Kein Wissenschaftler? Kein Politiker? Von wem reden sie?

Das wusste ich auch nicht, als ich ihn als junge Journalistin Ende der fünfziger Jahre kennenlernte. Damals lagen seine großen Tage schon hinter ihm. Ich durfte ihn für eine Fernsehsendung im Nachmittagsprogramm des WDR interviewen, die Meine Groschen Deine Groschen hieß eine Verbrauchersendung nach dem Geschmack des Ministers. Seine Ansprechpartner waren nie die Bosse, seine Klientel waren die Verbraucher. Ihnen fühlte er sich verpflichtet. Aber auch das war mir damals nicht klar. In Erinnerung blieb mir ein Buddha, der auf meine Fragen einging und mehr sagte, als ich verstand. Dabei paffte er eine Zigarre, die, wie jeder wusste, »schwarze Weisheit« hieß.

Wer er wirklich war? Ein »Fabeltier« nannten ihn seine Freunde schon zu Lebzeiten, einen »Anachronismus im politischen Feld«. Julia Dingwort-Nussek, die einzige Frau, die es je zu einem Sitz im Zentralbankrat der Bundesbank brachte, war, als Erhard anfing, von sich reden zu machen, eine blutjunge Rundfunkjournalistin. 50 Jahre später sagt sie: »Die Faszination, die von ihm ausging, ist den heute Lebenden gar nicht mehr zu erklären.« Äußerlich war er alles andere als ein Erfolgstyp. Er war ebenso korpulent wie enthusiastisch, sprach ein gutturales Fränkisch, durch dessen verschachtelten Satzbau sich die Zuhörer hindurchwinden mussten. Aber er sagte nie etwas, woran er nicht glaubte, völlig unabhängig davon, wer ihm zuhörte. Sein Glück war, dass er noch nicht in der Mediengesellschaft lebte, heutzutage würde eine Figur wie er auf dem Markt der Meinungen ständig hingerichtet.

Damals übernahm das Konrad Adenauer. Der Kanzler ertrug diesen Solitär nur schwer: ein isolierter Querdenker, dem Machtpolitik fremd blieb - ohne Machtbasis in der CDU, ja nicht einmal ihr Mitglied - ein oratorisches Naturtalent - introvertiert, anerkennungsbedürftig und wenig beeinflussbar. Vermutlich spielte Adenauer mehrmals mit dem Gedanken, Erhard abzulösen. Ein Wunder war es nicht, dass sich Erhard in seiner Zuständigkeitsdomäne, der Wirtschaft, vom Kanzler und seiner Hofkamarilla ständig übergangen fühlte, aber sie kamen gegen seine Standfestigkeit nicht an. In den Wahlen 1953 und 1957 spielte Erhard als Wahlkampflokomotive der CDU die ausschlaggebende Rolle: ein Mann, bei dem sich die Nachkriegsdeutschen wohlfühlten.

Weder Konrad Adenauer noch Kurt Schumacher noch Theodor Heuß haben das deutsche Publikum auf Demokratie und Rechtsstaat eingestimmt. » Das war das Verdienst von Ludwig Erhard«, sagt Altkanzler Helmut Schmidt mit Entschiedenheit, um dann beiläufig hinzuzusetzen: »Und die Mittel des Marshallplans mit diesem Geld kamen die Südfrüchte ins Land und verbreiteten ein bisschen Optimismus.«

Erhard und der Marshallplan das hieß Optimismus und Südfrüchte

Seit Sommer 1943 war Erhard an den informellen Überlegungen beteiligt, die an der Spitze der Reichsgruppe Industrie über die notwendigen Aufräumarbeiten nach dem Ende des Krieges angestellt wurden. Erhard beschäftigten die Konsequenzen der Kriegswirtschaft und die Frage der Schuldenkonsolidierung. Daraus entstand eine Denkschrift, in der er die grobe Skizze einer neuen Wirtschaftsordnung entwarf der Marktwirtschaft. Die Deutschen kannten sie nicht. Die Nazis hatten sie an die Befehlswirtschaft gewöhnt, die Besatzer an die Planwirtschaft.