Im 19. Jahrhundert hätte diese Oper an die fünf Stunden gedauert – wenn es jemand gewagt hätte, einen so gegenwärtigen, realistischen und zersplitternden Stoff wie Georg Büchners Szenenfolge Woyzeck zu vertonen. Würde man alles, was im Wozzeck von Alban Berg passiert, musikalisch, szenisch, seelisch, ins romantische Format bringen, das Werk hätte Überlänge. Es dauert aber nur knapp hundert Minuten. Es ist gleichsam eine komprimierte Oper. Aber wie bei einem Diamanten führt die enorme Verdichtung hier zur Transparenz. Wer die komplexen Analysen dazu liest und die Musik nicht kennt, wird kaum glauben, dass ihn dieses Werk auf Anhieb packen könnte.

Da gibt es in einer Kneipe einen besoffenen Handwerker, der eine Predigt improvisiert, gesprochen über Musik. "Dieses Melodram ist also einerseits", erklärt Alban Berg, "das wiederholte erste Trio, andererseits eine regelrechte, allerdings parodistische fünfstimmige Choralbearbeitung." Trio? Da ein Trio der Mittelteil eines Scherzos ist und ein Scherzo ein Sinfoniesatz, kommt man von hier zu einer versteckten Sinfonie. Sie formt den ganzen Akt und hat fünf Sätze, zu denen übrigens auch eine Fuge zählt. Es macht nichts, wenn man das nicht weiß. Die Konstruktion hätte bei anderen Komponisten zur Verstopfung führen können. Doch Wozzeck gewinnt dadurch an Dramatik und Durchsichtigkeit.

Wo es drunter und drüber geht, gelingt den Ohren, was Augen nie könnten: Wir sehen alles zugleich gestochen scharf, den Suff, den Tanz, die Eifersucht, die auseinanderdriftende Kapelle. Nirgends gibt es einen unterbelichteten Rest – alles bringt Berg auf den Punkt, er verbindet innen und außen in einer Klarheit, aus der nicht zu entkommen ist. Und alles führt zur Katastrophe. Schon vor dem Eifersuchtsmord liegt der Ton h als schicksalhafter Orgelpunkt unter dem Gespräch zwischen Mann und Frau. Nach Wozzecks höhnischem Falsett zum Wort "treu" steigt ein Streicherglissando wie ein Adrenalinpegel auf, unter zärtlichen Akkorden zu den Küssen spricht eine Blechfanfare schon das Urteil.

Mit dem Affekt verbindet sich immer die Konstruktion, sie macht das Drama so zwingend. Und sie thematisiert in höchstem Formbewusstsein dessen Gegenteil, das Zerbrechen der Identität, des Ichs, wie Berg es im Ersten Weltkrieg erlebte. Die Musik selbst ist ein Zerbrechen. Wie sie darin aber mit sich im Reinen bleibt, zur Klarheit verdichtet – das macht Wozzeck zum Inbegriff der Moderne. Zur Uraufführung 1925 schrieb ein Kritiker: "Die Musik von Alban Berg ist wahrhaft entsetzlich. Von dem in Jahrhunderten errichteten Harmoniegebäude ist kein Stein auf dem andern geblieben." So kann man es natürlich auch sagen.

Alban Berg: Wozzeck. Bo Skovhus, Angela Denoke, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg, Ltg. Ingo Metzmacher (EMI 5568652)


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