Es gibt viele kranke Menschen, denen geholfen werden könnte, wenn sich ein Spenderorgan zur Transplantation fände – aber es gibt zu wenige Menschen, die einen Organspendeausweis unterschrieben haben; ohne diesen Ausweis, also ohne ausdrücklich erklärte Zustimmung des Betroffenen, darf ihm aber später im Fall des Hirntods kein Organ zur Verpflanzung in einen anderen Körper entnommen werden. Da sieht der jüngste Vorschlag des Nationalen Ethikrats geradezu nach einer Patentlösung – und recht zweckmäßig – aus: Künftig soll es nicht mehr auf die aktiv erklärte Zustimmung des potenziellen Spenders ankommen. Vielmehr sollen hirntoten Menschen die benötigten Organe grundsätzlich entnommen werden dürfen – es sei denn, sie hätten ihren Widerspruch ("Ich bin kein Spender!") beizeiten ausdrücklich erklärt; oder ihre Hinterbliebenen widersprächen einer Entnahme.

Aber jede zweckmäßige Lösung hat verdeckte Haken – und es ist das Wesen utilitaristischer Lösungen, ja des Utilitarismus überhaupt, dass Zweckmäßigkeitsbilanzen die tiefer liegenden Legitimitätsfragen verdecken. Der Volksmund sagt zynisch: Der Zweck heiligt die Mittel. Aber weder heiligt jeder Zweck die Mittel, noch rechtfertigt selbst der (scheinbar) beste Zweck alle Mittel. Die Gründe, dem Vorschlag des Ethikrats zu widersprechen, sind vielfältig.

Erstens: Schon die Ausgangslage wird schief beschrieben. Tausende müssten sterben, weil sich zu wenige Spender fänden. Ursache ist aber nicht der Spendermangel, sondern erst einmal die Krankheit. In Wirklichkeit müssen diese Menschen auch nach einer Spende sterben – manchmal überleben sie diese nicht oder nur kurz, und wenn, dann mit schwerer Dauermedikation. Wenn man aber Spender sucht oder für Spenden wirbt, muss man anerkennen, dass eine Spende eben auch die ausdrückliche Bereitschaft zur Spende voraussetzt. Wenn ich jemandem etwas wegnehme, nur weil er diesem Akt kein ausdrückliches Veto entgegengesetzt hat, darf ich ja auch nicht von einem Geschenk sprechen. In Wirklichkeit soll also die Spende durch eine grundsätzliche, nur durch Widerspruch abzuwehrende, Sozialpflichtigkeit des Leichnams durchgesetzt werden – und dies durch ein staatliches Gesetz.

Zweitens: Alles wäre einfach, wenn man menschliches Leben nur zu verstehen (und zu deuten) hätte als einen mechanistisch biologischen Prozess. Drastisch ausgedrückt, gälte dann im Todesfall: Maschine kaputt, Ersatzteile her! Solange aber Leben und Tod am Anfang und Ende von tief sitzenden Tabus und Überzeugungen umstellt sind, ist die Würde der Person unbedingt zu beachten – auch dort, wo deren Äußerungen dem Zweckmenschen irrational erscheinen. Zur Menschenwürde gehört in erster Linie das Recht zur Selbstbestimmung, besonders in höchst persönlichen Angelegenheiten. Hierzu gehört auch das Recht, in solchen Angelegenheiten eben gerade keine Bestimmung treffen zu wollen. Deswegen scheiterte in den siebziger Jahren der Versuch, Personalausweise nur noch auszugeben, wenn der Bürger bei Abholung eine (verdeckte) Zustimmungs- oder Ablehnungserklärung zur Organentnahme einklebt. Nein, der Staat darf zu solchen Erklärungen weder zwingen noch nötigen. Und genauso wenig darf er eine Zustimmung durch eine Unterstellung ersetzen.

Drittens: So einfach ist die Sache mit dem Hirntod philosophisch und ethisch – jenseits der pragmatischen Verabredungen – nun auch wieder nicht. Würde man die Sozialpflichtigkeit des Leichnams als Grundsatz etablieren, geriete die Hirntodfrage unter zusätzlichen Ausweitungsdruck: Je früher, desto besser für die nun zustimmungsfreie Organentnahme. So wie ja alle nur an Zweckmäßigkeit orientierte Regelungssysteme in der Praxis einer gewissen "Verschmutzungsgefahr" ausgesetzt sind.