Härte, Unterordnung, Strafe, Zwang! Ein alter Lehrer verkündet uralte Lehren, und sein Buch ist ein Hit, wird verschlungen, in hochwogenden Bestseller-Auflagen. An der Schwelle des 21. Jahrhunderts, 250 Jahre nach dem großen Pestalozzi und dem nachdenklichen Rousseau, nach 50 Jahrzehnten Laborschule in Bielefeld, der vorbildlichen Wiesbadener Helene-Lange-Schule, nachdem sich einige Kindergärten und Schulen und einzelne Lehrer endlich aufgemacht haben, nicht irgendeine Ideologie, sondern die Kinder respektvoll in den Mittelpunkt ihrer Pädagogik zu stellen, da entfaltet im modernen Deutschland eine Schrift des pensionierten Schulleiters Bernhard Bueb aus dem Internat Salem größte Faszination, die Jugendliche als renitente Egoisten zeichnet, verweichlichende Mütter anprangert und unerbittliche Härte als Tugend verkauft. Ärgerlich. Erschreckend. Ja, eine Zumutung!

Aber verlangt doch Auseinandersetzung. Was ist los in diesem Land, dass es sich berauscht an Themen, die längst erledigt schienen?

Acht Erziehungswissenschaftler haben die Diskussion aufgenommen: Vom Mißbrauch der Disziplin handelt ihr Buch, und daraus kann man manches lernen. Nicht nur über Bueb oder die Erziehungswissenschaft, sondern auch darüber, wie hierzulande öffentliche Diskussionen laufen und warum es so ungeheuer schwierig ist, sie auf Themen zu konzentrieren, die nach vorn führen.

Es sind kluge Beiträge. Die acht hantieren geübt mit schwerem Besteck. Einbettung der Buebschen Thesen in die Erörterung der historischen Entwicklung von Pädagogik unter den Bedingungen zeitgenössischer Ideologiekritik. Buebs Beschwörung einer zu rettenden deutschen Erziehungstradition, die angeblich von Nationalsozialisten und 68ern desavouiert wurde – Mythologisierung! "Im Kern legt Bueb eine Mentalitätsgeschichte Deutschlands vor, die ihm als Folie für die Rehabilitierung eines ungebrochenen, von keinem Anflug demokratischen Denkens beeinträchtigten Autoritarismus dient", schreibt der Herausgeber Micha Brumlik, Professor der Erziehungswissenschaften in Heidelberg.

Buebs Pädagogik stehe in der Tradition der nationalsozialistischen Vordenkerin Johanna Haarer, erläutert der Psychologe Claus Koch. "Das Bild vom Kind erstaunt; es wirkt, als hätte das Menschenbild von Hobbes (homo homini lupus) Pate gestanden, bemerkt Hans Thiersch, Emeritus der Universität Tübingen, es ignoriere "die Schleiermacher’sche Trias von Behüten, Gegenwirken und Fördern", es bleibe Buebs Geheimnis, auf welche Weise die Erfahrung von Unterordnung zur Praxis von Selbstbestimmung und demokratischem Verhalten führen könne. Hier gehe es um Macht. "Die Forderung nach Disziplin zielt auf ihre männliche, bürgerliche und autoritätsbezogene Identität", diagnostiziert Sabine Andresen, Professorin in Bielefeld.

Es kommt einiges zusammen im Schuldregister Buebs. Verharmlost mit der Forderung nach vorbehaltloser Akzeptanz von Macht ihren Missbrauch. Verkennt den Zusammenhang von kindlicher Unterwerfung und der Herausbildung von Intoleranz. Übersieht die Blockierung von Lernprozessen und Kreativität durch Angst, ignoriert die neuere Forschung zum Generationenverhältnis (entspannt). Das ganze Thema – verfehlt, zumindest verschleiert: weil es letztlich eine Debatte mit Stellvertreterfunktion sei. "Es geht um die Definitionsmacht über Kultur und Gerechtigkeit und um die Legitimation von Strategien, mit denen Macht und Einfluss auf wenige beschränkt werden", schreibt Andresen. Will heißen: Sechs! Setzen! Sofort!