Planet der Waffen

Die linke Hand greift unter den Lauf, die rechte liegt angewinkelt am Abzug. Der Schaft wird gegen die Achsel gedrückt, damit er sicher sitzt, die Schulter etwas hochgezogen, um die Waffe zu fixieren, der Kopf zur Schulter hin angewinkelt, damit das Auge gut durch das gestochen scharfe, dreifach vergrößernde Zielfernrohr schauen kann. Das Fadenkreuz erscheint im Blick und das Ziel - sagen wir mal, der Videomonitor des Messestandes da drüben - im Fadenkreuz. "German Defense Industry" steht dort. Jetzt die Luft anhalten und - klick! - abdrücken.

Es ist so einfach. Besonders ohne Patrone. Ohne diesen ohrenbetäubenden Knall und ohne diesen enormen Rückstoß. Auf einer Autoshow werden von morgens bis abends Türen geöffnet und wieder geschlossen. Auf der Athener Waffenmesse werden von morgens bis abends Gewehre angelegt. Im deutschen Pavillon gibt es dazu Würstchen und Sauerkraut.

Die Messe. Zur Eröffnungsparty der Athener Waffenmesse "Defendory" trägt die schöne Griechin Tina Dimitropoulos ein enges schwarzes Oberteil, das eine Schulter unbedeckt lässt. Ihre Mutter hat eine Doppelreihe Perlen umgelegt, der Bruder kommt im schwarzen Anzug. Die reiche Familie Dimitropoulos hat an diesem Abend in den eleganten Astir Palace, auf einer Halbinsel vor Athen, gebeten. Zum 14. Mal organisieren sie die Messe. Der Pool auf der weiten Terrasse strahlt blau in den dunklen Abendhimmel. Die Klippen dahinter fallen dramatisch steil zum Meer ab. Eine Kulisse, vor der in einem Hollywoodfilm ein Mord stattfände.

Einige Hundert mögen es sein, die der Einladung gefolgt sind. Viele kennen sich, man trifft sich regelmäßig auf den Waffenmessen in Abu Dhabi, Paris oder Farnborough. Es gibt Champagner, es wird viel gelacht, als Höhepunkt des Abends lassen die Dimitropoulos ein Feuerwerk über den Köpfen der Gäste explodieren. Es unterbricht kurz die Gespräche über das große Geschäft, das Russland unlängst mit Venezuela abgeschlossen hat: 100.000 fabrikneue Gewehre hat Moskau verkaufen können, dazu 25 Millionen Schuss Munition und eine Option auf weitere 200.000 Gewehre. Ein gutes Geschäft für Russland. Ein 54-Millionen-Dollar-Deal. Die Gäste blicken in den nachtblauen Himmel. Das ist die Art von Abschlüssen, von denen Waffenhändler an diesem Abend in Athen träumen.

Zur Messe im Hafengelände der griechischen Hauptstadt haben sich über 30.000 Fachbesucher und mehr als 50 offizielle Delegationen angemeldet, Ministerpräsidenten, Botschafter, Generäle aus der ganzen Welt. 60.000 Quadratmeter groß ist dieser Planet der Waffen, seit dem letzten Mal ist er um zehn Prozent gewachsen. Indien ist mit einem großen neuen Stand vertreten, und auch der Ausstellungsraum des Ostens wächst, neben Russland sind Tschechien, die Slowakei, Bulgarien und Litauen dabei. Ein Quadratmeter kostet knapp 1000 Dollar, die meisten haben die USA angemietet.

Kulturelle Unterschiede fallen auf. Es gibt den puritanischen Waffenhändler und den frivolen. Die amerikanischen Verkäufer erinnern in ihrer korrekten Steifheit an Verkäufer orthopädischen Geräts. Die europäischen Stände dagegen mit ihren vielen prallen jungen Verkaufsdamen verbreiten eher die Stimmung einer sexy Autoshow.

Der Branche geht es gut, die Ausgaben für Verteidigung steigen nach einer langen Zeit der Abrüstung wieder. So sehr, dass sie das Rekordniveau des Kalten Krieges erreicht haben. Die Aufrüstung ist im vollen Gange, nur ihr Material hat sich verändert - denn die Kriege haben sich verändert. Sie finden jetzt zwischen Häusern und aus Hinterhalten statt. Guerillakriege, in denen man beweglich sein muss und gern ein gutes Sturmgewehr bei sich trägt. Das russische AK47, das amerikanische M16 oder das deutsche G3. Und so werden in Athen besonders viele leichte Waffen ausgestellt. Pistolen, Maschinengewehre, Granatwerfer, tragbare Panzer- und Flugzeugabwehrraketen.

Abseits der Scheinwerfer, in den Straßen von Bagdad oder in den staubigen Dörfern von Darfur, kann ein guter Schütze mit so einem Maschinengewehr drei bis vier Menschen in einer Minute töten. Vorausgesetzt, sie bewegen sich nicht. Drei bis vier Tote, das mag sich im nuklearen Zeitalter nicht besonders dramatisch anhören. Denkt man an satellitengesteuerte Bomben und Biowaffen, scheint so ein Sturmgewehr nichts zu sein, vor dem man sich allzu sehr fürchten muss. Aber sie summieren sich. Sie sind nämlich billig, diese Kleinwaffen, leicht zu bedienen und im übermaß vorhanden. Es ist nicht übertrieben, zu sagen, dass Kleinwaffen die eigentlichen Massenvernichtungswaffen unserer Zeit sind.

Laut Unicef und dem Internationalen Zentrum für Konversion in Bonn sind 90 Prozent der Kriegstoten der vergangenen zehn Jahre durch Sturmgewehre, Maschinenpistolen oder andere Kleinwaffen ums Leben gekommen. Es gibt sie fabrikneu und gebraucht. Gewehre überleben jeden Krieg. Und solange die UN nicht ihre Panzer drüberfahren lassen, gehen sie so gut wie nie kaputt. Und so reisen die kleinen Waffen mit der großen Wirkung von Bürgerkrieg zu Bürgerkrieg.Zu Zeiten des Kalten Krieges waren es die USA und Russland, die den Strom der Waffen weitgehend kontrollierten. Nur wer für sie Krieg führte, wurde von ihnen ausgerüstet. Ob in Nicaragua, Angola oder Afghanistan. Nach dem Kollaps der Sowjetunion waren die Bürgerkriegsparteien in diesen Ländern auf sich selbst gestellt, und plötzlich brauchten die Warlords sowohl neue Lieferanten als auch neue Finanzierungsmodelle. In Angola und Sierra Leone sind es die Diamanten, mit denen nun der Krieg bezahlt wird. In Afghanistan ist es der Schlafmohn. Die Globalisierung hat den Waffenhandel erreicht.

Wie jede Branche hat auch diese ihre Stars. Da ist zum Beispiel der schillernde Russe Victor Bout, der immer wieder in den Berichten der UN-Experten an den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen genannt wird. Vor zwei Jahren gab er das Vorbild für den US-Film Lord of War ab. Der UN zufolge hat Bout mit seinen Flugzeugen in fast jedes Konfliktgebiet Waffen geliefert, von Sri Lanka über Afghanistan bis in den Kongo. Trotzdem ist er bis heute auf freiem Fuß - weder ihm noch den anderen bekannten Waffenhändlern können die UN das Handwerk legen.

Da sie global operieren und dabei ein Netz von Tarnfirmen benutzen, können die Händler in kaum einem Staat der Welt strafrechtlich belangt werden. Was es auch immer an internationalen Abkommen, Regelungen und Gesetzen gibt, es hinkt den operativen Möglichkeiten der Globalisierung hinterher. Wieder und wieder haben die UN versucht, auf Konferenzen international verbindliche Regeln gegen die Verbreitung der Kleinwaffen durchzusetzen, und sind immer wieder spektakulär gescheitert. Zuletzt im Sommer 2006 am Veto des Sicherheitsratsmitglieds USA.

Wie viele Kleinwaffen es weltweit gibt, weiß niemand. Offiziell sind 17238615 Militär- und Polizeiwaffen aktenkundig. Ihre tatsächliche Zahl schätzt das Genfer Institut für Internationale Studien im Small Arms Survey 2006 weltweit auf 226,3 Millionen - das wären weit mehr als zehnmal so viele. Dazu kommen all die privaten Waffen sowie die circa acht Millionen neuen, die jährlich produziert werden. Unicef schützt die Gesamtzahl auf 600 Millionen. Ein riesiges Reservoir. Wer einen Krieg führen will, zapft es einfach an.

Die Firma. Heckler und Koch beschäftigt knapp 700 Angestellte. Das Unternehmen aus Oberndorf am Neckar ist einer der fünf gröten Hersteller von Gewehren und Pistolen auf der Welt. Auf der Messe in Athen ist es vor allem präsent, weil es kurz vor dem Abschluss eines Auftrags über 100.000 Gewehre für die griechischen Streitkräfte steht. Am Messestand geht es zu wie an einer Kirmesschießbude. Jeder griechische Soldat, der zu Besuch ist, möchte die neue Waffe mit seinen weißen Handschuhen schon einmal anfassen. Griechenland will das alte G3 durch das neue G36 ersetzen. Der Auftrag brächte Heckler und Koch insgesamt 250 Millionen Euro ein.

Wer die Waffe einmal richtig ausprobieren will, mit Patronen, der muss nach Oberndorf kommen. Dort wird er auf ein abgesperrtes Gelände mit viel Rasen und dem firmeneigenen Schießstand gebracht. Es liegt etwas außerhalb, damit die Oberndorfer nicht durch die Salven gestört werden. Auch hier erkennt der Fachmann kulturelle Differenzen. "Die Schweden und Schweizer wissen genau, wie man sich in einem Schießstand verhält", sagt ein Mitarbeiter. "Und sie sind gute Schützen."

Die Firma

Ein saudischer Prinz dagegen spiele vor seinen Begleitern gern mal den starken Mann und wende sich mit der geladenen Waffe den Zuschauern zu. Bislang sei es aber immer gut gegangen. Ein Problem sei allerdings, dass diese Prinzen keine guten Schützen seien. Nur durchs rituelle In-die-Luft-Ballern lerne man das Schießen nun einmal nicht, sagt der Mitarbeiter. Ihm wäre es sehr viel lieber, die Prinzen hätten ordentlich Schießen gelernt, denn trifft der Prinz dreimal hintereinander nicht, liege es natürlich an der Waffe. Und wer kauft schon eine Waffe, die nicht trifft.

Heckler und Koch verkauft dorthin, wo es die Politik zulässt: Mal schauen, was geht. "Ägypten und Saudi-Arabien sind im Moment schwer", sagt Peter Beyerle, der Pressesprecher. "Afrika ist unmöglich, und Thailand kann man seit den Unruhen auch vergessen." Südamerika und Teile der arabischen Welt "sind schwer, aber gehen".

Jedes Geschäft von Heckler und Koch muss vom Bundesamt für Ausfuhrkontrolle (Bafa) in Eschborn genehmigt werden. Denn nur solche Geschäfte sind erlaubt, die die "wesentlichen" Sicherheitsinteressen der Bundesrepublik Deutschland nicht gefährden, das friedliche Zusammenleben der Völker oder die auswärtigen Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland nicht "erheblich" stören. So will es das Kriegswaffenkontrollgesetz. Wie "wesentlich" und "erheblich" im Einzelfall definiert werden, hängt mitunter auch vom guten Verhältnis zwischen Oberndorf und Berlin ab.

Mit Volker Kauder, in dessen Wahlkreis Heckler und Koch liegt, hat die Firma bislang immer einen gewichtigen Fürsprecher gehabt. Einen Zusammenhang zwischen hohen Parteispenden an die CDU in Baden-Württemberg und Kauders Hilfe hat Heckler und Koch immer bestritten. Kauder schreibt auf seiner Website: "Ich unterstütze die heimische Industrie besonders in allen Fragen, in denen der Bund gefragt ist. Bei der Abwicklung von Exportaufträgen helfe ich gerne."

Nicht immer kann sich Heckler und Koch auf die Politik verlassen. Die Entwicklung des G11 für die Bundeswehr etwa hat die Firma nahe an den Bankrott gebracht. Als das Gewehr fertig war, zog die Bundesregierung plötzlich den Auftrag zurück. Die Berliner Mauer war gefallen, die neue Waffe nach Einschätzung der Hardthöhe nicht mehr vonnöten. Und in diesen Wochen versagt die Bundesregierung der Firma für einen bereits eingeplanten Großauftrag aus dem Mittleren Osten die Exportgenehmigung.

Heckler und Koch scheint aber manches Mal auch dorthin verkauft zu haben, wo es die Politik nicht zuließ. Die britische Zeitung Independent beschuldigte die Firma, Mitte der Achtziger über verschlungene Pfade ihre Waffen an Stasi-Offiziere und nach Jugoslawien während eines Embargos geliefert zu haben. Das Bundeskriminalamt ermittelte, aber entweder war der Verstoß, als er ruchbar wurde, schon verjährt, oder Heckler und Koch hatte sich trittsicher im Graubereich der Gesetzgebung bewegt. So zum Beispiel 1993.

Damals stand ein Geschäftsführer der Firma vor dem Landgericht Rottweil, weil man ihm vorwarf, Waffen ohne die nötige Ausfuhrerlaubnis an ein Partnerunternehmen in England und von dort weiter nach Dubai geliefert zu haben. Der heutige Geschäftsführer von Heckler und Koch nennt das einen Fehler.

Wie sich herausstellte, hatte die Geschäftsführung die nach England gelieferten Waffen als unvollständige Bausätze deklariert. Unfertig montierte Waffen also, mit denen man nicht schießen konnte. Dafür wäre eine Ausfuhrerlaubnis nicht nötig gewesen. In Wahrheit fehlte den Waffen jedoch nur der Schlagbolzen. Dieser war jedoch wieder an seinem Platz, als man die Waffen später auf einem Schiff nach Dubai entdeckte.

Vor Gericht sagten Mitarbeiter des Bundesamtes für Ausfuhrkontrolle schon damals, 1993, aus, dass eine effektive Kontrolle wegen der knappen Personaldecke und der Fülle der Anträge kaum möglich sei. Geprüft habe man nur, ob die Formulare richtig ausgefällt waren. In der Sache habe man sich auf die Angaben der Firmen verlassen müssen. Der Staatsanwalt folgerte damals erschüttert, dass ergo der Umgehung des Kriegswaffenkontrollgesetzes Tür und Tor geöffnet sei. Doch Heckler und Koch hatte wieder einmal Glück.

Das Landgericht in Rottweil entschied, man habe es hier mit einer Grauzone im Gesetz zu tun, weil Ausfuhrerlaubnisse eben nur für vollständige Waffen erforderlich seien, und ließ den Geschäftsführer der Firma laufen. Verteidigt wurde Heckler und Koch übrigens von Volker Kauders Bruder.

Herr Rahimi aus Teheran kennt Herrn Beyerle aus Oberndorf natürlich nicht. Aber er kennt das G3. Rahimi arbeitet für die iranische Rüstungsfirma DIO, deren Stand auf der Athener Waffenmesse nur ein paar Meter von Heckler und Koch entfernt ist. Der iranische Stand ist viermal so groß, es gibt Pistazien und Überwachungskameras. Man erkennt Herrn Rahimi und seine Kollegen an ihren beigefarbenen Anzügen, die sie wie Uniformen tragen - wie Stewards einer Airline. Und wie ein guter Steward spricht Herr Rahimi einige Fremdsprachen. Am besten spricht er Deutsch. "Die Grundlage der iranischen Verteidigungsindustrie ist Deutschland", sagt er lächelnd und streicht über seinen sauber gestutzten Vollbart.

Heckler und Koch hatte Iran 1967 die Lizenz zur Produktion des G3-Gewehrs verkauft. 1967, mitten im Kalten Krieg. Iran zu Zeiten des Schahs war ein Freund des Westens, er hatte ein Verteidigungsabkommen mit den USA, dafür kontrollierten die USA sein Erdöl. Heute gehört Iran zur Achse des Bösen und Präsident Ahmadineschads Weigerung, das iranische Atomprogramm zu beenden, hat eine internationale Krise heraufbeschworen. Was also macht Herr Rahimi in diesen Tagen des Oktobers 2006 in Athen? "Oh, wir sprechen mit vielen Ländern. Die aktuelle politische Situation hat keine Auswirkungen auf unsere Geschäfte." Erst im März dieses Jahres verhängten die Vereinten Nationen erstmals Sanktionen, die iranische Waffenexporte verboten.

Die Lizenz von Heckler und Koch gilt auch nach 40 Jahren noch. Sie hat das G3 zu einem der erfolgreichsten Exportprodukte Irans gemacht. Der Small Arms Survey 2006 vermutet, dass Iran heute das zehntgrößte militärische Kleinwaffenlager der Welt besitzt. Vor Deutschland, Platz elf, und den USA auf Platz zwölf. Platz eins belegt China, gefolgt von Russland. Wohin Iran seine G3 verkauft, bleibt im Dunklen.

Illegale Waffengeschäfte kommen meist nur zufällig ans Licht. Leonard Minin, Waffenhändler des liberianischen Diktators Charles Taylor, ging der Polizei nur ins Netz, weil ihn eine Prostituierte in Italien anzeigte. Er habe ihr zu wenig gezahlt, beschwerte sie sich. Im Falle der iranischen G3 brachte der englische Journalist Brian Johnson-Thomas Licht ins Dunkel. Er entdeckte sie an einem Ort, an dem es sie eigentlich nicht geben durfte - in Bosnien zur Zeit des Waffenembargos.

Der Händler

Johnson-Thomas hat sich aus einem geregelten Leben nie viel gemacht. Der ehemalige Marinesoldat und heutige Journalist hat sich stets für besonders gefährliche Geschichten interessiert. Und so wurde er zum Spezialisten für den Waffenhandel. Gerade sitzt er in einem dunklen Pub in der Nähe von Birmingham und zieht im Stakkato an einer Mentholzigarette. Der 59-Jährige hat gute Verbindungen in das Milieu, mit seiner militärischen Vergangenheit, seiner mächtigen Statur und dem struppigen Bart tritt er recht überzeugend auf. So sehr, dass er es sich sogar erlauben kann, feminine Mentholzigaretten zu rauchen.

Die Sache mit den iranischen G3-Gewehren, erinnert sich Johnson-Thomas, begann mit einem Tipp. Ende Juni 1994 klingelte sein Telefon. Ein Bekannter aus Belgien berichtete von einer iranischen Firma, die zur Stunde bei sämtlichen Cargo-Linien in Ostende nachfrage, wer bis Sonntagabend Teppiche von Teheran nach Bosnien fliegen könne. Bosnien befand sich damals im Krieg, das Letzte, was es brauchte, waren Teppiche.

Johnson-Thomas fuhr noch am selben Tag nach Ostende. Dort ließ er sich die Faxe des iranischen Unternehmens zeigen. Eine Teppichladung von 40 Tonnen mit einem Wert von sechs Millionen Dollar? Er mietete das einzige Auto, das auf die Schnelle zu kriegen war, und fuhr nach Kroatien. Die Teppiche sollten zu einem kleinen Militärflugplatz der kroatischen Insel Krk geflogen werden, dort galt das UN-Embargo nicht. Von Krk aus sollte die Ladung in Lastwagen nach Bosnien gebracht werden.

Als Johnson-Thomas in Krk ankam, ging gerade die Sonne unter. Er wartete in der Dämmerung am Rande des Flughafens. Als er die viermotorige Iljuschin 76TD hörte, ein großes russisches Cargo-Flugzeug, sprang er über die Absperrung und lief geduckt in Richtung Landebahn. "Rechteckige grüne Waffenkisten mit iranischen G3 wurden aus der Iljuschin geladen", erinnert sich Johnson-Thomas. Er habe gerade noch gesehen, wie die Waffen in drei Lkw geladen wurden. Dann wurde er von Militärpolizisten verhaftet.

Fünf Tage später ließ man ihn wieder laufen. Die Waffen sah er ein Jahr darauf im bosnischen Bihac wieder, einer Stadt, in der damals jeder zweite Mann mit einem iranischen G3 herumlief. Die Waffen waren leicht zu erkennen, der An/aus-Knopf war in Farsi, der Sprache Irans, beschriftet.

Der Händler. Zur selben Zeit, als die Waffenhändler in Athen die Korken knallen lassen, lädt in Süddeutschland ein Waffenhändler zu seiner sechsten Hausmesse. Er bittet in eine Halle im Industriegebiet der Stadt, handgemalte Pappschilder weisen den Weg.

Der Waffenhändler ist ein großer, bulliger Mann von über 50 Jahren. Er trägt die Weste des örtlichen Schützenvereins. Für die Besucher hat er Biertische aufgestellt und Würstchen gebrüht. In den Waffenständen stehen Bajonette, man kann Pistolen oder Munitionstaschen kaufen. Die Kundschaft, die sich hier sehen lässt, ist ein Querschnitt durch die knapp fünf Millionen Menschen in Deutschland, die sich für Waffen interessieren: Sammler, Sportschützen, Jäger.

Ein grauhaariger Besucher steht fasziniert vor den drei Regalen mit Maschinengewehren. Er nimmt eines der vielen alten AK47 heraus, schiebt seine Nickelbrille auf die Stirn und begutachtet die Mechanik des Gewehrs. Wie gesetzlich für Kriegswaffen vorgeschrieben, ist es "demilitarisiert": Im Gewehrlauf steckt ein Metallstift. Beim Versuch, das Gewehr abzufeuern, würde es dem Schützen um die Ohren fliegen.

Der Waffenhändler hat seine Firma 1989 gegründet, gleich nach dem Fall der Mauer. Er hat dem Ordnungsamt ein polizeiliches Führungszeugnis vorgelegt, eine steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung hat den Nachweis erbracht, dass er als Unternehmer nie gegen Gesetze verstieß, und er hat seine Waffenfachkunde nachgewiesen. Damit war er im Geschäft.

Er startete seine Karriere, als es der Branche richtig gut zu gehen begann. Die Warschauer-Pakt-Staaten hatten jahrzehntelang hart daran gearbeitet, ihre militärische Überlegenheit bei konventionellen Waffen auszubauen. Riesige Fabriken mit Zehntausenden Arbeitern hatten Waffen und Munition produziert, die sich in den Depots der Armeen stapelten. Mit dem Ende des Kalten Krieges begann der große Ausverkauf. Der Ostblock öffnete seine enormen Lager.

Das war die Stunde der neuen Waffenhändler. Anders als die bisherigen Händler, die meistens im Dienst der USA oder der Sowjetunion gestanden hatten und als deren Strohmänner für unsaubere Deals gebraucht worden waren, arbeiten die neuen auf eigene Rechnung. In einer Schattenwelt organisieren sie sich in einem kaum zu überblickenden Geflecht von Subunternehmen. Alles hat sich geändert, die Art der Kriege, die Art der Nachfrage und der Waffenhändler, die Wege der Waffen - nur das Kontrollsystem blieb das alte.

"In Deutschland", formuliert der süddeutsche Waffenhändler, "gab und gibt es nur eine Handvoll von Großhändlern im Bereich des Waffen- und Munitionshandels. Dieses Marktsegment war und ist geprägt von der Tatsache, dass die Mehrzahl der Waffenhändler, Behörden, Hersteller und Endverbraucher keinen eigenen Import, Export und Großhandel betreiben. Meine Firma hat es sich zur Aufgabe gemacht, Waffen, Munition und Sicherheitszubehör zu importieren, zu exportieren und zu distribuieren." Er wollte eine Marktlücke schließen.

Das lokale Ordnungsamt, dafür zuständig, Waffenhändler in der Region zu überprüfen, kennt die Firma seit Jahren. Es hat nie etwas Auffälliges festgestellt. Am 5. Dezember 2003 hat der Waffenhändler, laut Ordnungsamt, das letzte Mal Kriegswaffen importiert, 2000 Sturmgewehre aus England. In seiner Stadt ist der Waffenhändler ein respektierter Mann.

An diesem Nachmittag, an dem er seine Waffen ausstellt, betont er oft, Waffenhändler seien doch eigentlich das Gleiche wie Autohändler, "völlig normale Geschäftsleute". Woher er seine Waffen hat, will er jedoch nicht preisgeben.

Der Jäger

Für seine Messe hat er einiges aus den Kisten geholt. Gewehre hängen an Nägeln an der Wand, die Pistolen liegen auf langen Tischen. Varianten des AK47 aus bulgarischer und chinesischer Fertigung sind zu sehen, mit Gewehrkolben zum Ausklappen oder mit Plastikkolben und Plastikgriff. Die Kalaschnikow war das Standardgewehr des Warschauer Pakts, millionenfach mit leichten Varianten in den Ostblockstaaten produziert. Das 1947 entwickelte AK47 kann ein 30-Patronen-Magazin in drei Sekunden leeren, seine Kugeln können eine menschliche Brust noch aus knapp 1000 Meter Entfernung durchschlagen.

Ein AK47 fällt besonders auf. Es ist mit merkwürdigen Schriftzeichen versehen. Stolz sagt der Waffenhändler, das habe er von der "Mahdi-Armee". So nennt sich die Streitmacht des aufständischen schiitischen Geistlichen Muqtada al-Sadr im Irak. Weitere Angaben zur Herkunft seiner Waffen verweigert er. Neben den 60 bis 80 Kalaschnikows hat er ein paar G3 von Heckler und Koch im Angebot sowie diverse andere Militaria. Außer der Waffe aus dem Irak ist nichts Ungewöhnliches zu sehen.

Er sei als Kind nach Deutschland gekommen, sagt er, als Erwachsener habe er lange "in einem großen Chemiewerk unter anderem mit Wehrtechnik" gearbeitet. Mehr will er auch dazu nicht sagen. Wären Autohändler so verschwiegen? Laut der Wirtschaftsdatenbank Genios macht er Millionenumsätze, die in den letzten Jahren stark angestiegen sind. Der Mann beschäftigt zwölf Angestellte. Das Geheimnis seines Erfolges erklärt er so: "Ein ausgezeichnetes Verhältnis zu staatlichen Stellen weltweit."

Der Jäger. Hugh Griffith sitzt in seiner Wohnung hoch über Sarajevo und blickt aus dem Fenster auf das leicht verschneite Tal mit seinen Friedhöfen, den unzähligen Moscheen und zum Teil immer noch zerstörten Häusern. Griffith ist 35, er ist vor zehn Jahren aus England nach Bosnien gekommen. Zurzeit arbeitet er als freier Ermittler für amnesty international. Seine Hände zittern, er hat vor Kurzem mit dem Rauchen aufgehört.

"Der Waffenhandel ist nur eine Sonderform der Globalisierung", sagt Griffith. "Waffen und Munition sind nach dem Fall der Mauer zu normalen Waren des globalen Marktes geworden, so wie Staubsauger oder Insektenspray." Gerade in Bosnien habe er das gelernt, denn hier seien wieder einmal Waffen aus dem einen Konflikt in den nächsten verschoben worden. "Und ich glaube, dass der deutsche Waffenhändler einer der großen Drahtzieher dieses Handels ist."

Als Griffith Mitte der neunziger Jahre in Bosnien ankam, endete gerade der Krieg zwischen Bosniern, Kroaten und Serben. 100.000 Menschen waren umgekommen, 10.000 davon allein in Sarajevo. Griffith arbeitete damals für die UN mit Polizisten aus Westeuropa zusammen, er beschäftigte sich mit Themen wie Korruption, Kriegsverbrechern und dem Machtmissbrauch privater Sicherheitsdienste. Auf einem Spaziergang im Juni 2005, sagt er, habe ihn dann ein Geheimdienstoffizier auf eine riesige Waffenlieferung von Bosnien in den Irak aufmerksam gemacht. Es sei der "größte Waffenexport seit dem Zweiten Weltkrieg", habe der Offizier gesagt, und es sei nicht auszuschließen, dass da einiges nicht mit rechten Dingen zugehe. Der Mann übergab ihm E-Mails und Dokumente der internationalen Schutztruppe. Darin entdeckte Griffith den Namen des Deutschen. Er hatte offensichtlich alle E-Mails in Kopie erhalten, er schien in einen Deal verwickelt zu sein, der Tausende AK47 und mehrere Millionen Schuss Munition von Bosnien nach Bagdad bringen sollte.

Fasst man die Informationen zusammen, die Griffith bei der OSCE, dem United Nation Development Program SALW und der bosnischen Regierung recherchierte, ging es in dem Geschäft um Teile der etwa 850.000 überschüssigen Waffen aus dem Bosnienkrieg, die die europäischen Streitkräfte eigentlich vernichten wollten. Doch dann lief die Mission im Irak aus dem Ruder, und die Amerikaner brauchten dringend Unterstützung von den irakischen Streitkräften. Die US-Botschaft drängte bei den bosnischen Behörden auf den Verkauf jener Waffen. Die Europäische Gemeinschaft war darüber ziemlich verärgert, denn welcher Bosnier gab noch freiwillig und kostenlos sein Gewehr ab - jetzt, da die Nachfrage stieg und damit der Preis. Doch die USA bekamen ihren Willen und die Bosnier das Geld.

Theoretisch wäre dies ein offizielles Regierungsgeschäft zwischen Bosnien und den USA gewesen, sagt Hugh Griffith. Das Pentagon übergab dieses Geschäft jedoch der privaten Firma Taos. Den Vertrag gibt das amerikanische Verteidigungsministerium auf seiner Internetseite offiziell an. Taos ließ die Waffen im August 2004 von der moldawischen Fluggesellschaft Aerocom nach Bagdad fliegen. Einer Fluggesellschaft, die 2002 in die illegale Lieferung von Waffen aus Serbien nach Liberia verwickelt war, wie Griffith ermittelte, und die zur Zeit des Bagdad-Fluges keine gültige Fluggenehmigung besaß.

Es scheint nicht einmal sicher, ob die Maschine wirklich in Bagdad gelandet ist, denn nach Griffith- Recherchen hat Aerocom dort nie eine Landeerlaubnis erbeten. Hat Griffith also recht mit seiner alarmierenden Vermutung, die Waffen aus Bosnien könnten irgendwo in Afrika gelandet sein? Oder ist ihre Ankunft in Bagdad einfach im irakischen Wahnsinn untergegangen?

Der ZEIT gegenüber hat Taos bestätigt, eine langjährige Arbeitsbeziehung zu dem deutschen Waffenhändler zu unterhalten. Der jedoch bestreitet jede Beziehung zu Taos. Auch die Mails habe er nie bekommen. Der Deutsche wird laut am Telefon und verbittet sich weitere Nachfragen. "Sie wollen mich jetzt verhören? Nein, das machen wir jetzt nicht. Ich habe damit nichts zu tun." Er will mit Schützenvereinen in Verbindung gebracht werden, nicht mit dem Irakkrieg.

Von Informanten hat amnesty international in London erfahren, dass der Deutsche auf Geschäftsreisen gern in besseren Hotels absteigt, in teuren Restaurants isst und sich in vornehmen Clubs amüsiert. Berüchtigt sei er fr seine Pokerrunden. Denn er gewinne so gut wie immer.

Zum Zeitpunkt der Taos-Transporte war der Deutsche schon 15 Jahre im Geschäft und besaß ein gut ausgebautes Geschäftsnetzwerk. Mit einem 14 Jahre jüngeren britischen Waffenhändler hatte er zwei Firmen mit Sitz in Nordengland gegründet. Auf den Engländer und seine Frau sind zudem noch zwei weitere Firmen eingetragen. Doch nach der Beteiligung an diesen Firmen in England gefragt, die im englischen Handelsregister Companies House öffentlich dokumentiert ist, leugnet der Deutsche - wie im Falle Taos - jegliche Kenntnis davon. Warum?

Weder war der Taos-Deal illegal, noch liegt etwas Konkretes gegen die Firmen in England vor. Dass der Handel mit Kleinwaffen kaum kontrolliert wird, ist ja nicht sein Problem. Warum also leugnet er diese so offensichtlichen Verbindungen?

Das Geschäft. Wer sich in die Welt der Waffen begibt, begegnet immer wieder den gleichen Widersprüchen. Nach außen ist es die Hochglanzwelt der nationalen Verteidigung, die Sicherheit, Arbeitsplätze und gute Geschäfte bietet. Sie scheint durch Abkommen, Exportkontrollen und Gesetze perfekt geregelt. Sie präsentiert sich auf den Waffenmessen in Athen, Paris oder Abu Dhabi so glamourös wie eine Oscar-Verleihung. Nach innen jedoch ist sie eine Welt mit vielen grauen halbkriminellen und kriminellen Zonen. Keiner will hier unnötig auf sich aufmerksam machen. Spuren werden verwischt, viel Blendwerk wird aufgebaut. Ein Blick ins Innere dieser Welt erinnert an den Blick in ein Spiegelkabinett.

Das Geschäft

Im August 2004 beantragte der deutsche Waffenhändler beim Bundesamt für Ausfuhrkontrolle im hessischen Eschborn zwei Internationale Einfuhrbescheinigungen, mit denen er in Bosnien Waffen und Munition einkaufen wollte. Sie galten für Pistolen, mehrere Millionen Schuss Munition sowie 14.000 Gewehre - für Sammler schießuntauglich gemacht. Den Wert der Waffen hatte er mit etwa einer halben Million Dollar angegeben. Einen Monat nach dem Antrag wurden ihm die Bescheinigungen ausgestellt.

Um Waffen kaufen zu können, braucht jeder Händler für jedes Geschäft eine sogenannte Endnutzerbescheinigung. Sie soll garantieren, dass der Endnutzer der Waffen "nicht in einem Bürgerkriegsland lebt oder in irgendeinem anderen, das das friedliche Zusammenleben der Völker gefährdet". Eine internationale Regelung dieser Endnutzerzertifikate gibt es allerdings nicht, und so konnte der Deutsche sich seine Bescheinigungen praktischerweise auf eigenem Firmen-Briefpapier schreiben: "Dear Sirs - confirms that the following arms and ammunition are exclusively for the civilian German market and other civilian markets which are not under UN Embargo."

Man kann sich fragen, welchen Sinn eine Bescheinigung macht, die als Endnutzer "den zivilen deutschen Markt oder andere zivile Märkte, die nicht unter UN-Embargo stehen", angibt. Wer genau ist denn nun dieser Endnutzer? Den Bosniern jedenfalls reichte das, und der Deutsche bekam die Erlaubnis, die Waffen zu kaufen.

In Bosnien stießen dann diverse Zwischenhändler zu dem Geschäft dazu. Ivan P. zum Beispiel, ein Waffenhändler, der Mitte der Neunziger laut amnesty in den illegalen Waffenschmuggel in das kriegführende Serbien verwickelt gewesen sein soll und von dem der BND auf Nachfrage sagt, der Mann sei ihm nicht unbekannt. Ivan P. trat in diesem Geschäft als Zwischenhändler zwischen den Bosniern und dem Deutschen auf.

Dann kam die Firma Unis Promex dazu, die die behördlichen Dinge für den Transport regelte. Eine ehemalige Staatsfirma, die nun aus einer winzigen Plattenbauwohnung heraus in einer grauen Hochhaussiedlung am Rande Sarajevos operiert. Von früher geblieben sind hervorragende Kontakte in die Politik und zum Militär. Die Lieferungen des Deutschen wurden anstandslos von den bosnischen Ministerien sowie der seit Ende des Krieges anwesenden europäischen Schutztruppe genehmigt. Nur - in Deutschland ist von diesen Lieferungen nichts angekommen. Wo also sind sie geblieben?

An dieser Stelle des Geschäfts tauchen jene drei englischen Firmen wieder auf, mit denen der Deutsche nichts zu tun haben will. Diese Firmen kauften nämlich laut Unterlagen des bosnischen Verteidigungsministeriums in exakt demselben Zeitraum wie der Deutsche Waffen in Bosnien ein, 74.000 Gewehre insgesamt. Laut diesen Unterlagen hat die Firma des Deutschen knapp 4000 Gewehre erhalten. Gemeinsam wurden alle diese Waffen laut Transportgenehmigungen der europäischen Streitkräfte in den kroatischen Hafen Ploce transportiert.

Hugh Griffith sitzt ratlos in seiner Wohnung in Sarajevo und blättert durch zahllose Transportgenehmigungen für Sturm- und Maschinengewehre, Pistolen und Munition, alle für den Deutschen. Alle haben sie die gleiche Seriennummer wie die offiziellen Transporte aus den Papieren des bosnischen Verteidigungsministeriums, sogar die Namen der Lkw-Fahrer sind gleich. Aber laut Liste des Verteidigungsministeriums sind diese Waffen auf den Transportgenehmigungen nicht verkauft worden.

Als wir den Deutschen nach diesen Lieferungen fragen, wird er ungehalten, er will die Unterlagen sehen. Als er das Fax mit einer Transportgenehmigung für drei Millionen Schuss Munition erhalten hat, ruft er zurück. "Ich bin erschüttert, danke, dass Sie mir das geschickt haben. Die Lieferung dieser Munition ist definitiv nicht von mir veranlasst worden."

Ein Telefonat über den Weg der Waffen nimmt seinen Lauf. Sinngemäß hat es folgenden Inhalt. Ob sein Gesch#ft mit Bosnien generell gleich null sei?, fragt man ihn. - "Es ist fast gleich null. Wir hatten versucht, in Bosnien einzukaufen", das habe sich aber nicht realisiert. - "Weil die Bosnier unzuverlässig sind?" - "Nein. Es hat sich einfach nicht realisiert."

"Sie vermuten also, dass Ihre Formulare..." - "... dort benutzt worden sind." - "Ist Ihnen das schon mal passiert?" - "Nein, weil ich immer alles korrekt gemacht habe." - Was denn sei, wenn die Ware nicht ankomme? Ob er in Bosnien mal nachgefragt habe?, will man wissen. "Ja, und darauf wurde mir gesagt, dass ich vorab bezahlen muss." Er sagt, dass er das Geld immer erst überweise, wenn er die Ware erhalten habe. Das sei ihm sonst zu unsicher. - Ob er noch einmal Kontakt mit dem Zwischenhändler gehabt habe? - "Nein, ich hatte ja auch keine Veranlassung dazu. Ist halt nix geworden, schlag ein Ei drüber."

Die Transporte für den Deutschen und die englischen Firmen wurden in großer Eile durchgeführt, denn ab August 2005 durften keine bosnischen Kriegswaffen mehr verkauft werden. Ein Mitarbeiter von Unis Promex, der Firma in der Plattenbauwohnung, sagt, das Geschäft mit dem Deutschen sei damals nicht zustande gekommen, weil sie den Transport nicht schnell genug organisieren konnten. Von Zahlungsproblemen weiß er nichts.

Ein Vertreter der europäischen Streitkräfte in Bosnien, die den Transport der Waffen offiziell genehmigt haben und über deren Verbleib Bescheid wissen sollten, sagt, er könne in der Sache nicht weiterhelfen. Verantwortlich sei Bosniens Regierung.

Der Referent des stellvertretenden Verteidigungsministers, Oberst Mario Sego, verweist auf die offiziellen Transportlisten des Ministeriums. Mehr wisse er nicht, und ohnehin hätten die europäischen Streitkräfte das letzte Wort.

Also was nun? Ist die Verwirrung das Ergebnis einer überforderten Bürokratie, in die der Deutsche hier mit seinem Geschäft hineingeriet - oder ist sie Teil des Geschäftes? Und wenn das so wäre, warum interessiert das so gut wie niemanden?

Das Schiff

Das Schiff. Ploce ist eine kleine, ruhige Hafenstadt in Kroatien, am Flussdelta der Neretva. Hierhin sind die Waffen für den Deutschen und die englischen Firmen per Lastwagen geliefert worden. Am Hafenkai drängen sich kleine Espressobars so dicht aneinander, als sei ihnen kalt. Es ist schon spät, und in den Speditionsfirmen, die den Weg zum Frachthafen säumen, ist alles ruhig. Vor einigen Tagen ist der englische Journalist Brian Johnson-Thomas hier gewesen. Er ist Kroatien und seinem Thema treu geblieben. Und wieder ist er auf etwas Interessantes gestoßen.

Johnson-Thomas hat herausgefunden, dass die Lieferungen an den Deutschen und die drei englischen Firmen laut Frachtpapieren in Ploce ihren Besitzer gewechselt haben. Die gesamte Lieferung ging nun ausschließlich an eine der drei englischen Firmen. Ausgestellt waren diese Frachtpapiere von Unis Promex, der Firma in der Plattenbauwohnung in Sarajevo.

Zudem stimmte die Zahl der Waffen auf den Lastern mit denen auf dem Schiff nicht überein, auf das die Fracht umgeladen worden war. Sechs Kisten fehlten. Auf dem europäischen Schwarzmarkt, sagt Johnson, hätten die Gewehre einen Wert von 2000 Euro pro Stück, in Zentralafrika von 200 Dollar. Die verschwundenen Kisten fielen aber keinem auf, denn das Schiff verließ den Hafen ohne jede Zollerklärung. Nur wenige Schiffe müssen nicht kontrolliert werden, unter anderem die der europäischen Streitkräfte.

Ist es tatsächlich möglich, dass der Frachter mit den privaten Waffen von den europäischen Streitkräften gechartert worden war?

Die Unterlagen der Spedition und der kroatischen Hafenbehörde legen diesen unglaublichen Schluss nahe, ein Blick in den Computer der Spedition bestätigt das. Und so legte das Schiff, die Sloman Traveler, am 12. Juli 2005 um 9.45 Uhr in Ploce ab. Ein Schiff voller Waffen. In einer Welt ohne Kontrolle.

Und der Deutsche?

Ist es eigentlich erlaubt, mit einer deutschen Importgenehmigung Waffen nach England zu importieren? Eine erste Nachfrage beim Bundesamt für Ausfuhrkontrolle ergibt, dass deutsche Behörden und deutsche Gesetze erst für die Waffen verantwortlich sind, wenn sie deutschen Boden erreicht haben. Man kontrolliere daher nur den Export. Die Auskunft erstaunt, denn genau diese Art des Waffenhandels, von einem Drittland ins nächste, hat Deutschland im Juli 2006 aufgrund eines Gemeinsamen Standpunktes der EU unter Strafe gestellt: Auch der Händler soll für illegale Geschäfte, die von deutschem Boden aus organisiert wurden, zur Rechenschaft gezogen werden können.

Eine zweite Nachfrage beim Bafa ergibt, dass man sich da tatsächlich geirrt habe. Eine Sprecherin sagt, es sei wirklich verboten, Waffen, die mit einer deutschen Importbescheinigung gekauft wurden, in ein anderes Land als Deutschland zu importieren. Es sei denn, der Händler habe sich dafür von der Bafa eine Genehmigung geholt. "Das kommt so selten vor, dass man diese Regelung schon mal vergisst", sagt die Sprecherin.

Hat der Deutsche sich eine solche Genehmigung für England erteilen lassen? "Nein, der besagte Händler hat keinen solchen notwendigen Antrag gestellt", sagt die Sprecherin. Man fühlt sich an die Aussage des Staatsanwalts im Prozess gegen Heckler und Koch aus dem Jahre 1993 erinnert, als es um die Waffen ohne Schlagbolzen ging: "Wenn die Umgehung des Kriegswaffenkontrollgesetzes so einfach ist, dann ist die gesamte Waffenkontrolle eine reine Farce."

Fortsetzung folgt. Die Gäste der schönen Tina Dimitropoulos haben sich mittlerweile in Abu Dhabi wiedergetroffen, bei der ersten großen Waffenmesse im neuen Jahr. Heckler und Koch hat mit Norwegen ein zweistelliges Millionengeschäft über die Lieferung des vollautomatischen Schnellfeuergewehres HK416 abgeschlossen, und der englische Waffenhändler ist mittlerweile an acht Firmen beteiligt. Der Deutsche ist unterdessen nach China gereist, dem Land mit dem größten Kleinwaffenlager der Welt.