In einer der Folgen der Serie Die Simpsons gewinnt Lisa, die Tochter von Marge und Homer, bei einem Quiz. Das ist nicht erstaunlich, denn erstens ist Lisa sehr klug, und zweitens gewinnt sie das Quiz bei einem öffentlich-rechtlichen Radiosender. »Öffentlich-rechtlich« heißt in Amerika: kaum Hörer beim Radio, kaum Zuschauer beim Fernsehen. Lisa gewinnt auch, weil sie die einzige Teilnehmerin am Quiz war, also ohne Konkurrenz.

Und was gewinnt sie? Sie gewinnt Kinokarten für die ganze Familie. Der Film, den ein paar von den Simpsons in einem köstlich verrotteten Avantgarde-Kino, in dem sonst lediglich einige nicht nur von Gott verlassene Typen sitzen, spielt im Kosovo und ist eine Balkantragödie. Was in Goethes Faust »Wenn hinten, weit, in der Türkei, / Die Völker aufeinander schlagen« war, das ist für die Comic-Genies (politisch genauso bedenklich) der Balkan. Man sieht in der Animation die Animation auf der Kinoleinwand: Zwei unermesslich traurige Albaner trotten in einer ebensolchen Landschaft ihres Weges, der nur in den Abgrund führen kann. Dann sieht man in der Totale eine sprechende Bergziege. Sie sagt in einem Ton, den viele tausend Jahre Geschichte in die Tiefe zerren: »Ich bin älter als die Zeit.«

Ich halte diese Simpsons -Folge für eine geniale Parodie auf das öffentlich-rechtliche Milieu. Dieses wird als vollkommen losgelöst vom übrigen gesellschaftlichen Leben und von seinen Medien vor Augen geführt. Öffentlich-rechtliche Medien und der Konsum ihrer Produkte bilden eine Isolierstation, keine unsympathische, weil ja Lisa mit Recht sehr beliebt ist. Aber dennoch geht ein modernder Geruch von diesem Milieu mit seinen Bildungs- und Schein-Avantgarde-Überanstrengungen aus.

Ich lerne aus dieser Satire, dass die Realität des öffentlich-rechtlichen Milieus, dass vor allem die öffentlich-rechtlichen Geltungsansprüche in unseren Breiten ebenfalls nichts als übertrieben sind. Hierzulande gilt, verglichen mit der amerikanischen Satire, ja das absolut Umgekehrte: Wenn es im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Veränderungen gibt, gar eine sogenannte Reform, dann wird das zwanghaft als Haupt- und Staatsaktion gehandelt. Diese Veränderungen passieren tatsächlich über politische Instanzen, die ein Interesse daran haben, anderen einzureden und selber zu glauben, dass wir eine neue Regierung haben, also auch ein anderes Fernsehen. Die Aufregung darüber resultiert nicht nur aus der Langeweile, der man individuell entgehen kann, von der man aber im österreichischen Kollektiv geradezu besessen ist. Ein bissl Kardinal Schönborn, ein bissl Dagmar Koller, Krone gegen Österreich und Helmut Zilk für Grasser, dafür Grasser für Helmut Zilk – das ist nicht abendfüllend, und die Tatsache, dass dieses intelligent überlebende Land spannende Themen sonder Zahl hervorbringen muss, bleibt den einheimischen Medienprofis eine Utopie, an der sie schmatzend herumnagen, die sie aber schon ewig »noch nicht« realisieren konnten.

Die Aufregung über die Veränderung kommt vor allem daher, dass die Öffentlich-Rechtlichen nicht zuletzt deshalb so leidenschaftlich akzeptiert werden, weil sie eine sozialarbeiterische Funktion, eine Betreuungsfunktion haben. Menschen, die Gebühren zahlen, erwarten dafür, selber ein Teil des Mediensystems zu sein, dessen Establishment sich um sie zu kümmern habe. Die Gebührenzahler werden – zum Beispiel durch die aufgeregte Werbung für die Reform – auf diese Erwartung konditioniert. Nicht ohne Traurigkeit las ich einen Leserbrief, dessen Klage über die Absetzung einer Sendung in dem Satz gipfelte: Uns nimmt man Willkommen Österreich weg! Die Veränderung wird als Fehler im Betreuungssystem erfahren.

Unter dem Tick mit dem Betreutwerden leiden nicht bloß die Konsumenten, sondern auch die Produzenten. Ein Komiker vertraute seine Leidensgeschichte ebenfalls einer Zeitung an: Viele Jahre sei er mit seinem Partner vom geschätzten ORF beschäftigt gewesen, dann auf einmal nicht mehr, und ausgerechnet jetzt, wo wegen der Reform Heerscharen von Komikern auftreten, kämen er und sein Partner, das erprobte Duo, schon wieder nicht dran.

Nicht nur Privatleute rufen sich ihren Betreuern in Erinnerung, und so kam es zu dieser Comedy, die alles, was für den Bildschirm produziert werden kann, übertrifft. Das BZÖ nämlich wandte sich mit einer Beschwerde an den »Bundeskommunikationssenat«: »Negiert und totgeschwiegen« würden die Initiativen dieser Oppositionspartei vom ORF. Das ist die lustigste Art, zu erfahren, dass wir Österreicher einen »Bundeskommunikationssenat« haben. Wahrscheinlich bildet er den Überbau des »Lebensministeriums«, das wir ja auch schon haben. »Negiert und totgeschwiegen« fühlt sich das BZÖ, weil es damals bei Bestellung der ORF-Führung mitzureden hatte – irgendwie auch mit den Grünen. Der Herrgott bewahre mir die Fähigkeit, solche gesellschaftlichen Hässlichkeiten niemals durchschauen zu können.

Die Grünen jedenfalls haben jetzt in der Führungselite einen Mann sitzen, den man schon seit geraumer Zeit die Karriereleiter in den ORF hat hinaufkeuchen hören. Pius Strobl entschuldigt derzeit an allen Ecken seine Chefs, indem er den wahren Schuldigen benennt, nämlich unsere »Mentalität«: »Es gehört zur österreichischen Selbstbeschädigungsmentalität, gleich alles Neue zu verteufeln.« Er hätte sich ja gewundert, wäre »alles Neue« sofort erfolgreich geworden; es wäre ihm zwar lieber gewesen. »Aber«, und dann wird die seufzende Theologie des Untergebenen hörbar, »es ist halt nicht alles vom Herrn Generaldirektor abhängig.«

Immerhin sollte der Herr Generaldirektor, nach der Herrschaft der Lodenfraktion im ORF, ein goldenes, auch ein sozialdemokratisches Zeitalter einläuten. Das forcierte Aufschwungsgetue, das die Reform begleitete, hatte – willkürlich oder unwillkürlich – einen parteipolitischen Sinn: Während nämlich Gusenbauer die Aufbruchstimmung, die es nach den Jahren der Schüsselregierung gab, verspielte, spielte die ORF-Reform ein bisschen Aufschwungs-Ersatzdroge.