Wieder unter Kriegsrecht?« steht auf den Plakaten der Demonstranten, die sich an diesem Nachmittag vor dem Obersten Gerichtshof in Manila versammelt haben. Ein paar Hundert Menschen nur, auf der einen Seite blockiert von hupenden Sammeltaxis mit bunten Jesusbildern, auf der anderen von Polizisten, die mit ihren Holzknüppeln schlenkern. Bewegen sich die Demonstranten, rückt auch der Wagen mit den Wasserwerfern ein Stück näher. In Slum geboren, in Slum gefangen: Ein zehnjähriger Junge in Manila BILD

Wieder unter Kriegsrecht? Diese Frage stellen sich die meisten Filipinos in diesen Tagen. An diesem Montag finden die Kongresswahlen statt, die auch über das Schicksal von Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo entscheiden – und nicht zuletzt über die Zukunft der ältesten Demokratie Südostasiens. Arroyos Amtszeit geht bis 2010, danach darf sie eigentlich nicht mehr antreten. Aber angeblich bereitet sie schon ihren Machterhalt vor. Gewinnt allerdings die Opposition am Montag ein Drittel der Sitze im Repräsentantenhaus, dann droht Arroyo ein Amtsenthebungsverfahren. Die Präsidentin wird des Wahlbetrugs, der Vetternwirtschaft und der Beteiligung an kriminellen Machenschaften ihres Ehemannes verdächtigt. Denkbar ist aber auch, dass die Regierung wie schon vor drei Jahren bei der Wahlauszählung betrügt und einen Volksaufstand provoziert. Eine weitere Option ist das Thailand-Szenario: Das Militär übernimmt die Macht.

Am schlimmsten wäre es für die meisten Filipinos jedoch, wenn gar nichts passierte. Denn seit Arroyo 2001 das Amt von dem in Schimpf und Schande zurückgetretenen Joseph Estrada übernommen hat, gleitet das Land in Willkür und Staatsterror ab: Demonstrationen werden blutig beendet, Regimegegner getötet, von über 800 Opfern spricht die Menschenrechtsgruppe Karapatan. Jornalisten werden mit Verleumdungsklagen mundtot gemacht – oder umgebracht. Die Organisation Reporter ohne Grenzen hat seit2002 29 ermordete Journalisten gezählt, damit sind die Philippinen für Journalisten das zweitgefährlichste Land nach dem Irak.

Dass das Land wieder auf eine Diktatur zusteuert, wenngleich demokratisch bemäntelt, befürchten auch internationale Beobachter, erst recht, seit im Februar vergangenen Jahres die Präsidentin wegen eines Putschversuchs für einige Tage den Notstand ausrief. Noch immer ist umstritten, ob dieser Putsch stattgefunden hat – oder ob Arroyo ihn lediglich fingiert hat, um ihre Machtbefugnisse auszuweiten. Denn während des Notstands können Demonstrationen verboten und Angeklagte ohne Haftbefehl festgehalten werden; tatsächlich wurden Dutzende Regierungskritiker vorübergehend verhaftet. Auch jetzt, in den Wochen vor der Wahl, werden Oppositionspolitiker auf diese Weise aus dem Verkehr gezogen.

Und so kämpft, während sich draußen vor dem Obersten Gerichtshof Demonstranten und Polizisten belauern, drinnen Arroyos populärster Gegner um seine Freilassung: Satur Ocampo, 68 Jahre alt, ist Spitzenkandidat der wichtigsten Oppositionspartei Bayan Muna (»Das Volk zuerst«). Mitte März wurde er verhaftet mit der Begründung, er habe 1985 die Ermordung mehrerer kommunistischer Verräter befohlen. Es gibt keine Beweise, der Politiker saß damals als politischer Häftling des Marcos-Regimes im Gefängnis und wurde später amnestiert. Auch die Bundesrichter sehen die Vorwürfe als nicht haltbar an. Wenige Tage nach der Anhörung heben sie den Haftbefehl wieder auf.

Ocampos Partei ist zwischenzeitlich in den Umfragen von knapp 19 auf 28 Prozent der Stimmen gestiegen. Durch eine Besonderheit des Wahlsystems dürfen jedoch Listenparteien, zu denen auch Bayan Muna gehört, maximal drei Sitze – und alle zusammen höchstens 20 Prozent der Mandate im Repräsentantenhaus besetzen. Die anderen 80 Prozent der Abgeordneten werden in den Distrikten direkt gewählt; die meisten stehen Arroyos Unterstützern nahe. Fast die Hälfte der Wähler will Umfragen zufolge für die oft oppositionellen Listenparteien stimmen, der Bauernsohn Ocampo ist für sie ein Lichtblick in diesem semifeudalistischen, von korrupten Eliten regierten Land, in dem knapp die Hälfte der Menschen mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen muss. Die Mittelschicht wandert unterdessen ab. Jährlich verlassen über eine Million Filipinos ihre Heimat, um im Ausland Arbeit zu suchen.