Paul Verhoeven mag es drastisch. Seine Fantasien gleichen Hieronymus-Bosch-Welten, er wird nicht müde zu behaupten, sie speisten sich aus der Gewalt seiner holländischen Kindheit am Ende des Zweiten Weltkriegs. In fünfunddreißig Jahren Regie-Karriere hat er fleißig an der Spirale des Tabubruchs gedreht und davon zwanzig Jahre in Hollywood gegen die scheinfromme Political Correctness gearbeitet.

Der Mann hat ein Image zu verlieren, das ihm Kritik auf der Skala von "brutal, aber schick" bis "moralisch, aber vulgär" einbrachte. Bilder mit zähem Eigenleben sind ihm gelungen: zum Beispiel die der lebensgierigen Sex-Anarchistin in Türkische Früchte , die vor ihrer Krebskrankheit flieht, und die Yuppie-Welt von Sharon Stone in Basic Instinct . Sexuell aggressive Frauen sind eine Obsession von Verhoeven, Geschichten über Vergeltung und die Konfusion von Gut und Böse eine andere. In Robocop litt die abgerichtete Ganzkörperprothese von Peter Weller am Rachetrieb, in Total Recall befreite ein mit implantiertem Agentenhirn gesteuerter Arnold Schwarzenegger den Mars nur virtuell von Schurken. Widerstandsgruppen, die sich handelnd in die Strategien ihrer Gegner verstricken, sind auch in Starship Troopers und Hollow Man ein Leitmotiv.

Kolportage und grimmiger Pulp-Humor sind den Hollywood-Buchhaltern verdächtig, meint Verhoeven. So kam der verlorene Sohn zurück und knüpfte mit der deutsch-niederländischen Koproduktion Blackbook an seine Ursprünge an. Beim Militär lernte er filmen, und schon Soldaat van Oranje schilderte 1977 eine Studentengruppe im Widerstand gegen die Nazis. Von deren patriotischem Gutmenschentum ist nichts übrig geblieben.

Black Book erzählt einen komplexen Widerstandsthriller bis hinein in die chaotischen Tage der Abrechnung im Schatten der Befreiung. Die Hauptfigur wird als Kollaborateurin denunziert und mit Kot beworfen, während die echten Verräter ihre Flucht organisieren und eine wüste Metzelei unter den Mitwissern einsetzt. Die Stunde null ist ein humanes Desaster. Beim Filmfinale geht der Krieg weiter, jetzt in einem Kibbuz – das zynische Resümee ist deutlich von der gegenwärtigen Terrorangst infiziert.

Verhoeven setzt hyperrealistische Antithesen zum klassischen Widerstandsideal, das auch in den Niederlanden dominierte. Mit mehreren Schlüssen und Wendungen schraubt sich der Plot hinein in Verrat und Kumpanei zwischen Nazi-Stereotypen, perfiden Kollaborateuren und von antisemitischen Ressentiments beherrschten Untergrundkämpfern.

Eine SS-Einheit ermordet und beraubt vermögende Juden, denen von scheinbaren Helfern die Flucht in den befreiten Süden versprochen wurde. Im Mittelpunkt eine junge Frau, die den Überfall allein überlebt. Sie ist eine jener frivolen Pin-up-Heldinnen Verhoevens, die er hemmungslos plakativ gegen das latente Gewaltpotenzial der prüden Mehrheit stellt. Als subversiver politischer Gangsterfilm entmystifiziert Black Book Geschichtsklischees, als visuelles Stilprodukt klotzt er dagegen mit aufgesetzten Sex-and-Crime-Karikaturen, knalliger Farbigkeit und rasanter Montage aus mehreren parallel aufzeichnenden Kameras (die Karl Walter Lindenlaub einrichtete).