Sie konnten sich nicht vorstellen, dass die Wirtschaft ohne Beschränkungen funktionieren würde. Ganz typisch dafür war die Reaktion von Marion Gräfin Dönhoff, die Erhard im Frühjahr 1948 auf einer Pressekonferenz in Frankfurt erlebte und einen ersten Eindruck von seinen Ideen gewonnen hatte. Anschließend notierte sie sich: »Wenn Deutschland nicht schon eh ruiniert wäre, dieser Mann mit seinem absurden Plan, alle Bewirtschaftung aufzuheben, würde es gewiss fertig bringen. Gott schütze uns davor, dass er einmal Wirtschaftsminister wird. Das wäre nach Hitler und der Zerstückelung Deutschlands die dritte Katastrophe.« Das tat ihr später leid.

Zu den »Grundakten unseres Wohlstandes« wird seine Entscheidung gezählt, zur Währungsreform im Jahre 1948, die »gutes Geld« unter die Leute brachte, die weitgehende Aufhebung der Bewirtschaftung und der Preisbindungen zu verkünden. Im April 1948 hatten ihn die Amerikaner zum Direktor der Verwaltung für Wirtschaft in der Bizone gemacht.

Erhard, nunmehr eine Art Wirtschaftsminister unter alliierter Aufsicht, tat alles, um die Währungsreform zu einer Wende in seinem Sinne zu nutzen. Vom Wirtschaftsrat ließ er sich eine Ermächtigung geben ohne das Placet der Militärregierung abzuwarten. Gleichzeitig hatte er vorher vorsichtig, aber unüberhörbar zum Horten aufgerufen »ein eindeutig vorsätzliches Amtsdelikt«, wie Theodor Eschenburg, der kluge Ratgeber der Bonner Politik, nicht ohne Bewunderung für die Kühnheit Erhards schrieb. Bald nach der Währungsreform schnellten die Wachstumskurven steil nach oben. Die Schaufenster waren voll mit gehorteten Waren.

Die Bewirtschaftungsreform war ein spannendes Kunststück, taktisch geschickt durchgeführt und technisch gelungen. Erhard, dieser komische Professor mit seiner bombastischen Rhetorik, war mit einer Entschlossenheit zu Werke gegangen, die ihm niemand zugetraut hatte.

»Ich habe die Vorschriften nicht geändert, ich habe sie abgeschafft«

Mit der Aufhebung der Preisbindung hatte er nicht nur gegen den Zeitgeist verstoßen, sondern auch gegen den Willen der amerikanischen Besatzung. Empört stellte ihn Lucius D. Clay, der US-Militärgouverneur zur Rede. Wie er es wagen könne, alliierte Regeln und Vorschriften eigenmächtig abzuändern! Erhards Antwort ging in die Geschichtsbücher ein: »Ich habe die Vorschriften nicht abgeändert, ich habe sie abgeschafft.«

Mit seinem marktwirtschaftlichen Konzept war Erhard der kreative Kopf der Wirtschaftspolitik.