Chemnitz

Chemnitz, vormals Karl-Marx-Stadt, besitzt die größte Porträtbüste der Welt, die natürlich Karl Marx abbildet, und nennt sich darum die »Stadt mit Köpfchen«. Barbara Ludwig heißt ihre Oberbürgermeisterin. Zwei Jahre lang war die 45-Jährige Kunstministerin in Sachsen. Nun ist sie in einen Streit um Kunst, Marx und dessen »Köpfchen« verwickelt.

Im fernen Münster in Nordrhein-Westfalen hatten die Macher eines Kunstspektakels namens skulptur projekte münster 07 das Chemnitzer Marx-Köpfchen ausstellen wollen, um »eine Diskussion über das Monument anzuregen, die in der jüngsten Zeit der politischen Umwälzungen nicht geführt wurde«, wie der Kurator Kaspar König sagt, ein Museumsdirektor aus Köln. Für Barbara Ludwig aus Chemnitz ist das ein Ding der Unmöglichkeit: »Es käme keiner auf die Idee, Goethe in Frankfurt zu zerlegen und anderswo hinzusetzen.« Auch die Idee einer Eins-zu-eins-Kopie lehnt sie ab. »Wer tatsächlich Interesse an der Monumentalplastik hat, der muss nach Chemnitz kommen. Der Kopf ist ein Unikat und soll auch ein Unikat bleiben.«

So viel Selbstbewusstsein und Provinzialismus kann wohl nur verstehen, wer in die alte sozialistische Industriestadt im Erzgebirge reist. Häufig liegen Blumen am Fuß des Chemnitzer »Nischel«, wie der Bronzeschädel mundartlich genannt wird. Das einstige Geschenk der Sowjetunion ist das am meisten fotografierte Motiv der Stadt. Und wenn Oberbürgermeisterin Ludwig ihren USB-Stick mit aufgedrucktem Marx-Konterfei auspackt, ernte sie häufig ebenso verdutzte Gesichter, »wie wenn ich in westdeutschen Hotels beim Ausfüllen des Anmeldebogens als Geburtsort Karl-Marx-Stadt angebe«.

Doch auch Münsteraner können dickschädelig sein. Nun möchte der Künstler, der ursprünglich den Schädel hatte verpflanzen wollen, denselben öffnen, um sein Innenleben mit einer Kamera zu erkunden. Marx dekonstruiert! Barbara Ludwig findet die Idee toll. Tobias D. Höhn