Die meisten Namen im folgenden Bericht sind, wie man verstehen wird, falsch. Wahr ist, dass ich verliebt war in Kuba, wahr ist, dass ich mich mit jedem Besuch auf der Insel mehr anstrengen muss, damit die Liebe nicht in etwas anderes umschlägt, Zynismus oder Bitterkeit. Das gelingt dank den Menschen, die in diesem Bericht einen falschen Namen tragen. Es sind meine Freunde. Einige von ihnen habe ich besucht, um zu erfahren, wie die Stimmung ist im Lande, jetzt, wo Fidel Castro auf dem Krankenbett liegt, der máximo líder, Führer und Kopf der kubanischen Revolution.

Mein erster Besuch in Kuba fand Mitte der achtziger Jahre statt. Für eine Jugendzeitschrift sollte ich eine Reportage schreiben über das Befinden der Jugendlichen auf der kommunistischen Insel. Ich beantragte in der kubanischen Botschaft in Bern ein Journalistenvisum. Um es zu erhalten, musste ich angeben, welche Fragen mich interessierten. Was die Jugend von der Politik hält, schrieb ich.

Wenige Tage später bekam ich einen Anruf von René Burri, dem berühmten Fotografen der Agentur Magnum, der das zweitberühmteste Bild von Che Guevara geschossen hat. Burri sollte die Fotos zu meinem Bericht machen. Genauer gesagt war es so, dass der Fotograf auf Einladung des kubanischen Tourismusministeriums einige Wochen lang durch Kuba reiste, und davon würden Bilder für meine Reportage abfallen. Was bist du nur für ein Arschloch, schimpfte der Fotograf, ein Riesenarschloch, und dann wiederholte er es auch noch auf Französisch, denn der Künstler lebte damals in Paris.

So lernte ich, dass man in Kuba über Politik besser nicht redet. Der Fotograf wurde nach meiner Bemerkung beinahe wieder ausgeladen. Und ich lernte, dass man über Kuba nicht reden kann, ohne dass sich Leute, die ihr Leben sonst mit Vernunft und Verstand meistern, in unberechenbare Feuerwerkskörper verwandeln, fähig, vor deiner Nase zu explodieren oder bunte Sterne in den Himmel zu gaukeln.

In der kubanischen Botschaft hatte mich ein Angestellter angesprochen, ob ich nicht ein kleines Paket für seine Familie nach Havanna mitnehmen könnte. Das kleine Paket stellte sich als mittelschwerer Koffer heraus. Dafür holte mich die Mutter des Mannes am Flughafen ab und fuhr mich in ihrem Lada, der sie als hohe Parteifunktionärin auswies, durch die Stadt. Leider, sagte sie, als sie erfuhr, worüber ich schreiben sollte, gibt es unter den Jugendlichen viele, die nur dem westlichen Materialismus nachrennen. Die träumen bloß von dem einen: Jeans. Diese Leute nennen wir Abfall. Dreck. Scheißefresser. Die Frau wusste nicht, dass ich mir erlaubt hatte, den Inhalt des Koffers anzusehen. Er war voller Jeans.

Für die Reportage wurde mir ein Chauffeur zur Seite gestellt und, obwohl bis dahin alle Verhandlungen auf Spanisch geführt worden waren, auch eine Dolmetscherin. Beide musste meine Zeitschrift in Devisen bezahlen.

In der Folge reiste ich nie wieder mit einem Journalistenvisum nach Kuba, nur als Tourist, und vielleicht hat es damit zu tun, dass ich viel mehr in Kontakt kam mit dem Dreck, dem Abfall, den Scheißefressern und dort meine Freunde fand. Auch wenn ich immer wieder Leute traf, die mit Begeisterung und Kampfeslust an die Feindschaft mit dem mächtigen Nachbarn erinnerten, die ethische Überlegenheit der revolutionären Ideen verteidigten und alle Probleme als vorübergehende Schwierigkeiten auf dem Weg zu einer besseren Zukunft abtaten. Aber von diesen Freunden, Schriftstellern, Wissenschaftlern, Sportlern, befindet sich keiner mehr in Kuba. Irgendwann waren sie alle weg, und später vernahm ich, dass sie in Spanien in einer Bar arbeiteten, in Mexiko im Buchhandel tätig waren oder in Miami in der Antirevolutionsindustrie. Aber die andern, die Scheißefresser, sie blieben, immer bereit, für die Revolution auf die Straße zu gehen, wenn die Partei es verlangte. Vielleicht fand sich ja jemand, der ein Paar Jeans verkaufte.

Und so traf ich auch meinen Freund Carlos wieder, illegaler Taxifahrer von Beruf, und als Erstes unternahmen wir eine kleine Spazierfahrt in seinem Ford Farlane, Jahrgang 1956, fast so alt wie ich.

Denn Kuba ist, und das sollte man wissen, will man verstehen, warum die Leute Herzrasen kriegen, wenn von Kuba die Rede ist, ein Paradies der verlorenen Kindheit, Autos wie Spielzeuge, das Lebenstempo einer Spazierfahrt am Sonntag, im Schaufenster nur das Notwendigste, wache Menschen mit viel Zeit, mit Musik in den Füßen, mit Witz und unzähligen unbekannten Schimpfwörtern auf der Zunge. Wir schaukelten im Ami-Schlitten durch die engen Straßen im Zentrum von Havanna, wo mein Freund Carlos König ist, Virtudes, Galeano, Reyna, keine Straßenecke, an der er nicht jemanden grüßte, ein hübsches Mädchen, ihren Zuhälter, den Polizisten, dem er eine Flasche Rum gezahlt hat, weil er, wie er mir jetzt gestand, seit einem Jahr ohne Führerschein war. Carlos las die geheimen Zeichen, die nur für den Eingeweihten eine Bedeutung haben in der brüchigen, grauen Stadt, in der niemand rasch geht, niemand langsam, weil es wichtig ist, nicht aufzufallen: So viele Frauen im Dollarladen, bestimmt ist das Parfum angekommen, das für 3,50 Dollar verkauft wird, und ein paar Matrosen haben Schmuggelware gebracht, siehst du nicht Rosita, ihre prall gefüllte Tasche, und der Tankwart hebt den Daumen. Wenn Carlos abends zurückkommt, dann verkauft er ihm das Benzin, das er tagsüber abgezweigt hat, zur Hälfte des Preises.

Nichts hatte sich verändert in Havanna, nur trug Carlos jetzt einen blendenden Goldzahn, den ihm ein Zahnarzt für achtzig Dollar besorgt hatte. Und neu war, dass er über Satellitenfernsehen verfügte. Denn es gibt erfindungsreiche Leute, die mit Hilfe von Metallplatten, galvanisiertem Zink und einer Schweißanlage Satellitenschüsseln produzieren. Eine solche Anlage kostet auf dem Schwarzmarkt 400 Dollar, der Käufer versteckt sie in einem Wassertank auf dem Dach, legt Kabel zu den Nachbarn und lässt sich monatlich zehn Dollar bezahlen für den Zugang zu all jenen verbotenen Sendern, welche die Touristen in den Hotels ohne Weiteres konsumieren können.