Einmal sitzt Anna auf dem Bett, die blanken Beine von sich gestreckt, mit den Zehen spielend, und Rolando legt ihr einen Brief genau in den Schoß, hinten ragt der Eiffelturm. Da geht es aber los im Parkett! Da schlagen sich einige Herren fast auf die Schenkel vor Begeisterung. Ja, so hat man sich Paris vorgestellt und mittendrin das Traumpaar Anna und Rolando. Die küssen sich beinah richtig. Und alles ist so schön. Schon der Anfang war schön, mit Dampflok im Hintergrund, vorn wurde ein Baguette durch den Bahnhof getragen. Zur Ouvertüre konnten wir sogar zugucken, wie Anna sich im Eisenbahnabteil Strumpfnähte auf die Waden malt, hübsch kokett. Fronkreisch!

Wo sind wir hier eigentlich? In der Berliner Staatsoper Unter den Linden, im Jahre 2007, rund dreißig Jahre nach der Erfindung des Regietheaters. Aber das spielt bei dieser Premiere nun wirklich keine Rolle. Warum einen Stoff befragen, warum überhaupt erst einen Stoff entdecken, wenn man mit Anna Netrebko und Rolando Villazón "richtig lecker Oper" machen kann, wie ein begeisterter Besucher sagt? Wenn sämtliche Vorstellungen auf einen Schlag ausverkauft sind, kaum dass das Zauberwort "Netrebko" ausgesprochen ist? Mit ihr wollte der amerikanische Regisseur und Choreograf Vincent Paterson schon immer was machen. Er hat bei der Blonde Ambition- Tour von Madonna Regie geführt und Videos für Michael Jackson gestaltet. In zwei Jahren wird er in Las Vegas eine Elvis-Presley-Show für den Cirque du Soleil herausbringen. Zum Berliner Operndebüt führte ihn, wie er offen bekennt, vor allem sein Interesse an Anna Netrebko, über die er schon die DVD-Produktion The Woman, The Voice gedreht hat.

Da konnte es nur noch darum gehen, welche Oper am besten passt, wenn der Star in fast jeder Szene auf der Bühne sein und möglichst viele verschiedene Kostüme vorführen soll nebst Schmollmund und Beinen, die Vokalpartien nicht zu vergessen. Und Platz für einen feurigen Liebhaber sollte auch sein. Da bot sich Manon von Jules Massenet schon an, die Geschichte des Mädchens vom Lande, das zuerst die Liebe an die Luxusgier verrät, dann beides haben will, im Gefängnis landet und in den Armen des Geliebten stirbt. Massenets Oper von 1884 hat zudem den Vorteil, dass ihre Rezeption außerhalb Frankreichs im Schatten von Giacomo Puccinis Manon Lescaut steht. Es gibt kaum maßstabsetzende Produktionen.

Paterson hat wasserfeste Klischees um seinen Star arrangiert. Anna mutiert in einem bonbonbunten Petticoat-Paris von Audrey zu Marilyn. Statt der schlichten Dachkammer teilt sie sich mit ihrem Liebhaber ein glänzendes Penthouse. Aus dem "kleinen Tisch", den Manon als Inbild der Liebe in Armut besingt, wird ein Prunkstück zum Sichdraufräkeln. Wenn ab und an Beleuchter mit Filmlampen auftauchen, sind das Ausrufezeichen: Achtung! Großes Kino!

Nun hat Massenets Partitur tatsächlich cineastische Züge. Sie ist zugleich Szenerie und Objektiv, durch das man blickt. Versatzstückhaftes öffnet sich zur Totalen, verengt sich wieder zur Nahaufnahme und bietet viele Facetten. In ihrer Transparenz ist die Musik eher einem Godard nahe als dem Popcornkino, dem hier alles geopfert wird. Auch Massenets genialster Schwenk: Einmal lässt er Theater im Theater spielen, eine Suite barocker Tänze verweist auf die Romanvorlage von 1731. In dieser Klangwelt erinnert sich Manon wieder an ihre Liebe zu de Grieux, der enttäuscht ins Priesteramt floh, und Massenet blendet, ohne die Tonart zu wechseln, vom Theater in die Kirche. Wie ungeschickt von ihm, das genau in der Mitte der Oper zu tun, wo doch die Pause sein müsste! Also wird der Akt genau da durchgesägt. Und die barocken Tänze, eine in ihrer Zitathaftigkeit höchst moderne Intarsie, entfallen bis auf einen einzigen mit peinlichem Gehopse vor Delacroix’ Revolutionsallegorie (Paris!).

Aber da ist auch schon alles egal. Muskulös und penetrant einfarbig haben sich Anna Netrebko und Rolando Villazón bis dahin angesungen, dass einen ihre glühende musikalische Leidenschaft nach der Pause überrascht. Die lebendigste Gestalt bleibt Alfredo Daza als Manons Cousin. Derweil steuert Daniel Barenboim seine Staatskapelle wuchtig an den Farblasuren Massenets vorbei und auf ein Finale zu, dessen kitschige Sonnenuntergangsromantik einem das Resthirn schmelzen lässt. Zum Glück hat Arte alles mitgeschnitten, nebst tosendem Schlussjubel. So kann jeder Opernfreund selbst ausprobieren, wie es ist, im falschen Film zu sitzen.

Weitere Berichte, Reportagen, Rezensionen und Galerien finden Sie auf www.zeit.de/musik