Sieht so ein Weltenretter aus? Ein hagerer, etwas hölzerner, fast schüchterner Mann mit ergrautem Vollbart und großer Goldrandbrille. Ein freundlicher Zeitgenosse, den man gerne zum Nachbarn hätte, weil er konzentrierte Ruhe ausstrahlt. Er sitzt in einem lichten Büro am Hamburger Hafen. Auf dem Tisch steht eine Schale mit dünnen Knäckebrotecken. In wenigen Tagen wird sein größtes Projekt starten, von – wie er hofft – globaler Wirkung. Doch von Anspannung ist wenig zu spüren. BILD

Vor 27 Jahren hat dieser Jakob von Uexküll, ein gescheiterter Journalist und Weltreisender, der als Briefmarkensammler und -händler ein kleines Vermögen machte, den Alternativen Nobelpreis gestiftet. Alljährlich zeichnet er Menschen aus, die sich für die Rettung der Umwelt und der Regenwälder, Kleinbauernprojekte in Entwicklungsländern oder alternative Energien einsetzen. Manchem Preisträger hat die damit verbundene Publizität schon das Leben gerettet, vielen anderen geholfen, ihre Arbeit mit größerer Breitenwirkung fortzusetzen.

Jetzt beginnt der Deutsch-Schwede, der zwischen seinem Wohnsitz London und der Hansestadt pendelt, wenn er nicht weltweit unterwegs ist, ein noch ehrgeizigeres Vorhaben: den Weltzukunftsrat, eine Verkörperung des »Weltgewissens«, eine »Stimme der Weltbürger«, einen »Hüter der künftigen Generationen«, wie es der 62-Jährige ganz unbescheiden nennt. 50 Wissenschaftler, Politiker, Umwelt- und Menschenrechtskämpfer aus allen Erdteilen treffen sich von dieser Woche an in Hamburg, um sich als globaler Rat der Weisen zu konstituieren. Darunter sind bekannte Namen wie Bianca Jagger, der Atomphysiker und Philosoph Hans-Peter Dürr und der jordanische Prinz El Hassan, Präsident des Club of Rome.

Wofür braucht die Welt diesen Zukunftsrat? Gibt es nicht schon genügend Gremien, UN-Konferenzen, Initiativen, die sich mit dem Klimawandel, der Umweltverschmutzung, mit Energie-, Ernährungs- und Friedensfragen beschäftigen? Von Uexküll gibt darauf eine klare Antwort: Die Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft hätten versagt. Mit ihrer falschen Art der Globalisierung hätten sie die Welt auf den Abgrund zugesteuert. »Die Politiker verlieren dadurch noch mehr Vertrauen. Aber es gibt noch Menschen, die Vertrauen genießen.« Einige davon will er in seinem Rat versammeln – wie es einst die Inder oder die Indianer machten. »Bei denen hat sich auch ein Ältestenrat um die Zukunft gesorgt.«

Wenn man ihn reden hört, kann man ihn leicht für einen naiven Weltverbesserer halten. Wo andere beispielsweise vorrechnen, dass der Kampf gegen die Erderwärmung die Menschheit unter anderem vor gewaltigen ökonomischen Schäden schütze, beruft er sich auf einen ethischen »Brutinstinkt«: »Die meisten von uns spüren die Verpflichtung, unseren Kindern eine bessere Welt zu hinterlassen. Zumindest keine schlechtere. Aber sie leben nicht danach.«

Noch bis vor Kurzem hätte man eine solche Haltung als weltfremd abgetan. Ein übrig gebliebener Ökoradikaler, der immer noch die Notwendigkeit des Verzichts predigt und sich einfältig gegen die Kräfte des Marktes stellt – und gegen den Zeitgeist. Doch irgendwie ist dieser Geist zu ihm zurückgekehrt. Heute unterstützen ihn der frühere UN-Generalsekretär Butros-Ghali, Klaus Schwab, der Gründer des Weltwirtschaftsforums, und der Hamburger CDU-Senat. Heute befasst sich selbst der UN-Sicherheitsrat mit den Folgen des Klimawandels. Al Gore, auch so ein unbeirrbarer Ökoprediger, den von Uexküll gerne zitiert, hat Millionen zum Nachdenken gebracht. Eine bittere Genugtuung für von Uexküll. »Als ich vor fünf Jahren die Idee des Weltzukunftsrats hatte, hätte ich nicht gedacht, dass er so schnell so dringend würde.« Selbst die Fundamentalisten bei den Grünen, für die er in den achtziger Jahren im Europaparlament saß, hätten nicht vorhergesehen, »dass das Klimachaos so schnell voranschreitet«.