Weinenden Studentinnen mit Panik in der Stimme drückt Mehrdad Afshar erst mal einen Becher Kaffee in die Hand und lässt sie auf seinem Schreibtischstuhl tief durchatmen. Dann kommen die Fakten auf den Tisch: Welchen Stand hat die Arbeit? Wo gibt es noch Probleme? Wann muss der Poststempel spätestens drauf? Name : Mehrdad Afshar Funktion : Geschäftsführer Abschluss : Fachabitur An der Uni : seit 34 Semester BILD

Bleibt weniger als eine Stunde Zeit, greift Afshars Notfallplan. Denn Last-Minute-Kandidaten sind sein Spezialgebiet. Der gebürtige Iraner führt einen Copyshop am Hamburger Campus. Wenn jemand nach Ladenschluss zittrig ans Fenster des Abaco klopft, bleibt der 56-Jährige schon mal länger. Selbst wenn sich ein verzweifelter Kunde erst für kurz vor Mitternacht ankündigt, fährt der Boss zurück in den Shop. »Ich kann die Studis doch nicht im Stich lassen!«

Sein Notfallplan geht so: Die Laminiermaschine braucht eine Dreiviertelstunde, bis sie heiß ist. In der Zwischenzeit stupst Afshar seine alte Brille zurecht, korrigiert am Rechner verrutschte Absätze, wählt Material und Farbe aus und druckt den ganzen Kram. In 50 Minuten ist alles fertig. Den Nachtschalter der Post erreicht man zu Fuß. Doch, mit seiner studentischen Kundschaft kommt Afshar gut zurecht. Nur Juristen mag er nicht sonderlich. Dreimal schon wollte ihm jemand rechtliche Konsequenzen androhen, weil die Kopien nichts geworden waren. »Dabei kann ich doch nichts dafür, wenn ein werdender Anwalt erst beim hundertsten Ausdruck bemerkt, dass er die Originale falsch herum eingelegt hat.« Afshars hohe Stirn legt sich in Falten. Normalerweise ist er ja kulant. »Aber wenn mir jemand gleich mit seinem Professor für Strafrecht kommt, stelle ich mich stur. Ich kenne meine Rechte auch.«

Es ist 26 Jahre her, dass Afshar von Teheran nach Deutschland kam. Geschäftsmann war er schon vorher. Mit 14 eröffnete er im Elternhaus einen Klamottenladen, suchte sich günstige Lieferanten und verkaufte die Sachen zum Dumpingpreis, später führte er ein Autohaus. »1000 Wagen im Jahr habe ich verkauft, mit Anfang 20!« In Deutschland war daran nicht zu denken. »Als ausländischer Autohändler hat man einen ganz schlechten Ruf. Das gefiel mir nicht.« Stattdessen machte Afshar in Kopien. Seit 17 Jahren ist er dabei.

Sein lukrativster Auftrag liegt drei Jahre zurück. Damals mietete die Staatsanwaltschaft seinen Shop für volle drei Tage. 20 Studenten kopierten, hefteten und verpackten Hunderttausende von Seiten. »Die Richter haben nur Ausländer damit beschäftigt, weil niemand den Inhalt der Unterlagen kennen durfte. Ich hatte die Oberaufsicht und musste die Fensterfront abkleben, damit niemand reingucken kann.« Erst Monate später erfuhr Afshar, dass seine Kopien dazu dienten, den Unternehmer Alexander Falk wegen versuchten Betruges zu verhaften.

Inzwischen hat Afshar die Geschäftsführung an seine Frau übergeben. Hinterm hellblauen Tresen sollen fortan jüngere Leute stehen. »Auf mich gehen Studenten irgendwie nicht mehr so locker zu wie auf Gleichaltrige.« Er schmunzelt. »Aber für Krisen bin ich immer noch der beste Mann!«