Es sind also doch nicht die Bürokraten, die über Europa entscheiden: Ein kurzer Satz des neu gewählten französischen Präsidenten hat es am Sonntagabend in Paris demonstriert. "Jetzt ist Frankreich wieder zurück in Europa", rief Nicolas Sarkozy in der Stunde seines Triumphes. Es war das Signal an seine künftigen Kollegen in Brüssel, Berlin und London: Ich bin da, Europa. Nun geht es los.

Noch ist er im Elyseepalast nicht eingezogen. Doch schon wirkt der Zauber des Anfangs. Denn auf einmal geht es in der EU nicht mehr nur um Institutionen und Paragrafen. Es geht auch darum, wer Europa seinen Stempel aufdrückt. Mit Sarkozy ist ein Politiker auf die Bühne getreten, der Star-Potenzial hat. Allerdings auch einen Hang zur Egomanie, womöglich zum Nationalismus. Keiner weiß, was für einen Europäer dieser französische Präsident abgeben wird.

Bekommt die Bundeskanzlerin, die erklärtermaßen die EU-Verfassung retten will, in ihm einen Verbündeten? Gönnt ihr der kleine Mann, der sich im Wahlkampf auf einem weißen Pferd fotografieren ließ, die Rolle als Verfassungsretterin und reiht sich ein ins europäische Gruppenbild? Oder erwächst Angela Merkel in Nicolas Sarkozy ein eifersüchtiger Konkurrent? Und wie werden sich die beiden mit dem grummelnden Gordon Brown, dem künftigen britischen Premierminister und dritten mächtigen Europäer, verstehen? Schon konstruieren die Pessimisten einen Machtkampf um die Führung der EU. Schon spekulieren die Optimisten auf das Triumvirat der Reformer.

Alle warteten auf den Nachfolger Chiracs

Die Realisten aber setzen auf den Pragmatismus der drei. Denn ein Bedürfnis eint sie alle: Sie brauchen eine EU, die funktioniert, die nüchterne Kanzlerin ebenso wie der britische Premier, der sein Handwerk als Finanzminister gelernt hat. Und auch Sarkozy, der Theatraliker, ist ein Macher.

Mehr als ein Jahr döste die Europapolitik in einer sogenannten Denkpause vor sich hin, einer Pause vom Denken. Nichts geht ohne Frankreich, lautete die Maxime, und Frankreich hatte sich eine Auszeit genommen. Nach dem gescheiterten Referendum über die EU-Verfassung küsste Präsident Chirac galant Merkels Hände und verwaltete fürderhin. Alle warteten auf seinen Nachfolger. Sei der erst da, so die Hoffnung, könne endlich entschieden werden: über die Verfassung, die gemeinsame Außen-, Sicherheits- und Justizpolitik, die wirtschaftlichen Reformen. Über Europas Zukunft.