Kommerzialität ist relativ. Die Kombination einer zehnköpfigen isländischen Damen-Bläserkapelle mit skelettierten HipHop-Beats zum Beispiel, die Kollision von chinesischen Zupfinstrumenten mit Noise-Percussions oder auch die breite Verwendung der Nebelhörner japanischer Walfangschiffe klingt nicht gerade nach einem Charterfolg. Björks neue Platte Volta, in der all diese Klangexperimente vorkommen, könnte trotzdem der größte Publikumserfolg ihrer Karriere werden. Denn Björk Gudmonsdottir, geboren vor 41 Jahren in Reykjavík, ist anders als andere Superstars. Sie existiert in einer Art Paralleluniversum, das zwar mittendrin steckt in der normalen Popwelt mit ihren immer glatteren Oberflächen und kalkulierbaren Verkaufszahlen, das aber eigenen Regeln folgt. 

Ihr eigenwillig rollendes R, das sie sich auch nach Jahrzehnten in den angelsächsischen Metropolen bewahrt hat, ist charmantes Zeichen einer Randständigkeit, die ästhetisches Konzept geworden ist: Pop mit isländischem Akzent. Diese nach dem Birkenbaum benannte elfenhafte Frau hat in der Welt des Pop das durchgesetzt, was ein Waldschrat aus einem anderen kleinen Land Europas, der Schweizer Kurator Harald Szeemann, in den siebziger Jahren für die Kunst als "individuelle Mythologien" beschrieben hat. Björks Mythologie ist die einer heidnischen Spiritualität in futuristischem Gewand. Sie ist die kindliche Kaiserin einer Welt, in der sich Technologie mit Naturmystik vermählt, in der Elektrizität Affekt wird und umgekehrt.

Björks einmalige Stimme ist Zeichen ihrer Regentschaft und die Exzentrik ihr Kapital. Wenn ihre Plattenfirma Best-of-CD-Boxen veröffentlicht, winken ihre Fans gelangweilt ab. Aber wenn sie, wie beim Studioalbum Medulla von 2004, kurzerhand alle Beats und Instrumente weglässt und ein ganzes Album nur mit gesampelten, geloopten, geschichteten, getürmten Stimmen veröffentlicht, stürzen sie sich darauf und bringen die Platte schneller nach oben als jede andere davor.

Stylisten helfen beim Spiel mit vorchristlicher Symbolik

Dabei sah das, womit Björk in den neunziger Jahren berühmt wurde, zunächst einfach nach gut geölter postmoderner Identitätsmaschine à la Madonna aus. Die Exsängerin der isländischen Indie-Band Sugarcubes präsentierte sich erst als stupsnasige Großstadt-Lolita, entstieg dann als isländisches Moosfräulein dem Geysir und verwandelte sich abwechselnd in eine strenge Geisha und einen liebestrunkenen Roboter, all das mit Hilfe der renommiertesten Stylisten, Fotografen und Videokünstler. Wie Madonna arbeitete sie mit den jeweils angesagtesten Produzenten elektronischer Beats. Allerdings war Björk dabei immer die Herrscherin über ihre Soundwelten – nicht nur als Sängerin, sondern auch als Komponistin und Produzentin. Ihre mythisch-technologischen Selbstinszenierungen waren eben nicht nur ein Rollenspiel, sondern ein konsistenter künstlerischer Entwurf.

Ein Entwurf, der mühelos kompatibel ist mit dem des derzeit erfolgreichsten Künstler-Mythologen: des New Yorker Matthew Barney. Mit ihm ist Björk seit einigen Jahren liiert, die gemeinsame Tochter Isodora ist fünf Jahre alt. Beide verbindet die Lust am Bohren in Körper- und anderen Flüssigkeiten, an vorchristlicher Symbolik, an klanglichen und visuellen Metamorphosen. In Barneys Kunstfilm Drawing Restraint 9 von 2005 sieht man das Paar im Bauch eines Walfängers eine bizarre Liebeszeremonie vollziehen, bei der sie sich gegenseitig zerstückeln und schließlich befreit als Wale ins Meer entkommen, während oben an Deck eine Vaseline-Skulptur bearbeitet wird. Tief wie Joseph Beuys wühlt Barney in seinen symbolisch aufgeladenen Materialien, und Björk steuert einen elegischen Ambient-Soundtrack zum ozeanischen Schwelgen bei.