Seit Kurzem steht Ludwig Erhards Bronzebüste im Foyer des Bundeswirtschaftsministeriums in der Berliner Invalidenstraße. Michael Glos, der derzeitige Amtsinhaber, schwatzte sie einem Bekannten ab, weil er ein Verehrer des ersten Wirtschaftsministers der Bundesrepublik (von 1949 bis 1963) ist. Er wollte Erhard zu seinem 110. Geburtstag endlich wieder dort haben, wo er »zu Hause« ist. Eine eigene Büste besaß das Ministerium nicht.

Ludwig Erhard, der politische Vater des Wirtschaftswunders, ist ein deutscher Mythos. 30 Jahre nach seinem Tode gibt es noch immer Fans, die seinen Sargdeckel lüften und hoffen, dass sich seine Ideen wiederbeleben lassen. An wen könnten sie sich auch sonst erinnern?

Ludwig Erhard war für die CDU der erste und der letzte Ausweis ihrer wirtschaftlichen Kompetenz. Einen Wirtschaftsminister hat sie seit seinem Sturz nicht mehr gestellt.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, die gelernte Westdeutsche, zählt zu Erhards Bewunderern. Sie versprach sogar, in Erhards Fußstapfen zu treten. In dem Juristen Paul Kirchhof hatte sie gehofft, einen Professor zu finden, der dem Volk die Notwendigkeit der Steuerreform ähnlich wortmächtig vermitteln könnte, wie Erhard es einst schaffte, als er den hungernden Nachkriegsdeutschen sein Konzept der Marktwirtschaft erklärte. Aber ordentliche Professoren sind nicht zu steuern. Als Kirchhof mit seinen privaten Steuerideen herausrückte, entfesselte er damit einen Glaubenskrieg, der die Gewinnchancen der CDU verspielte. Erhard dagegen war für die CDU immer eine »Wahllokomotive«. Die Menschen glaubten und vertrauten ihm, auch wenn sie ihn nicht verstanden. Er hatte nur eine einzige politische Botschaft, die soziale Marktwirtschaft mit dem Versprechen: »Wohlstand für alle«. In unbegreiflicher Zuversicht verband er damit sein Schicksal. In den ersten zehn Jahren nach dem Krieg war die Marktwirtschaft die beste Sozialpolitik. Die Menschen fanden über Nacht wieder Arbeit. Die Konsequenz der Erhardschen Politik war die Vollbeschäftigung.

Es gibt heute aber auch Anti-Erhard-Strömungen, vor allen unter den Volkswirten. Schon zu seinen Lebzeiten war Erhards Verhältnis zu ihnen nicht spannungsfrei. Auch er war Ökonom, »aber keine wissenschaftliche Koryphäe«, heißt es abschätzig. Die hochkarätigen Berater saßen in seinem wissenschaftlichen Beirat und schossen ihm den Weg frei, wenn er wieder einmal von Gegnern umzingelt war.

Aber war er denn zu beraten? Wilfried Guth, sein Neffe und ein ehemaliger Sprecher der Deutschen Bank, ist mit diesem Wort nicht einverstanden. Es passe nicht zu seinem Onkel. » Sicher hat er immer wieder Gesprächspartner gefunden, mit denen er sich geistig auseinandersetzen konnte. Sein Verdienst war, dass er die ordoliberalen Erkenntnisse in die Praxis umsetzte. Aber im modernen Sinn ein Beraterkreis? Das passte nicht zu ihm. Er war leidenschaftlich von seiner Sache überzeugt. Die Marktwirtschaft betrieb er aus Passion. Als Theoretiker war er nicht cool genug.« Kein Wunder, dass die Volkswirte nichts mit ihm anfangen können. War er naiv? » Das ist zu billig,« findet Guth. » Er war idealistisch. So ein Charakter in der Politik ist gar nicht mehr vorstellbar.«

Auch die Fantasie der Historiker hat Ludwig Erhard kaum bewegt. Als Machtfigur hat er ihnen nicht imponiert. In ihren Augen war er kein richtiger Politiker. Erst allmählich beginnen sie, sich mit seiner Wirkungsgeschichte zu beschäftigen.