Beim Thema RAF bin ich vielleicht deswegen ziemlich entspannt, weil ich weder ihre Zielscheibe war noch, im Gegensatz zu vielen Generationsgefährten, jemals Sympathien für diese Leute hatte. Die RAF war in den Seventies in unseren Kreisen populär, weil sie sexy gewirkt hat, als angeblicher RAF-Sympathisant mit Guerillero-Touch kriegte man einfach viel leichter eine Freundin. Ich möchte meinem künftigen Kolumnistenkollegen nicht auf die Füße treten, aber Andreas Baader war bei den meisten Frauen an der Uni beliebter als Helmut Schmidt. Deswegen haben sich vermutlich Tausende von jungen Akademikern, die heimlich Schmidt gut fanden und heute FDP wählen, zeitweise als Baader-Sympathisanten ausgegeben. Im Grunde sind halt wieder mal die Frauen schuld. Ich aber war damals so schüchtern, mir hätte sogar die RAF nichts genützt.

Es ging doch aber um Mord! Interessanterweise ist einer der führenden Salonlöwen der Seventies und ein echter Medienliebling dieser Zeit Albert Speer gewesen, NS-Rüstungsminister, der seine Strafe 1966 abgesessen hatte und bei dem es um Mord in noch viel größerem Maßstab ging. Albert Speer war der Peter-Jürgen Boock der Nazis. Er hatte demonstrativ bereut, er war eine Plaudertasche und kam deshalb mit einer milden Strafe davon, mit der Wahrheit hat er es, zu seinen Gunsten, nicht immer genau genommen. Aber ich möchte jemandem nicht zum Vorwurf machen, dass er lügt, um sein Leben zu retten oder eine mildere Strafe zu bekommen, fast alle würden das tun, auch ich.

In der Süddeutschen stand, bezogen auf Boocks Auftritte in Talkshows, das schöne Wort »schauschämen«, Copyright: Willy Winkler. Alle geißeln sie diesen Boock. Speer wurde ja, nach der Haft, Bestsellerautor. Talkshows gab es noch nicht so viele. Aber was sollen solche Leute eigentlich tun nach der Entlassung? Wie können sie es richtig machen? Wenn sie von Hartz IV leben, heißt es, sie liegen dem Staat auf der Tasche. Wenn sie arbeiten, wird das ebenfalls angeprangert, zum Beispiel im Falle des Theaterjobs, den Christian Klar nach seiner Entlassung bekommen soll. Wenn sie schweigen, sind sie verstockt und verweigern sich dem legitimen Informationsinteresse der Öffentlichkeit. Wenn sie reden, sind sie mediengeil und vermarkten ihre Verbrechen.

Manchmal denke ich, dass ich vielleicht doch Christ bin. Den Gedanken der Barmherzigkeit finde ich gut. Jesus hat Verbrechern jedenfalls leichter verziehen als die CDU. Viele verwechseln Barmherzigkeit mit Verzeihen, mit Schönreden, mit Missachtung der Opfer oder mit Schwäche. In Wirklichkeit ist das eher ein Zeichen der Stärke. Zum Thema RAF kann ich nur sagen: Wir leben in einer Gesellschaft, deren bürgerliche Elite Albert Speer wieder in ihre Reihen aufgenommen und zum Tee eingeladen hat. Ich kritisiere das gar nicht. Albert Speer, Mitorganisator von Auschwitz, saß 20 Jahre lang, eine vorzeitige Begnadigung scheiterte vor allem an der Sowjetunion.

Lebenszeichen 2007: Harald Martenstein denkt über den aktuellen Zustand nach - chronologisch archiviert »