme? Noch heute gehen bei Stig Edqvist jeden Tag Hinweise aus der Bevölkerung ein. Acht Büroräume in der Zentrale der rikspolisen wurden zusammengelegt, damit ein eigener Sicherheitsbereich entstehen konnte: die Aktenkammer Palme. 15 Jahre lang, sagt Edqvist, müsste ein geübter Richter pausenlos lesen, um alle Papiere zu kennen. Stig Edqvist ist jetzt 58 Jahre alt, noch vier Jahre im Dienst bleiben ihm, bis der Mord an Palme verjährt – in Schweden kann Mord tatsächlich verjähren. Der Kommissar sagt: »Ich fühle mich manchmal müde.« Größer als der Mordfall Kennedy ist dieses Ermittlungsverfahren, 500 Ermittler waren anfangs am Werk, jetzt sind es noch zehn. Stig Edqvist wird der letzte sein.

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Seine Handynummer ist geheim, und alle paar Monate wechselt er sie, weil einige Journalisten sie trotz allem herausbekommen. »Sonst werde ich von diesen Leuten gejagt«, sagt Edqvist. Ein Zeitungsjournalist hat ihm erklärt, dass die Auflage noch immer rasant steige, sobald das Wort »Palme« auf der Titelseite erscheine. Manchmal reicht auch »Edqvist«. Er hasst es, sich benutzen zu lassen. Aber wie könnte er sich wehren? Wenn ihm heute Menschen zu schaffen machen, dann sind das nicht mehr eitle Oberstaatsanwälte, sondern skrupellose Journalisten.

Worüber regen die sich hier auf? Das dachte Edqvist oft, als er zurückgekommen war aus Bosnien, wo er Konzentrationslager gesehen hatte, »wirkliches Elend«. Dagegen wirkte Stockholm beschaulich. Auf den Straßen passiert hier wenig Bedrohliches, die großen Dramen finden in den Köpfen der Menschen statt. So ist es im Prinzip zwar überall in Westeuropa – doch Schweden geht es noch besser als anderen europäischen Nationen. Warum nisten sich kollektive Psychosen ausgerechnet hier besonders gut ein? Kann sich Angst vollständig abkoppeln von den realen Lebensbedingungen der Menschen? Klicken Sie bitte auf das Bild, um die Grafik zu öffnen BILD

Die Zahl der Morde sinkt in Schweden von Jahr zu Jahr, wie überall in Westeuropa, die Zahl der Sexualverbrechen ebenso. Das müsste eigentlich ein Grund zur Freude sein. Aber inzwischen ist sich Kommissar Edqvist fast sicher: Nichts hat die schwedische Utopie vom gesellschaftlichen Paradies so sehr zerschlagen wie der Mord an Olof Palme. Eine solche Tat schien undenkbar auf schwedischem Boden, der doch getränkt sein sollte mit den Ideen der Verständigung und Toleranz. In Schweden hatten sich Politiker bis dahin ohne Sicherheitsbeamte bewegen können. Dass dies nun vorbei war – auch das hat die Schweden traumatisiert. Das Land ist anfällig für Verschwörungstheorien, bis in den Alltag hinein. Es rechnet gerne mit dem Schlimmsten. Schaut sich Edqvist im Internet und im Fernsehen um, hat er das Gefühl, »mit Toten gefüttert zu werden«.

In Umeå ging Kommissar Markström von Haus zu Haus, befragte alle Anwohner mit Fenstern zum Haga-Park, doch niemand hatte in jener Nacht im Mai etwas bemerkt. Dann kam der 6. November 1999, ein Samstag. Dreimal in einer einzigen Nacht fiel der Vergewaltiger über Frauen her, wieder im Haga-Park. Am 19. März 2000 schlug er in den Morgenstunden erneut zu, zwei Mal. Diesmal fanden die Kriminaltechniker Fußabdrücke im Schnee. Der Täter hatte sehr kleine Füße, Größe 38. Und die Stadt hatte ein Ziel für ihre Fantasien.

Wenn sich Mikael Åström, der Gemeindepfarrer, heute an jenen Winter erinnert, weiten sich seine Augen noch immer, als sehe er gerade dem Teufel ins Gesicht. Damals hätten die Menschen in Umeå begonnen, sich nicht mehr in die Augen zu schauen, sondern auf die Füße, sagt der Pfarrer, »das Misstrauen war unerträglich«. Auch er habe gespürt, wie die Blicke der Frauen zum Saum seines Talars glitten. Männer mit kleinen Füßen kauften in Umeå keine Schuhe mehr, um nicht in Verdacht zu geraten – was sie nur verdächtiger machte. Ehefrauen trugen heimlich die Zahnbürsten ihrer Männer zur Polizei, zum DNA-Abgleich und zur eigenen Beruhigung.

Kommissar Markström standen damals zwischenzeitlich mehr als fünfzig Polizisten zur Seite, eine derartig große Ermittlung hatte es im Land seit dem Palme-Mord nicht mehr gegeben. Die Zeitungen wurden ungeduldig und erklärten Markströms Truppe zum »Hühnerhaufen«. Es interessierte sie nicht, dass Markström nicht nur den unbekannten Täter zum Gegner hatte, sondern auch den eigenen Staat: Er hatte zwar die DNA des Vergewaltigers und hätte diese nur mit der Gen-Datenbank der Armee abgleichen müssen – doch das Militär gab die Daten nicht frei. Markström war im dichten Nebel unterwegs, ging Tausenden von Tipps nach, verglich Hunderte von DNA-Proben. Nichts.

Der Kommissar spürte damals, wie das Ausmaß der allgemeinen Angst das Ausmaß des Verbrechens zu übersteigen begann. Seiner Tochter sagte er: »Lass dir von einem Einzigen nicht die Freiheit rauben.« Machte er die Sache nur klein, um den Stillstand bei der Fahndung ertragen zu können? Oder war er der einzig Vernünftige in einer hysterischen Gesellschaft? Markström hatte das Gefühl, dass das ganze Land seine Mikrofone und Objektive auf ihn ausrichtete. Es ging ihm jetzt wie Stig Edqvist in Stockholm. Der »Haga-Mann«, von dem die Zeitungen schrieben, war zum Synonym für Verbrechen schlechthin geworden. Alle sprachen nur noch von dieser »Bestie« in Umeå, von einem »Monster«. Natürlich war da eine reale Bedrohung. Doch manchmal dachte Markström, er sei der Letzte, der einen Bezug zur Wirklichkeit habe. Ein Monster hätte er doch längst gefunden.

Mikael Åström, dem Pfarrer, kam damals ein Gedanke, den er bis heute kaum auszusprechen wagt, weil er als verharmlosend missverstanden werden könnte. Es gab ja tatsächlich diesen unbekannten Verbrecher, sagt er, »aber vielleicht war unsere Furcht vor ihm damals mehr, ein Sinnbild für unsere Gesellschaft.« Åström weiß, dass jede zweite Ehe, die er stiftet, wieder geschieden wird. Er sieht eine Gesellschaft »voller Ex- und Stief-«, er bemerkt die stete Bewegung in der Gemeindekartei, weil wieder jemand den Arbeitsplatz wechseln musste und damit den Wohnort. »Systeme sind kollabiert, die Kirche, der Sozialismus, vielleicht auch der Sozialstaat. Es ist eine individualistische Gesellschaft übrig geblieben«, meint Åström, »aber darin fühlen sich sehr viele Menschen allein. Wer sich allein fühlt, spürt Unsicherheit. Wir glauben, im öffentlichen Raum lauern Feinde. Wem kann ich noch vertrauen? Das war die Frage, als der Vergewaltiger umging. Und ist das nicht die Frage, die sich dieser Tage jeder aufs Neue stellen muss?«

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Die polizeiliche Notrufzentrale ist zum Kristallisationspunkt für die Ängste der Einsamen geworden, dort gehen jeden Tag rund 1000 Anrufe ein, doch nur die wenigsten haben einen wirklichen Anlass. Kaum fällt freitags etwas Schnee, rufen besorgte Eltern an und fragen nach Unfällen auf der E 4, ihre Tochter wolle heute aus Stockholm kommen. Witwen denken, sie hätten Einbrecher im Haus. Sechzigjährige Junggesellen rufen an, um betrunken ihr Leid zu klagen. Siebzigjährige melden Strahlung aus dem All. Im Winter, in der zähen, nordischen Dunkelheit, hört das Klingeln im Polizeirevier am Ridvägen nicht auf.

Für Pfarrer Åström führte der Fall des »Haga-Mannes« schließlich zu einem unerwarteten Gemeinschaftserlebnis: Die Taxizentrale senkte die Preise für Frauen um die Hälfte. Die Ärzte des Universitätskrankenhauses begleiteten ihre Kolleginnen bis zu den Autos. Junge Männer brachten ihre Freundinnen nach Hause. Begegnete ein Mann einer Frau nachts auf der Straße, wechselte er die Seite, um sie zu beruhigen. Väter wollten wieder wissen, was ihre Töchter abends taten. Männer fragten, wie sich ihre Frauen fühlten. »Es wurden Gespräche geführt, so tief wie lange nicht mehr. Wie geht es dir? Was können wir gemeinsam unternehmen?« Es gab einen gemeinsamen Gegner und deshalb – zeitweise – Gemeinsamkeit. Åström sagt, dass die Menschen in Umeå bis heute gern von dieser Zeit erzählen.

In Schweden ist etwas durcheinandergeraten. Sprachen Sozialdemokraten früher über Verbrechen, dann sprachen sie über soziale Ungleichheit – und über ihren Kampf dagegen. Bessere Kriminalpolitik war bessere Sozialpolitik: Das war das Schweden der siebziger Jahre. Heute kann man Konservative und Sozialdemokraten kaum mehr an ihren unterschiedlichen Konzepten zur Verbrechensbekämpfung erkennen. Es gibt nämlich kaum noch Unterschiede mehr, den Volksparteien geht es um das Prinzip des Bestrafens. Es gibt heute doppelt so viele Polizisten in Schweden wie vor 30 Jahren, und Carin Götblad, die Polizeichefin von Stockholm, sagt: »Was wir als Polizei tun, wird politisch immer interessanter. Das hängt mit dem politischen Klima zusammen, das immer repressiver geworden ist.« Im vergangenen Herbst, als in Stockholm eine bürgerliche Regierung die sozialdemokratische ablöste, konnten die Konservativen mit dem Thema Kriminalität keinen Wahlkampf mehr machen. Schon der sozialdemokratische Justizminister hatte vorher nahezu alles verschärft, was sich hatte verschärfen lassen.

Will man verstehen, warum in Schweden auch Sozialdemokraten nach mehr Polizisten rufen und nach mehr Gefängnissen, dann muss man an den Rand der Hauptstadt fahren und sich in einem der aschgrauen Vororte umsehen, in denen Tausende von Einwanderern aus afrikanischen Ländern ein Zuhause gefunden haben. Man muss sich in diesen Betonwüsten umschauen, am besten in der Nacht, wenn sich die Jugendlichen an den Eingängen der Metrostationen sammeln: Dann versteht man ein wenig, wovor die Schweden sich fürchten. Von den Jugendlichen erfährt man, dass eine falsche Frage einen alten Mann in der U-Bahn-Station des Vororts Fittja neulich das Leben gekostet habe. Die Frage lautete: »Was wollt ihr von mir?« Man erfährt, dass die schwer bewaffneten Polizisten provozierend fremd aussehen, wie sie da mit Splitterschutzwesten in ihren Streifenwagen sitzen, als zögen Milizen in einen Bürgerkrieg. Manchmal müsse man diese Autos einfach mit Steinen bewerfen, sagen die Jugendlichen. Man erfährt, dass eine eher kleine, homogene Gesellschaft wie die schwedische Probleme hat, wenn sie sich mit Zuwanderung konfrontiert sieht. Man erfährt, warum die meiste Straßenkriminalität von jungen Männern ausgeht, die auffallend oft in diesen Vierteln wohnen. Aber man bekommt ein noch besseres Bild, wenn man sich die Zettel anschaut: In jeder Nacht führen 70 Jugendliche Protokoll. Diese Jugendlichen gehören zur Initiative Lugna Gatan, Ruhige Straße. Sie fahren in U-Bahnen und patrouillieren durch Vorstädte, und immer, wenn sie eine brenzlige Situation entdecken, versuchen sie, die Lage zu entschärfen. Meist stammen die Jugendlichen von Lugna Gatan selbst aus den fraglichen Hochhausvierteln, meist ist ihre Haut etwas dunkler, meist treffen sie in den Nächten auf frühere Freunde. Bei Lugna Gatan sind sie gelandet, weil sie sich in den gepolsterten schwarzen Jacken der Organisation gefielen, weil sie in eine Rolle als Aufpasser geschlüpft sind, ohne Waffen, nur mit der Kraft ihrer Worte und Gesten.

Nach dem Dienst tragen sie alle Konfliktfälle in Formulare ein und liefern sie in der Stockholmer Innenstadt bei Arne Danner ab. Danner war 20 Jahre lang Polizist in Stockholm, noch immer hat er diesen windschiefen Fahnderblick, diese verkniffenen Augen, und er zerkaut seine Worte genüsslich, bevor er sie ausspuckt. Man erwartet von ihm einen düsteren Spruch über all die Dunkelmänner da draußen, aber er sagt: »Es ist doch gar nicht so schlimm.« Er kennt die Protokolle aus 365 Nächten im Jahr, in den meisten steht: »keine besonderen Vorkommnisse«. Seit Jahren bleiben die Verbrechenszahlen auf etwa demselben Niveau, die Kurve der Eigentumsdelikte fällt sogar. Danner glaubt, dass das Altern der schwedischen Gesellschaft die Verunsicherung fördert. Alte Menschen haben mehr Angst.

Als Danner in den Siebzigern seinen Dienst nicht bei Lugna Gatan, sondern in einer Polizeistation tat, gab es in Stockholm so gut wie keine vergitterten Fenster. Es gab auch noch keine Sicherheitskräfte, wie sie heute jedes Kaufhaus bewachen, und nicht all die Alarmanlagen. Damals erzählten die Kriminalromane, wie jene von Sjöwall und Wahlöö, oft von einer Konspiration der staatlichen Organe gegen den Bürger, von einer mächtigen, skrupellosen Waffenindustrie. Damals gab es Leute aus dem linken Milieu, die sich um inhaftierte Straftäter kümmerten – heute hingegen unzählige Opfergruppen und Politiker, die permanent davon reden, die Gesellschaft vor Verbrechern schützen zu müssen. Der Staat hat sich das Thema zueigen gemacht, er hat die Bürger auf seine Seite gezogen, gemeinsam blicken jetzt alle gebannt auf die Alltagskriminalität.

Alle schwedischen Parteien verlieren Mitglieder, besonders die Sozialdemokraten. Sie hoffen, dass sie mit einer repressiven Kriminalpolitik wieder mehr Gehör finden bei Arbeitern und kleinen Angestellten, die sich verunsichert abgewandt haben, seit der Wohlfahrtsstaat sein Versprechen nicht mehr so großzügig einlöst wie früher. Sinkende Realeinkommen, härterer Konkurrenzkampf, Stellenabbau auch im öffentlichen Dienst – das sind schwedische Erfahrungen der neunziger Jahre. Kleine Sorgen, verglichen mit den Krisen anderer Nationen – doch die Ängste sind umso größer. Auch in diesem Punkt ist Schweden beispielhaft für Westeuropa in Zeiten der Globalisierung.

»Die neue Sorge um den Status«, sagt der Stockholmer Kriminologe Henrik Tham, verführe Wähler dazu, auf die Parolen von der »harten Linie« einzuschwenken. Diebe, Mörder, Jugendgangs – sie sollen draußen bleiben, weggeschlossen, damit sich die Leute wohler fühlen, die sich für das Innere der Gesellschaft halten. Draußen und drinnen – die neuen schwedischen Kategorien. »Die Angst vor Verbrechen hat mit wirklichen Verbrechen wenig zu tun, sondern mit einer diffusen Angst«, sagt die Stockholmer Angstforscherin Anita Heber, die ausführliche Interviews mit Bürgern aller sozialen Schichten geführt hat. Die meiste Furcht bereite den Schweden der soziale Abstieg.

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Manchmal, erzählt Arne Danner, sei eine Freundin seiner Tochter zu Besuch, ein elfjähriges Mädchen, dessen Eltern aus Marokko stammen. Abends bringt er sie persönlich heim, und die Eltern beobachten die sich nähernde Tochter schon vom Balkon aus. »Ist es in Marokko nicht gefährlicher als hier?«, hat Danner einmal gefragt. »Man sieht so viel in den Nachrichten«, hat der Vater geantwortet. Dazu muss man wissen, dass die Haustür der Danners zehn Meter von der Haustür der marokkanischen Familie entfernt ist. Danner sagt: »Der gefährlichste Weg, den eine junge Frau in Schweden gehen kann, führt direkt zum Traualtar. Dieser Weg kann viel verhängnisvoller sein als der Weg zur Bushaltestelle. Die meisten tödlichen Gewalttaten finden nämlich innerhalb der Familien statt.«

Die Menschen in Umeå schienen den »Haga-Mann« endlich vergessen zu haben, als er am 10. Dezember 2005 am Straßenrand der E 4 einer Fünfzigjährigen auflauerte, sie eine Böschung hinunterriss, ihr ein Ohr abbiss, sie vergewaltigte und versuchte, sie in den eiskalten Fluss zu schieben. Wieder wurde Häme über der Polizei ausgegossen. Vier Monate später, im März 2006, fasste Kommissar Markström den Unbekannten.

Ein Zeuge hatte ihm erzählt, er sei an jenem Abend im Dezember mit einer Gruppe von Automechanikern in einer Kneipe gewesen, dabei auch ein Kollege, klein, dunkelblondes Haar – der sei plötzlich verschwunden. Ein zuverlässiger, beliebter Mechaniker in der örtlichen Audi-Werkstatt. Verheiratet, Vater zweier Kinder, daheim in einem dieser hübschen roten Häuser, zwanzig Kilometer außerhalb von Umeå. Er war der 777. Mann, dessen DNA sie ins Labor gaben. Der 777. Mann. Kommissar Markström muss noch heute bitter lächeln: Die Zeitungen mussten sich nicht einmal mehr eine Schlagzeile ausdenken.

Als die Polizei zur Hausdurchsuchung ausrückte, folgte ihr ein Korso von Reporterautos durch den Wald. Die Familie des 33-Jährigen war da schon verschwunden, in eine neue Identität. Einen Tag nach der Festnahme druckte die Boulevardzeitung Expressen Name und Passbild des Mannes und machte damit die geplanten Gegenüberstellungen des Überführten mit jenen vergewaltigten Frauen wertlos, in deren Fällen keine DNA gefunden worden war. Aus Zeuginnen waren Befangene geworden. Medienvertreter, die stets die zögerliche Jagd auf den »Haga-Mann« angeprangert hatten, ließen ihn jetzt fast entkommen.

Das Fernsehen brachte eine 45-minütige Sondersendung von Efterlyst (»Gesucht«), dem schwedischen Aktenzeichen XY… ungelöst, untermalt mit schluchzenden Geigen. Als Verteidiger des Vergewaltigers trat Leif Silbersky an, Schwedens berühmtester Rechtsanwalt. Im Nebenberuf schreibt Silbersky Kriminalromane mit Titeln wie Applaus für einen Mörder, in denen er seine Erfahrungen aus spektakulären Fällen verarbeitet. Eines Morgens schwebte plötzlich ein Hubschrauber über dem Polizeigefängnis von Umeå. Die Expressen- Konkurrenz Aftonbladet hatte ihn gemietet, um ein Bild von der »Bestie« in ihrem Käfig zu bekommen.

Der »Haga-Mann« wurde zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt. Seit seiner Festnahme hat es in Umeå 27 Vergewaltigungen gegeben. 27. 24 davon fanden in Ehen und anderen Partnerschaften statt. Und das sind nur jene, die der Polizei gemeldet wurden. Doch niemand interessiert sich dafür, denn es sind keine Serientäter am Werk, keine »Bestien«. Göran Markström hat gelernt, dass er in einem Land lebt, das kleine Sachen groß macht und große Sachen klein, weil auch die Aufmerksamkeit eine begrenzte Ressource ist. Im vergangenen Jahr musste er zwei Buchautoren wieder und wieder vom »Haga-Mann« erzählen, wochenlang. Er wurde eingegliedert in eine Verwertungskette, die in Schweden nach vielen Verbrechen geschmiedet wird, von Anwälten, Autoren, Filmregisseuren. Auf der E 4, an der Brücke über den Fluss, halten noch immer Autofahrer, um den letzten Tatort zu fotografieren. Die beiden Bücher über den Fall sind in Umeå vergriffen.

Ein schwerer Kerl sitzt da im Haus der schwedischen Fernsehanstalten in Stockholm und hat zwölf Polizisten um sich versammelt. Donnerstag, halb acht abends, bald wird seine Sendung beginnen. Efterlyst, die Sendung mit den unerledigten Fällen und dem echten Kommissar. Noch macht er Scherze im Besprechungsraum neben dem Studio, die jungen Männer und Frauen in den Uniformen lachen höflich. Nachher bedienen seine Auszubildenden die Telefonapparate und notieren Zuschauerhinweise. Dieser Mann könnte erzählen, der Papst sei verdächtig, er könnte danach behaupten, der Mörder sei evangelisch, und niemand würde den Fernsehapparat ausschalten. »He is so special«, das sagt seine Assistentin mindestens hundertmal am Tag. Der Kriminologe Leif GW Persson muss einfach nur in die Kamera blicken und halblaut denken, schon ein schlecht gelauntes Nuscheln fasziniert die Nation. Die Schweden fachsimpeln über das Verbrechen wie die Deutschen über Fußball, und der Fahnder Persson, der unrasierte Dicke aus der Stockholmer Polizeiakademie, ist ihr Franz Beckenbauer.

Mehrmals hat Persson den Fall des »Haga-Mannes« behandelt, ungefragt Täterprofile in die Kameras geraunt, keines davon traf exakt, aber Leif GW Persson erhält jedes Jahr Tausende von E-Mails und Briefen. »Giwi«, so nennen ihn alle wegen der auffälligen Initialen in seinem Namen, die für Gustav Willy stehen, »Giwi, bitte ein Autogramm.« Leif Giwi Persson unterrichtet angehende Polizisten, aber auch er schreibt Kriminalromane, die allein in Schweden drei Millionen Mal verkauft worden sind. Man weiß bei ihm nie, wo die Wahrheit aufhört und die Dichtung beginnt. In seinen Büchern vermischt er echte Verbrechen mit erfundenen; in seinem nächsten Roman will er Palmes Mörder auf die Spur kommen. Er spielt mit dem Verbrechen, alles ist nur spannende Unterhaltung. Jetzt muss er gleich in die Maske, die Visagistinnen werden ihn noch eine Spur zauseliger machen. Halt, noch eine Frage: Giwi, ist Schweden ein unsicheres Land?

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»Ach was«, antwortet er, »man muss sich hier schon sehr anstrengen, um überfallen zu werden.«

Geschehen hier viele Morde?

»Ach was, ich kenne nur zwei verurteilte Serienkiller. Und von dem einen glaube ich, dass er es gar nicht war.«

Wieso dann diese Angst vor Verbrechern?

»Schau mich an. Ich fahre noch nicht mal zu schnell mit dem Auto. Meine Frau fragt immer: Musst du so langsam fahren? Aber ich habe Angst vor einem Strafmandat. Ich bin eine ehrliche, langweilige Person, wie die meisten. Wir alle vermissen den Thrill.«

Persson weiß, dass das mehr ist als nur ein Spiel. Er weiß, dass in Schweden derzeit fast 40 Gefängnisse neu gebaut oder erweitert werden. Er weiß, dass die Verweildauer der Insassen ständig zunimmt. Er weiß, dass die Bestimmungen für die vorzeitige Entlassung von Häftlingen verschärft wurden. Er weiß, dass aus 17.000 Polizisten in Schweden 20.000 werden sollen. Er weiß, dass die Richter härter urteilen als früher.

Das kleine Gefängnis von Umeå ist längst überfüllt. Auf 43 kleine, veraltete Einzelzellen kommen derzeit 52 Häftlinge, so effektiv arbeitet die Polizei. Jedes Jahr werden 250 Gefangene durch die Haftanstalt geschleust, Mittel für die Resozialisierung reichen nur für 35 von ihnen. Die anderen? Die wird die Polizei auch ein zweites Mal schnappen, das ist dann wieder eine Erfolgsmeldung. Wichtig ist die sichtbare Verbrechensbekämpfung. All das weiß Persson.

Persson weiß allerdings nicht, was in einer Doktorarbeit steht, die vor Kurzem an der Universität Stockholm fertig wurde. Die Angst vor Verbrechen ist in der Bevölkerung schon so groß, dass sie kaum noch steigt, stellte eine junge Kriminologin fest. Es sind nicht mehr besorgte Väter und Mütter, die das Thema weiter hochspielen: Es sind Politiker, unterstützt von Opferverbänden und Medien. Politiker und Medien buhlen verzweifelt um öffentliche Aufmerksamkeit. Nationale Entscheidungsträger mussten Befugnisse an die EU abgeben, und auf die Wirtschaft haben sie weniger Einfluss denn je. Sie wollen ihre Macht retten und appellieren an die vermeintlichen Instinkte der Wähler. Sie appellieren an die Rache und an die Angst. »Wir müssen so handeln, wir haben keine andere Wahl, auch wenn wir anders denken« – das hätten ihm Politiker immer wieder unter vier Augen gesagt, berichtet der Stockholmer Kriminologie-Professor Jerzy Sarnecki. Wer 20 Sekunden in den Nachrichten wolle, müsse verkünden, »das System« sei nicht hart genug.

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Zeitungen und Sender wiederum sehen sich durch die Traumfabrik Internet bedroht, jeder sucht nach einer schier unfassbaren Tat. So konnte Leif Giwi Persson zu jenem Fernsehonkel werden, der sein Land mit den schaurigsten Gutenachtgeschichten füttert. Er spielt das böse Spiel bedenkenlos mit.

Im Fernsehstudio schwenken die Kameras auf ihn, und seine Sätze klingen so matt und zertrümmert, als berichte er gerade von seinen Verdauungsproblemen. Aber das macht erst den besonderen Kitzel seiner Sendung aus. Einem unbekannten Täter, der irgendwo da draußen immer wieder Frauen anruft und sie belästigt, ruft Persson zu: »Wir können dich abholen. Irre nicht weiter durch die Nacht.« Persson setzt sich die Mütze auf, die der Doppelmörder von Linköping am Tatort zurückließ. Persson spielt mit einem Springmesser, das dem des Mörders ähneln könnte. Persson bittet Schweden um Hinweise.

Als die Kameraleute einpacken, schaut er auf den Zettel mit den besten Zuschauertipps und sagt, er müsse sich beeilen. »Es ist wie beim Salat. Man muss ihn anmachen, solange er frisch ist.« Dann hackt er auf seinem Laptop herum und stößt auf eine E-Mail, die ihn erreichte, als er mit seinem neuen Roman auf Deutschlandtournee war. Im Fernsehstudio wurde Leif GW Persson derweil durch einen Psychologen vertreten. »Wo ist unser Gott?«, schrieb ein Zuschauer. »Er meint mich«, sagt Persson, grunzt zufrieden und steckt den Zettel mit den Hinweisen ein. Er wird sich darum jetzt nicht mehr kümmern, es ist spät, er ist erschöpft, und er bestellt ein Taxi, das ihn heimbringen soll.

ZEIT-Serie: Ist im Norden alles besser?
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