Bei der Aufzählung ihrer Nachteile wissen ihre Kritiker gar nicht, wo sie anfangen sollen. Ségolène Royal sei zu weich, zu unerfahren, schrecke vor klaren Entscheidungen zurück und kenne nicht die Härten der großen Politik. Ihr Aufstieg, heißt es, beruhe auf ihrem gefälligen Äußeren und einer gigantischen Medienblase. Ohne ihren Frauenbonus, sagen ihre Widersacher, hätte man sie längst in Stücke gerissen. Und die größte Gefahr sehen sie in ihrer Seid-nett-zueinander-Rhetorik, die ihr Land infantilisiere, alle brutalen Reformzwänge wegwische und geradewegs den Staatsbankrott ansteuere.

Merkwürdig, wie sehr diese Kandidatin die Koordinaten und Köpfe der französischen Politik verdreht hat. Bis vor Kurzem machte Frankreichs Wirtschaftswachstum viele Nachbarn noch neidisch, doch seit Royals Bewerbung gilt die aktuelle ökonomische Flaute als finale Katastrophe. Auch der Aufstieg ins Präsidentenamt scheint neuerdings entwertet: Bislang zählte er zu den härtesten politischen Belastungsproben der Welt und setzte mindestens zwanzig Jahre Erfahrung in Institutionen, Parteien und Regierungen voraus. Frau Royal hat diese Knochenarbeit zwar geleistet, aber sie gilt dennoch als eine Art Mary Poppins, die über Nacht in die Politik eingeschwebt ist. In der Tat hat sie manchmal Unberatenes gesagt, aber im Gegensatz zu Sarkozy hat sie noch nie einen dreiwöchigen Ausnahmezustand in den Banlieues herbeigequasselt. Und der Frauenbonus? Tatsächlich musste sie gegen die Misogynie ihrer sozialistischen Parteigranden antreten und hat unter dem Dauerbeschuss des regierenden Establishments schwerste Prüfungen durchgemacht.

Während Sarkozys Mannschaft wie ein modernes Rollkommando durch Frankreich zieht, in dem dreißig regierende Minister und eine restlos auf Linie gebrachte Mehrheitspartei einen Wahlkampf im Metro-Goldwyn-Mayer-Format führen, hat Royal eine Barfußkampagne absolviert, bei der sie erst die Widersacher im eigenen Lager gewinnen musste.

Dabei brach sie mit sämtlichen Dogmen der Linken. Seit Royal sind Sicherheit, Ordnung und Disziplin keine Monopolbegriffe der Rechten mehr, und mit ihren markt- wie unternehmensorientierten Aufrufen bricht sie die Front der Modernisierungsblockierer und Beamtenrevolutionäre erstmals auf. Kritikern erscheinen Royals Arbeitsmarkt- und Sozialreformen nicht radikal genug, weil sie gern vergessen, dass Frankreich unter der Oberfläche seiner hypermodernen Infrastruktur immer noch ein Land der archaischen Sozialverhältnisse ist. Das staatliche Versprechen formaler Egalität hat viele Vorgesetzte, Arbeitgeber und Vermieter noch nicht erreicht, sondern ist im gigantischen Regulierungsapparat der Bürokratie aufgehoben, der alle mit Schutzgesetzen einmauert. Die Franzosen haben jetzt die Wahl zwischen einem Abrüstungsabkommen in Frieden oder einer Mobilmachung in permanenter Konfrontation.