Wer darauf zu achten gelernt hat, der sieht es sofort. Die Auslage der Konditorei Dolcissime besteht aus zwei Hälften. Durch das Schaufenster geht unsichtbar eine Mittelachse. Links liegen die Kalorienbomben. Ungetüme von Bonbonnieren in Eierform, verpackt in plusterndes Goldpapier, übrig geblieben von Ostern. Rechts indes herrscht der Puritanismus in Gestalt eines Stapels flacher graubrauner Kartons, wie Pizza-Bringdienste sie benutzen. Darauf steht in schwarzer Schrift »Torta di Piero« und der Preis: vier Euro, dreißig Cent. Geometrische Exaktheit und starre Mienen kennzeichnen die Bilder des Renaissancemalers Piero della Francesca (hier zu sehen im Doppelporträt des Fürsten Federico da Montefeltro und seiner Gattin Battista Sforza). Formstrenge beherrscht auch die Piazza Grande seiner Wirkungsstätte Arezzo BILD

Man könnte das Ensemble natürlich für Zufall halten. Aber nicht, wenn man Piero kennt und seinetwegen in Arezzo ist. Trotzdem mag die Verkäuferin nicht so recht folgen. Sicher, sagt sie, die Torta sei sonst nicht im Schaufenster. Auf die Idee kamen sie durch die aktuelle Ausstellung zu Ehren von Piero della Francesca. Aber Mittelachse? Symmetrie? Da guckt die Verkäuferin stumm auf ihre Kasse. Sie hält das Gespräch für beendet.

Kann es sein, dass in Arezzo hinter kleinsten Details eine Ordnung aufscheint, oder liegt sie im Auge des Betrachters? Klar ist nur, wo ihr Ursprung ist: in den Werken des Malers, der vor mehr als fünfhundert Jahren hier in der Südtoskana lebte. Wer Picasso nachreist, sieht irgendwann verbogene Nasen. In der Heimat Piero della Francescas richtet sich der Blick nicht auf Nasen. Aber auf alles, was von fern nach geometrischer Raumplanung aussieht, und auf Einheimische, die ihrer Mimik keine Spur von Temperament erlauben. Denn das ist das deutlichste und verblüffendste Merkmal der Menschen, die Piero della Francesca malte. Sie sind durchweg ausdruckslos in ihren Gesichtern. Stoisch sehen sie am Betrachter vorbei oder vor ihm zu Boden. Als störe ein Blickkontakt schon das Gleichgewicht.

Zum Beispiel Federico da Montefeltro, Fürst von Urbino im 15. Jahrhundert, der Mann mit dem roten Gewand und dem roten Hut. Er presst die dünnen Lippen aufeinander, als habe er tatsächlich, wie die Kunstgeschichte spekuliert, seinen Halbbruder umgebracht und geschworen, darüber zu schweigen. Von seinen Augen ist zwischen froschhaft verdickten Lidern nur ein schmaler Streifen zu sehen. Sein Profilporträt hängt normalerweise in den Uffizien von Florenz und wurde jetzt für die große Ausstellung Piero della Francesca e le Corti Italiane (Piero und die italienischen Höfe) nach Arezzo ausgeliehen. Die Ausstellung, die bis Ende Juli laufen wird, ist keine Best-of-Piero-Schau. Sie ist vielmehr um das Werk des genialen Avantgardisten der italienischen Renaissance herum angelegt. Sie zeigt den kulturgeschichtlichen Kontext des Malers, seine Vorläufer, seine Schüler. Eine Reihe von Bildern der nordeuropäischen, zumal holländischen Zeitgenossen sind zu sehen, von denen Piero della Francesca, wie man annimmt, die naturalistische Darstellung von Kleidern und Stoffen übernahm.

Arezzo hat allen Grund, den Maler zu ehren, obwohl er nicht hier, sondern im vierzig Kilometer entfernten Städtchen Sansepolcro um 1420 geboren wurde, lebte und 1492 verstarb, Arezzo aber hat er das Werk vermacht, das bis heute als seine bedeutendste Arbeit gilt, den Freskenzyklus La Legenda della Vera Croce in der Basilika di San Francesco. Sie liegt im Zentrum der Altstadt, unterhalb des Doms, auf einer Höhe mit der rautenförmigen Piazza Grande. Die wichtigsten Sehenswürdigkeiten Arezzos sind in zehn Minuten durch mittelalterliche Seitenstraßen zu erlaufen. In der Hochsaison wird es anders sein. Jetzt aber herrscht städtischer Normalbetrieb; durch die Basilika zieht ohne Andrang eine ruhige Prozession der Besucher. Über die gesamte Rundung der rückwärtigen Kuppel spannen sich die Bilder des Freskos. Sie erzählen in biblischen und mythischen Szenen die »Legende des wahren Kreuzes«. Von seinem Beginn, dem Heraushauen und Herausschälen des heiligen Holzes bei Adam und Eva, bis zur Kreuzigung.

Piero liebte die Mathematik. Kollegen spotteten, sein Malen sei Rechnen

Piero della Francesca war der Maler sachlich klarer Formen. Und er war der Maler des angehaltenen Augenblicks. Schon deshalb sind die Mienen seiner Figuren wohl ohne Ausdruck. Er wäre ein Zeichen von Bewegtheit, von Bewegung. Und die gibt es auf keinem einzigen Bild. Selbst die großen Schlachtengemälde des Freskos vermitteln den Eindruck vollkommener Ruhe. Je länger man sie aber von unten betrachtet, desto deutlicher wird, dass diese Ruhe und Klarheit ein Ausdruck der Ordnung sind. Alle Figuren und Landschaften, alle Proportionen und Details bei Piero della Francesca sind eingebunden in einen streng geometrischen Aufbau. Kein Wunder: Mathematik war die Leidenschaft des Künstlers. Seine Kollegen und Mitarbeiter spotteten, Pieros Malen sei hauptsächlich ein Rechnen. In seinen letzten Lebensjahren malte er nicht mehr, sondern rechnete nur noch. Ob es stimmt, dass er erblindet war, ist nicht ganz erwiesen.