Wien

Das teuerste Exemplar steht links oben in der Ecke. Es ist eine unauffällige, längliche Holzkiste mit goldenen Lettern: »Glenfarclas1955«. Ihr Inhalt: eine Flasche mit 0,7 Liter schottischen Whiskys, 44,4 Volumprozent Alkohol. Der Preis: 3605 Euro. »Ein sehr seltenes Sammlerstück«, erklärt Mario Prinz, Besitzer der Holzkiste samt Inhalt. Der 52-jährige Whiskyhändler hat dafür bisher noch keinen Käufer gefunden. Angeblich interessiert sich ein Bankbeamter aus Wien dafür. Aber vermutlich, sagt Prinz, wird irgendwann ein japanischer Sammler per Online-Bestellung zuschlagen.

0,7 Liter Feuerwasser für 3600 Euro – es hat keinen Sinn, hier nach dem Preis-Leistungs-Verhältnis zu fragen. »Das versteht eben nur der Liebhaber«, meint Prinz. Wer solch eine Flasche kauft, der erwirbt mehr als einen Schnaps. Er nimmt ein Stück Schottland mit sich heim, das in einem Glasbehälter steckt.

Schottland, das kann mitten im Achten liegen. Dort, in der schmalen, grauen Strozzigasse, steht Prinz in einem kleinen Laden namens Potstill, der zu einer Pilgerstätte der Wiener Whiskyliebhaber wurde. Die Wände des Verkaufsraums scheinen ausschließlich aus Flaschen zu bestehen. Eine wuchtige Theke aus dunklem Holz, eine speckige Couch und ein Tisch in der Ecke – das Potstill könnte ebenso gut ein Pub in einer schottischen Kleinstadt sein. Mit seiner großen roten Nase, seinem von Geburt an blinden linken Auge und dem Gold, das von der Rückseite seiner Schneidezähne hervorblitzt, passt auch Mario Prinz irgendwie in die Rolle eines schottischen Kneipenwirts. 900 verschiedene Whiskys hat er im Sortiment, die meisten davon sind schottische Single Malts.

Im Gegensatz zu industriell hergestellten Whiskys wie Johnny Walker oder Ballantines, die man an jeder Tankstelle kaufen kann, kommt ein schottischer Single Malt aus nur einer einzigen Brennerei, die meist wie ein altmodischer Handwerksbetrieb funktioniert. Er besteht aus gemälzter, über Torffeuer getrockneter Gerste und reift nach dem Destillieren jahrelang in Eichenfässern. Ab einem Preis von 30 Euro ist so eine Flasche zu haben. »Der raue Wind, das Meer, die Küste, ein Dudelsackspieler, der aus dem Nebel kommt«, all das stecke da in so einer Flasche, sagt Prinz. Glaubt man den einschlägigen Büchern anerkannter Whiskyexperten, kann man aus so einem Glas Schnaps auch Dinge wie »Früchtekuchen«, »die Trockenheit von verbrannten Beeren« oder ein »Lagerfeuer aus Treibholz« herausschmecken. Da muss Mario Prinz herzlich lachen. »Das ist teilweise wirklich jenseits von Gut und Böse. So ein freies Assoziieren ist originell, aber wer das erst in einem Buch nachlesen muss, der ist arm.«