Ein Euro weckt zwei Wünsche. Zwei Euro wecken vier Wünsche. Und 200 Milliarden Euro mehr in der Kasse wecken so viele Wünsche, dass ein Finanzminister schon mal die Geduld verliert. Immer höher haben sich in den vergangenen Tagen die Erwartungen auf zusätzliche Steuereinnahmen geschraubt. So hoch, dass Peer Steinbrück zuletzt das Ergebnis der offiziellen Schätzung einfach vorwegnahm – nur um gleich darauf zu betonen, dass es nichts zu verteilen gebe.

Tatsächlich hat der Wirtschaftsaufschwung die Große Koalition kalt erwischt. Am Anfang dieser Regierung stand das Wort vom Staatsbankrott, es war von "Heulen und Zähneklappern" die Rede und vom unbedingten Willen zur Konsolidierung des Haushalts. Jetzt aber, da der Aufschwung dem Staat ganz unverhofft neue Steuermilliarden beschert, ist so viel Geld da, dass Schwarz-Rot sparen und sinnvoll investieren könnte. Bloß wie? Die Koalition hat kein Konzept, längst ist nicht ausgemacht, wofür es Geld geben könnte und wofür nicht. Sechs bittere Jahre lang war in Deutschland nur von Kürzen und Streichen die Rede, jede Gestaltungskraft verkümmerte. Einzig die alten Reflexe funktionieren noch: Wenn es schon etwas zu verteilen gibt, dann doch bitte für alle Ressorts. Dabei wäre es gerade im Boom wichtig, klare Prioritäten zu haben.

Dieser Aufschwung ist schließlich nicht einfach so übers Land gekommen. Dazu beigetragen hat, dass Schwarz-Rot zu Beginn der Regierungszeit – entgegen der Forderung vieler Ökonomen – zunächst ein Konjunkturpaket lancierte und erst im Jahr darauf die Mehrwertsteuer heraufsetzte. Alles andere hätte die Wirtschaft gleich wieder gebremst. Zum Aufschwung beigetragen hat auch die rot-grüne Vorgängerregierung, die den Arbeitsmarkt reformierte und die Arbeitslosenhilfe mit der Sozialhilfe zusammenlegte. Nun nehmen viele Jobsuchende selbst vermeintlich unattraktive Stellen an, um nicht in Hartz IV zu rutschen – auch deshalb sinkt die Zahl der Kurzzeitarbeitslosen derzeit so stark.

Die eigentliche Leistung der vergangenen Jahre aber war eine andere. Erst als klar wurde, dass sich alle mehr anstrengen müssen, konnte Deutschland wieder aufsteigen. Dieser Mentalitätswandel verbindet die Angestellten, die mehr arbeiteten und auf Lohn verzichteten, mit den Unternehmen, die alte Produkte verwarfen und neue entwickelten. Doch ausgerechnet jetzt, da sich die Anstrengungen zu lohnen beginnen und die Menschen wieder Mut fassen, fürchtet sich die Politik. Müsste es nun nicht darum gehen, das Land so zu verändern, dass der Aufschwung möglichst lange anhält? Wäre es nicht wichtig, alles dafür zu tun, dass der nächste Abschwung weniger hart ausfällt? Kurz: Müsste sich die Koalition nicht etwas mehr anstrengen? Die Botschaft der Agenda 2010 lautete, dass jeder Einzelne mehr tun sollte. Die falsche Botschaft des Aufschwungs wäre, dass alles getan ist.