Man hört die Stimme eines Mannes, österreichischer Dialekt, sympathischer Klang. »Als ich Kind war«, sagt die Stimme, »hieß es plötzlich, wir dürfen nicht mehr schwimmen in dem Teich, in dem wir immer baden waren. Weil da früher so viele Juden und Zwangsarbeiter ertränkt wurden.« Wieder ein paar Jahre später habe es geheißen, fährt die Stimme fort, im Winter solle man nicht mehr Eisstock schießen dürfen auf dem Weiher, weil auch da drin so viele Menschen umgebracht wurden. Nicht mehr baden, nicht mehr Eisstock schießen, aus Pietätsgründen, »ich weiß nicht, ob das richtig war, ob man das so sehen muss«. Und jetzt heiße es, »auch in den Straßen, in denen wir leben, sind viele Menschen getötet worden«. Was bedeute das nun, fragt die Stimme dieses Mannes. Und er erzählt von einer schönen Kindheit nach dem Krieg und davon, dass er sich in der Gegend immer wohlgefühlt habe, »es ist meine Heimat, ich wollte nie weg. Bin ein Mensch, der bleibt, wo er ist.« In St. Georgen nahe Linz lag das KZ Gusen. Das ehemalige Eingangsgebäude ist bewohnt BILD

Man hört die Stimme einer Frau, wieder im heimischen Dialekt. Das sei nun mal diese Vergangenheit gewesen, viele Menschen seien gestorben, sagt die Stimme, das sei so gewesen im Krieg. »Überall liegt Blut.« Was solle man mit all den Orten machen, wo das passiert ist? Sollten alle Menschen weggehen von den Orten, wo schlimme Sachen passiert sind? »Das geht doch auch nicht.«

Die österreichische Gemeinde St. Georgen am Flüsschen Gusen, einige Tausend Einwohner, rund fünfzehn Kilometer von der Stadt Linz entfernt. Der Künstler Christoph Mayer, 32 Jahre alt, ist hier aufgewachsen. Er hat die Interviews geführt, die Stimmen aufgenommen und zu einem »Audioweg Gusen« zusammengestellt.

Im Prinzip funktioniert es wie diese Kopfhörer, die man im Museum aufsetzt, um sich die Bilder einer Ausstellung erklären zu lassen. Man geht neunzig Minuten durch St. Georgen und erfährt über den Kopfhörer, was hier passiert ist während des »Dritten Reichs« und wie die Menschen heute, die Opfer, die Täter, die Nachfahren, die neu Zugezogenen, darüber denken. Sehen Sie hier einen Auszug aus dem "Audioweg" BILD

Hier lag das Konzentrationslager Gusen, das sogenannte Zwillingslager des ein paar Kilometer entfernten Lagers Mauthausen. Wenn man so will, war Gusen das Arbeitslager mit Industriehöfen, gewaltigen Steinbrüchen, unterirdischen Arbeitsstätten. Mindestens 37.000 Menschen kamen hier unter grausamsten Umständen ums Leben. Die Zahl der Ermordeten war in Gusen höher als in Mauthausen.

Das Besondere an diesem Konzentrationslager war, dass es mitten im Ort lag, dass es gewissermaßen der ganze Ort war. Die Häftlingssiedlungen, die SS-Baracken, das Krematorium, die Märsche der Gefangenen, die Schreie der Gequälten, der Abtransport der Toten: Alles geschah unmittelbar unter den Augen der Bürger.

Und das Besondere an diesem Lager ist, dass nach 1945 Bürger der Gegend und Leute, die einen Wohnort in der Nähe von Linz gesucht haben, in die Häftlingsgebäude, in die SS-Baracken eingezogen sind. Natürlich wurden manche Häuser neu aufgebaut und alle Gebäude renoviert, hübsche Gärten angelegt und die Straßen frisch geteert. Aber im Grunde sieht manches heute aus wie damals. Ehemaligen Häftlingen, die aus dem Ausland anreisen, verschlägt der Anblick der heutigen Idylle regelmäßig den Atem, etwa wenn sie vor dem sogenannten Jourhaus stehen, dem damaligen Eingangsgebäude des Lagers. Dort begann damals ihre Hölle, heute ist es eine Villa mit Torbogeneinfahrt, Blumen auf dem Balkon und kurz geschnittenem Rasen. Die Besitzer, Gusener Geschäftsleute, haben architektonisch kaum etwas verändert. Auf Fragen, warum sie nichts korrigiert haben, antworten sie nicht mehr. Nur einmal, vor Jahren, hat es der Hausherr getan. Sie mögen die Villa eben so, wie sie ist.